Morena Diaz

29. April 2019 18:14; Akt: 30.04.2019 09:16 Print

«Schon als Kind fühlte ich mich zu dick»

von Sulamith Ehrensperger - Zu klein, zu dick, zu dünn? Schluss mit der ständigen Selbstkritik, sagt die Aargauer Primarlehrerin Morena Diaz im Body-Positivity-Interview.

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«Ich zeige auf Social Media, dass man das alles nicht mitmachen muss, um glücklich und schön zu sein», sagt die 25-jährige Lehrerin und Bloggerin. Ihre Story vom Schönheitswahn zur Body Positivity in der Bildstrecke. Sie folgte Fitness-Influencern auf Social Media und endete im Diät- und Schönheitswahn. «Ich war zu dieser Zeit ständig auf Instagram unterwegs, und das, was ich dort sah, setzte mich unter Druck.» Morena entwickelte eine Essstörung, und irgendwann konnte sie nicht mehr. «Irgendwann merkte ich, dass mich dieses Vergleichen und der Druck zum Schönsein niemals glücklich machen würden.» So sagte Morena zuerst der Essstörung den Kampf an, dann fing sie an, gegen den Strom zu schwimmen. «Ich wusste, dass ich sowohl mit dem Essen als auch mit meiner Figur Frieden schliessen musste. Durch den Druck und die ständigen Diäten bekam ich immer häufiger wiederkehrende Essanfälle», erzählt Morena. Sie beschloss, auf ihren Körper zu hören und Schönheitsideale aus ihrem Kopf zu verbannen. «Ich kenne fast keine Frau, die zufrieden mit ihrem Körper ist oder sich zumindest keine Gedanken ums Abnehmen und Schlanksein macht», so die Body-Positivity-Aktivistin. «Auf Social Media sehe ich immer wieder, wie viele behaupten, sie müssten ihren Körper nun Bikini-ready machen.» Auch sie kennt schlechte Tage: «Ich sage mir dann immer selber: Morena, du bist mehr als deine Figur, mehr als dein Aussehen. Du musst niemandem gefallen. Ausserdem weiss ich, dass mein Blick in den Spiegel immer begleitet sein wird von den Schönheitsidealen und Erwartungen der Gesellschaft. Ich schiebe diese Unsicherheiten beiseite und lebe mein Leben wie gewohnt weiter.» Wenn jetzt überall die heissesten Tipps für die perfekte Sommerfigur gepostet werden, kümmert das Morena wenig: «Für einen sogenannten Bikini-Body braucht man lediglich einen Bikini und einen Body, also einen Körper. Ganz einfach!» Einer von Morenas wichtigsten Tipps für ein gutes Verhältnis zum eigenen Körper: «Lieb zu sich selbst sein. Wir gehen sehr kritisch mit uns selber um und setzen uns noch mehr unter Druck, als wir es schon sind. Ist der Druck weg, geht man viel entspannter mit dem Körper, dem Essen und der Bewegung um.»

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Influencer sind für immer mehr Leute die Vorbilder auf dem Weg zur Traumfigur. Auch für dich früher, heute bist du eine Body-Positivity-Aktivistin. Warum?
Von klein auf dachte ich immer, ich sei zu dick, besonders mein Bauch störte mich. Mit diesen kritischen Gedanken und Diätversuchen wuchs ich auf. Irgendwann schaffte ich es dann, mich längerfristig zum Abnehmen zu motivieren, grösstenteils dank Fitness-Influencer. Ich fiel in ein Extrem und entwickelte eine Essstörung, die psychisch und körperlich viel von mir abverlangte. Ich verglich mich ständig und hatte Angst, zuzunehmen. Bis ich merkte, dass mich dieses Vergleichen niemals glücklich machen würde. Ich sagte erst der Essstörung den Kampf an, dann fing ich an, gegen den Strom zu schwimmen. Ich zeige auf Social Media, dass man das alles nicht mitmachen muss, um glücklich und schön zu sein.

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Bist du mit deinem Körper zufrieden?

Warum hassen so viele Frauen ihren Körper?
Ich glaube, dass uns nie gezeigt wurde, den eigenen Körper zu akzeptieren und zu lieben, wie er ist. Uns wird immer gezeigt, wie man sich optimieren kann. Bereits unsere Mütter lebten in einer Diät-Kultur mit dem Ziel, möglichst schlank zu sein, spätestens als das Model Twiggy mit ihrer androgynen Figur aufkam. Viele in meinem Alter sind mit dem Diät- und Schlankheitsgedanken aufgewachsen. Dazu kommt die Mode-, Werbe- und Schönheitsindustrie, die mit unseren Unsicherheiten Milliarden verdient.

Wie hast du es geschafft, deine Körper-Positivität und dieses Selbstvertrauen zu finden?
Ich glaube, wir alle wissen, was wir brauchen, um glücklich zu sein. Auch ich, nur wollte ich meine schlanke Figur nicht riskieren. Ich wusste, dass ich mit dem Essen und meiner Figur Frieden schliessen musste. Durch den Druck und die Diäten bekam ich immer häufiger Essanfälle. Irgendwann kam ich an den Punkt, wo es nicht mehr ging. Ich fing an, auf meinen Körper zu hören und die Schönheitsideale aus meinem Kopf zu verbannen. Das dauerte Jahre, auch heute muss ich ab und an stark bleiben, wenn sich Unsicherheiten in meinen Kopf schleichen wollen.

Wenn dich Gedanken beschleichen, die körperkritisch sind, was tust du?
Ich sage mir immer selber: Morena, du bist mehr als deine Figur, mehr als dein Aussehen. Du musst niemandem gefallen. Ausserdem weiss ich, dass mein Blick in den Spiegel immer begleitet sein wird von den Schönheitsidealen und Erwartungen der Gesellschaft. Ich schiebe diese Unsicherheiten beiseite und lebe mein Leben wie gewohnt weiter.

Was rätst du jungen Menschen, die mit dem eigenen Körperbild und Selbstwertgefühl hadern?
Ich würde mich mal mit denen auseinandersetzen, die mit unseren Unsicherheiten Geld verdienen. Cellulite oder Dehnungsstreifen waren kein Thema, bis sie zu einem gemacht wurden. Nun verdienen viele Geld mit Behandlungen und Cremen. Ein bisschen wütend zu sein hilft, den Fokus vom eigenen Körper wegzunehmen. Wir sind alle mit unterschiedlichen Voraussetzungen zur Welt gekommen. Wir gehen sehr kritisch mit uns selber um und setzen uns noch mehr unter Druck, als wir es schon sind. Sich selbst zu mögen, wird schwierig, wenn man sich vergleicht. Wer sich selbst akzeptiert, kann viel entspannter mit dem Körper, dem Essen und sich umgehen.