Shaolin-Meister

25. November 2019 20:30; Akt: 25.11.2019 20:30 Print

«Jeder Moment deines Lebens ist eine Übung»

Walter Gjergja ist Shaolin-Meister. Mit seinen Anleitungen verhilft er der westlichen Welt zu mehr Gelassenheit und berät Topmanager und Profisportler.

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Dein Meister-Name ist Shi Xing Min, getauft bist du aber auf den Namen Walter. Wie bist du als italienischer Junge zur Shaolin-Philosophie gekommen?
Ich bin in einem kleinen Dorf in Italien aufgewachsen und war ein eher introvertiertes Kind, das den ganzen Tag am liebsten gelesen hätte. Mit 13 entdeckte ich auf meinem Schulweg eine Shaolin-Schule. Von da an begann ich, dort intensiv Kampfsport zu trainieren und immer mehr über die Shaolin-Philosophie zu lernen. Es war ein Gefühl, wie nach Hause zu kommen.

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Meditierst du?

Was hat dich dazu bewogen, dein Leben komplett dieser Philosophie zu widmen?
Mit Mitte 20 zog ich nach Australien, um Wirtschaft zu studieren, und arbeitete darauf als Berater mit eigener Firma. Während dieser Zeit reiste ich auch das erste Mal ins Kloster nach Dengfeng. Als ein grosses Arbeitsprojekt fertig war, wusste ich, dass es Zeit ist, meine Shaolin-Ausbildung zu komplettieren. In dieser Zeit habe ich viel unterrichtet und gemerkt, dass dies mein Schicksal ist. Eine Karriere als Strategieberater mit 28 an den Nagel zu hängen, war für mein Umfeld aber nicht ganz verständlich.

Musstest du eine Aufnahmeprüfung machen im Kloster?
Im Kloster ist jeder willkommen. Wer sich aber als Meister ausbilden lassen will, muss beweisen, dass er die körperliche und geistige Fähigkeit hat, um wirklich durchzuhalten. Es ist vergleichbar mit einem Sommerkurs in Harvard: Den können sich viele ermöglichen. Eine Professur dort abzuschliessen, ist aber eine komplett andere Sache.

Als Meister im Kloster dreht sich der ganze Tag darum, achtsam zu sein und zu lernen. Wie gelingt dies in einer hektischen Stadt?
Das stimmt, im Kloster ist der Tag sehr ruhig und langsam getaktet. Es gibt eine gewisse ruhige Energie, die enorm hilft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Eine Übung, die aber jeder anwenden kann, ist, sich mehr auf Lösungen statt auf Probleme zu fokussieren.

Wie gelingt das am besten?
Wir alle sind zu einem Teil Mönch, zu einem Teil Krieger. Im täglichen Leben sind wir Krieger, die ständig mehr wollen und rennen. Ohne den Mönch ist der Krieger aber ineffizient. Gönn dir immer wieder kleine Mönchspausen: Trinke einen Tee, spiele ein Instrument, gehe in den Wald oder höre ein Lied, statt durch Social Media zu scrollen. Schon ein paar Minuten im Mönch-Status helfen, von einer stress-zentrierten zu einer fokussierten, lösungsorientierten Denkweise zu wechseln.

Und wenn es keine Lösung gibt?
Dann ist das oberste Gebot, zu akzeptieren, dass etwas ausserhalb der persönlichen Kontrolle liegt. Auch das ist eine Übung.

Das heisst: Kleine spirituelle Übungen sind immer möglich?
Jeder Moment deines Lebens ist eine Übung. Was du isst, ob du läufst, das Auto nimmst, ob du mit deinen Freunden lästerst oder über positive Themen sprichst, ob du Social Media konsumierst oder einen «National Geographic»-Film ansiehst, ob du dankbar für die kleinen Dinge bist oder dich ärgerst, dass du den Bus verpasst hast: Sieh deine Taten und Gedanken als Übung an und als Samen, die du für deine Entwicklung pflanzt.

Shaolin befasst sich mit Buddhismus, Taoismus und Konfuzius. Was können wir im Westen uns von diesen Lehren abschauen?
Das Leben im Jetzt. Die Vergangenheit ist eine Erinnerung, die Zukunft ein Konstrukt. Die Gegenwart hat die Macht, das Morgen zu steuern, wenn du sie annimmst und dich darauf fokussierst. Das Zweite ist, mit einer gewissen Leichtigkeit durch deinen Alltag zu gehen. Das westliche Streben nach Glück ist mittlerweile ein weiterer Stressfaktor, dabei besteht das Leben aus Hochs und Tiefs. Wer eine innere Balance hat und sich dessen bewusst ist, kann Glück und Trauer besser annehmen.

Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?
Ich lebe heute im Tessin als säkularer, lediger Mönch. Ich habe also ein Gelübde abgelegt, muss aber im Gegensatz zu den Mönchen im Kloster nicht zölibatär leben. An einem typischen Tag stehe ich auf, meditiere, arbeite an Workshops, Büchern und Vorträgen und übe Kampfsport. Ich habe einen Alltag wie andere auch. (lacht)

(gss)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Raygun am 25.11.2019 20:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hut ab

    Lebe deinen Traum. Er machts im Gegensatz zu 95% der Leute die nur am rumjammern sind und ist glücklich :)

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  • Peter b. am 25.11.2019 21:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    grossen Respekt

    Ich war selber schon im Kloster in Dengfeng, wenn auch nur als Tourist. Die Stille und ungeheime friedvolle Kraft die man wahrnimmt werde ich nie vergessen.

  • Carmen am 25.11.2019 21:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Respekt

    Ich bewundere seit Jahren Shaolin. Ca. im 1995 war die mal im Hallenstadion. Unglaublich was die Jungs damals geleistet haben. Jahrelanges fokussiertes Training war hierzu nötig. Meinen vollen Respekt. Schön, dass Menschen diesem Weg folgen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kein Mönch am 06.12.2019 12:48 Report Diesen Beitrag melden

    Dieser Mönch kann so lange rumzappeln

    wie er will. Sterben wird auch er in diesem Leben auch total kampflos.

  • Dante am 06.12.2019 09:45 Report Diesen Beitrag melden

    Geht nur ums Geld

    Kenne ein paar von diesen Kungfu-Clowns; Topmanager beraten, (ungefragte) Besserwisser-Sprüche rausklopfen. Haben den Charme und die geschäftstüchtige "Cleverness" eines Yotta. Wissen, welche Knöpfe gedrückt werden müssen und welche Worte (grad bei psychisch labilen) ankommen. Wenns nur um das Selbst und den eigenen "Seelenfrieden" geht, lässt einem solcher Mumpitz kalt - erst recht das bescheuerte Rumgepose. Ps praktiziere selbst seit 20 Jahren vier verschiedene Budo...

    • EmanuelX am 06.12.2019 10:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dante

      Was du sicher nicht bist, ist ausgeglichen. Selbstwertgefühl ist gut, nur man kann sich auch zu hoch und als zu wichtig bewerten. Auch der schönste Koi im Teich ist schlussendlich nur ein Koi. (japanisch Koi= deutsch Karpfen)

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  • James am 03.12.2019 06:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umfrage

    Das Nein fehlt.

  • Tim T. am 02.12.2019 08:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch nur Menschen

    Buddhistische Mönche und auch Shaolin-Mönche haben in Burma bei der Vertreibung der muslimischen Bevölkerung aktiv mitgewirkt. Es gibt zahllose filmische Dokumente, wo Mönche mit Eisenstangen auf wehrlose, am Boden liegende Menschen schlagen. Es scheint also nicht so zu sein, dass die Mönche den Weltfrieden, Ruhe und Gelassenheit als Alleinstellungsmerkmal verkörpern. Vielmehr scheinen das Menschen wie du und ich zu sein. Und da hats halt ebensoviele Alöcher drunter.

  • MadChengi am 30.11.2019 15:46 Report Diesen Beitrag melden

    Bodhidarma

    Das Problem ist, dass in China Religionsverbot herrscht und die Shaolin-Mönche nur für touristische Zwecke in ihren Buddha-Gewändchen posieren dürfen und ihr Kloster in ein Martial-Arts Disneyland für Touristen umgewandelt wurde. Die Mönche essen Fleisch, trinken Cola, lieben Hollywood Filme und haben mit echter Spiritualität nichts am Hut. Ich war zwei mal dort und musste enttäuscht feststellen; die Erleuchtung und Schulung zum Meister ist dort nicht möglich, nicht zuletzt aufgrund der Kulturbarrieren. Die Schuld oder Ignoranz liegt auf beiden Seiten.

    • Budoka am 02.12.2019 10:58 Report Diesen Beitrag melden

      Spiritualität

      Aha, und warum sollen sich die Mönche nicht auch ab und zu was gönnen? Fleisch essen, Cola trinken ab und zu einen Hollywoodstreifen ansehen hat keinen negativen Einfluss auf die Spiritualität. Die Mönche können mit diesen Gegensätzen sehr gut umgehen. Was mich noch interessiert: Was ist deiner Ansicht nach echte Spiritualität?

    • MadChengi am 04.12.2019 14:28 Report Diesen Beitrag melden

      @Budoka

      Die Ausbildung gleicht eher einer Militärakademie und so auch der Geist und die Atmosphäre in Shaolin, von Dengfeng erst gar nicht zu reden; eine Mischung aus Straflager und Schleif-Kaserne, nee danke! Ach ja und diese Pseudeo-Spiritualität könnt ihr euch gleich alle mal an den Hut stecken und für den Karneval aufsparen! Wenn ein Budoka mich zynisch nach Spiritualität fragt, spare ich mir die Antwort lieber. Lies mal die Bibel oder die Indischen Veden Kollege Sifu!

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