Kontroverse um Nationalismus

18. Juni 2018 14:13; Akt: 18.06.2018 16:36 Print

Deutsche sollen an WM nicht zu fest jubeln

Wie viel Patriotismus dürfen sich die Deutschen an der WM erlauben? Die Grüne Claudia Roth mahnt zur Zurückhaltung – und wird dafür angefeindet.

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«Feiern ja, Nationalismus nein»: Die deutsche Grünen-Politikerin Claudia Roth begegnet der WM-Euphorie in ihrem Land mit Skepsis. Die Bundestagsvizepräsidentin warnte im Interview mit dem «Tagesspiegel» vor einer «nationalen Selbstbeweihräucherung». «Ich will auch niemandem verbieten, ein Fähnchen aufzuhängen. Ich finde aber, dass es uns Deutschen gut zu Gesicht steht, wenn wir Zurückhaltung walten lassen», sagt die Grüne. Die Fans auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg zeigten ganz selbstverständlich Flagge. Roth kritisierte, dass die AfD versuche, die deutsche Fahne und die WM-Begeisterung zu instrumentalisieren. Grund zum Jubeln hatten die Deutschen aber ohnehin nicht. Sie verloren am Sonntag 0:1 gegen Mexiko. In Hamburg kannte die Fantasie in Sachen Kostümierung keine Grenzen. Schwarz-Rot-Gold überall: Roth schlug nach ihren Äusserungen in den sozialen Medien vor allem Unverständnis und Kritik entgegen. Einige User schlugen sich aber auch auf ihre Seite. Das Auftaktspiel war für Jogi Löws Mannschaft gegen die starken Mexikaner nicht erfolgreich. (Sonntag, 17. Juni) Die Mittelamerikaner boten dem Titelverteidiger in der ersten Halbzeit die Stirn. Vor Neuer wurde es wiederholt gefährlich. In der 35. Minute erzielte Lozano (l.) den verdienten Führungstreffer für seine Mannschaft. Toni Kroos kam dem Ausgleich am nächsten. Sein Freistoss ging kurz vor der Pause allerdings nur an die Latte. In der zweiten Halbzeit war Deutschland zwar mehrheitlich am Drücker, doch fand das Team von Jogi Löw kein Mittel, die mexikanische Abwehr zu durchbrechen. Eine Auftaktniederlage gab es für die Deutschen bisher erst einmal: 1982 verloren sie 1:2 gegen Algerien. Entsprechend gross war die Enttäuschung nach dem Spiel. Freuen konnte sich hingegen Mexiko. Durch unangenehmes Konter-Spiel und solide Defensivarbeit erarbeiteten sich die Spieler den Sieg verdientermassen.

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Die Vizepräsidentin des deutschen Bundestags, Claudia Roth von den Grünen, hat ihre Landsleute während der Fussball-Weltmeisterschaft in Russland zur Zurückhaltung ermahnt.

«Natürlich darf man sich freuen, wenn die deutsche Mannschaft gut spielt und gewinnt. Und ich will auch niemandem verbieten, ein Fähnchen aufzuhängen», sagte Roth in der Sonntagsausgabe des Berliner «Tagesspiegels». «Ich finde aber, dass es uns Deutschen gut zu Gesicht steht, wenn wir Zurückhaltung walten lassen mit der nationalen Selbstbeweihräucherung.»

Roth schlägt Kritik entgegen

Roth verwies in diesem Zusammenhang auf das Erstarken des Rechtspopulismus. Mit der AfD gebe es nun eine Partei, die die deutsche Fahne instrumentalisiere, um Ausgrenzung gegenüber anderen Menschen zu signalisieren. «Das lässt sich nicht einfach so ausblenden, das sollten wir im Blick haben. Deshalb: Feiern ja, Nationalismus nein.»

Die Reaktionen auf Roths Empfehlung liessen dann auch nicht lange auf sich warten. Sowohl andere Medien als auch Twitter-Nutzer und User anderer sozialer Netzwerke griffen Roths Äusserungen kritisch auf. Die «Welt» etwa nennt Roth in einem Kommentar süffisant «das moralische Ankerzentrum der Republik».

Der Medienanwalt, Blogger und dem rechten Spektrum zugerechnete Publizist Joachim Nikolaus Steinhöfel sieht in Roths Aussagen «kleinbürgerliches Unteroffiziersgehabe».


Andere Twitterer sehen das ähnlich.




Der liberalkonservative Journalist Roland Tichy sieht Roth auf einem «Feldzug gegen das miese Stück Scheisse-Land».




Doch die Grünen-Politikerin bekommt auch Unterstützung.




Am Sonntag hatten die Deutschen aber ohnehin nicht viel zu jubeln: Ihre Mannschaft verlor 0:1 gegen Mexiko.

(20min/afp)