Minimalist Alan Frei

11. April 2019 18:02; Akt: 12.04.2019 16:01 Print

«Ich brauche nicht mehr als 117 Dinge»

Er hat mit Amorana ein erfolgreiches Sextoy-Business aufgebaut. Privat lebt Alan Frei (37) aber fern von Materialismus. Uns erklärt er, wieso das der grösste Luxus ist.

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Alan, du bezeichnest dich als Minimalist. Was müssen wir uns darunter vorstellen?
Ich habe keine Bilder an der Wand in meiner Wohnung, ich schlafe in einem 90-cm-Bett, besitze genau eine Gabel, ein Messer und einen Löffel.

Umfrage
10'0000 Dinge hat der Durchschnittseuropäer in seinem Besitz. Wie viel sind es bei dir?

Wie bist du zum Minimalismus gekommen?
Als mein Vater starb, haben wir mein Elternhaus geräumt. Wir haben Kiste nach Kiste gefüllt und mussten mehrere Mulden bestellen. In den 21 Jahren, in denen ich in diesem Haus lebte, habe ich nicht gemerkt, wie viel Ballast sich dort angesammelt hatte. Ich habe Bilder von den Wänden gehängt, die mir zuvor nie aufgefallen waren. Das ist mir wahnsinnig eingefahren.

Bist du sofort nach Hause, um deine eigene Wohnung zu entrümpeln?
Nein, es war ein schleichender Prozess. Ein paar Wochen nach der Räumung fiel mir ein Buch von Nicolas Berggruen (Anm. der Redaktion: Karstadt-Besitzer und bekennender Minimalist) in die Hände. Gleichzeitig startete ein Freund von mir eine Weltreise mit genau 15 Dingen im Gepäck. Diese beiden Geschichten inspirierten mich sehr.

Wie hast du begonnen, dein Leben umzustellen?
Es gab drei Räumungsphasen bei mir. In der ersten Phase habe ich das getan, was man wohl einen Frühlingsputz nennt. Ich habe zum Beispiel einen Bierhelm, den ich in Las Vegas mit Freunden gekauft hatte, entsorgt. Ich hing lange daran, weil ich ihn mit lustigen Erinnerungen verband. Er war schon lange kaputt, ein Horn war abgebrochen, ich habe ihn trotzdem in mehrere Wohnungen mitgezügelt. In einer zweiten Phase, als ich mehr über Minimalismus las, habe ich radikaler aufgeräumt. Ich habe 16 ganze 110-Liter Säcke gefüllt mit Dingen, die wegkamen oder ins Brocki, und ein paar Taschen mit Sachen, die ich seit einem Jahr nicht mehr gebraucht hatte. All dieses Zeug war aus meiner Wohnung, dennoch sah es irgendwie immer noch genau gleich aus.

Wie sah die dritte Phase aus?
Ich habe mich radikal von allem getrennt, was nicht einen absoluten Zweck erfüllte. Ich habe beispielsweise von zwei Regenschirmen einen verschenkt, und so weiter. So habe ich meinen Besitz über die Jahre auf 117 Dinge reduziert.

Was hat sich seither für dich verändert?
Ich verspüre ein Gefühl der Freiheit, dass ich vorhin nicht hatte. Reisen wurde einfacher, ich habe mehr Platz in meinem Kopf. Leute, die viel besitzen, merken nicht, dass die Dinge eher sie besitzen.

Wie stehst du zu persönlichen Gegenständen?
Erinnerungen sind bei mir im Kopf und nicht mehr mit Souvenirs oder Fotos verbunden. Ich habe eine Uhr meines verstorbenen Vaters geerbt. Ich konnte mich nicht durchdringen, diese wegzugeben, also habe ich sie meinem Bruder geschenkt, der sie mit Stolz trägt und mir genauso viel Freude macht, wie wenn ich sie selber hätte.

Als Sextoy-Verkäufer animierst du Kunden, Dinge zu kaufen. Ist dein Lifestyle kein Widerspruch zu deinem Beruf?
Im Gegenteil. Ich übe keine Konsumkritik. Ich rate den Leuten lediglich, Kaufentscheide genauer zu fällen. Ich hatte am Anfang nur fünf weisse Hemden, weil ich nichts anderes mehr anziehe. Fünf waren aber zu wenig, ständig waren welche in der Reinigung, also besitze ich heute sieben weisse Hemden.

Du bist erfolgreicher Start-up-Gründer. Was machst du mit deinem ganzen Geld?
Ich gebe nicht weniger aus als zuvor. Ich investiere einfach mehr in Erlebnisse als in Dinge.

Du bist single. Könntest du jemanden daten, der in Saus und Braus lebt?
Natürlich, ich will ja niemanden bekehren. Ich will einfach mehr Ordnung, Übersicht und Klarheit für mein eigenes Leben erreichen.

(gss)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pat Meyers am 11.04.2019 18:41 Report Diesen Beitrag melden

    Luxus

    Um so leben zu können muss man es sich leisten können, fast immer auswärts zu essen, seine Kleider reinigen zu lassen, für alles den Handwerker zu bestellen, noch brauchbare Gegenstände wegzugeben und später neu zu kaufen, Ausrüstungen für Sport und Hobby jedes mal zu mieten. Der Lebensstil ist letztlich nicht wirklich vorbildlich, finde ich.

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  • Neumann am 11.04.2019 19:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist so

    Reduzieren aufs Wesentliche (ist natürlich subjektiv) hat auch mir gut getan. Von einer Riesen-Attika mit fussballfeldgrosser Terrasse, zwei Autos, Wohnsitz mitten in einer grösseren Schweizerstadt, jede Menge Schischi und Unnützem jetzt auf dem Land, in einer bescheidenen kleinen Behausung oben am Waldrand, Füchse, Dachse und Rehe als Nachbarn. Super! Kopf leer, Herz frei, Gedanken sowieso, Platz und Zeit für das was mir zusagt. Die alten Freunde könnens nicht verstehen.

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  • Psychedelic_owl am 11.04.2019 18:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Augenöffnend

    Ich schreibe momentan eine Arbeit über die Konsumgesellschaft. Der Minimalismus ist ein Trend, der die Welt entlasten könnte. Der Konsum belastet nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel und die Psyche. Ich rate jedem sich mal in dieses Thema einzulesen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Tina am 12.04.2019 21:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles aufgegeben?

    Ich habe in einem Kurs eine Frau kennen gelernt welche "alles" aufgegeben hat. Bei einem tieferen Gespräch (wir kannten uns gerade ein paar Stunden) fragte sie mich bereits ob sie für ein paar Tage bei mir wohnen könne. Ihren ganzen Hausrat, den sie noch besass, hatte sie auf vier Wohnungen verteilt. Sie war aber überzeugt davon, dass sie nur eine kleine Tasche mit ihren Habseligkeiten besitze.

  • ich bin gut am 12.04.2019 21:07 Report Diesen Beitrag melden

    Ich brauche

    zum Beispiel keine Sextoys!

  • Maximalist am 12.04.2019 21:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Salz

    Aber zwei verschiedene Typen Salz. Dabei weiss man dich mittlerweile, Salz ist Salz, alles andere ist Marketing.

  • tolle küche für nichts am 12.04.2019 20:49 Report Diesen Beitrag melden

    Frage

    wie gross ist seine Wohnung?

  • ich bin luxuriös am 12.04.2019 20:45 Report Diesen Beitrag melden

    Sako?

    Hoffetlich friert er so richtig durch. Ich besitze noch einen Mantel und Mütze. Habe empfindliche Ohren!