Gen-Diät

20. April 2019 11:35; Akt: 20.04.2019 11:35 Print

Hit oder Hype – soll ich nach den Genen essen?

von Jürg Hösli - Die Pfunde sollen dank teuren Gentests leichter purzeln. Was eine Ernährung nach dem genetischen Code bringt.

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Warum können einige mehr Spaghetti essen als andere und bleiben schlank? Antworten soll das Erbgut liefern. (Bild: Sdominick)

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Du sagst mir, welche DNA du hast und ich sage dir wie du essen musst. So ähnlich tönt es in der Werbung der Firmen, welche Ernährungslösungen anhand des genetischen Codes anbieten. Persönlicher geht nicht mehr, ist nun der gordische Ernährungsknoten gelöst?

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Was halten Sie von Gentests für eine gesündere Ernährung?

In der Ernährung wird jede Woche ein neuer heiliger Gral gefunden. «Low Carb» wird durch «Vegan» ausgetauscht. Wenn man denkt, so das war’s dann jetzt, wird uns Fasten aufgetischt. Jeder will noch ein bisschen rechter haben und noch ein bisschen gesünder werden. Klar sucht man Mittel und das ultimative Verfahren, um dem Menschen seine finale Ernährungslösung zu zeigen. Warum man dies heute überhaupt muss, ist leider nicht Teil der Frage.

Auf der richtigen Klaviatur spielen können

Doch wagen wir zuerst einen Blick hinter dir Kulissen der DNA-Ernährung. Der Bauplan des Menschen zeigt, «wer jemand ist». Darum liegt es ja auf der Hand, dass darin klar zu lesen ist, welches Benzin jemand braucht. Was auf den ersten Blick so einfach tönt, ist leider nur Stammtischlogik.

Ich versuche das, mit einem Vergleich zu erklären. Wenn ich eine Geige oder eine Flöte habe, erkenne ich, bei welchem Instrument ich den Bogen brauche oder reinblasen muss. Für was ich jedoch das Instrument verwende aber nicht. Ich kann mit einer Stradivari-Geige eine Symphonie spielen, ein Rockkonzert oder wenn ich keinen Hammer habe, damit auch einen Nagel einschlagen. Geht sie dabei kaputt, muss ich sie flicken. Hier hilft es mir aber nicht zu wissen, wie ich das Instrument spielen muss.

1000 Franken für die «richtige» Ernährung?

Die Analogie zum Menschen: Wenn unser Körper durch zu viel Stress im Alltag, eine Überlastung oder Erkrankung «kaputt» geht, hilft uns die Erkenntnis kaum etwas, was er im Normalzustand brauchen würde. Wir müssen erkennen, wo das Problem ist und wie wir genau dieses Problem beheben können. Und das ist definitiv nicht in den Genen zu finden.

Wenn ein Mensch einen Lebensstil führt, der in aus dem Gleichgewicht führt, muss er für eine Heilung oder Verbesserung einer Problematik seine Balance wiederfinden. Dies geschieht aber nicht in den Genen, sondern im realen Leben. Eine DNA-Ernährung wäre allenfalls etwas für absolut gesunde Menschen, die im Lot sind. Müssen diese aber mehr als 1000 Franken ausgeben, um zu erkennen, welches die «richtige» Ernährung ist? Nein, natürlich nicht!

Stigmatisieren statt geniessen

Aber vielleicht würde es ja einem Sportler dienen, seine Leistung zu maximieren? Auch hier versagt die DNA-Ernährung. Dies zeigt auch das Beispiel von Bradley Wiggins, der sowohl Tour-de-France-Sieger wie auch Bahnrad-Olympiasieger wurde. Bei beiden sitzt er auf einem Rad, doch ist es eine andere Sportart. Die Belastung der Muskulatur ist absolut entgegengesetzt.

Um in beiden Bereichen Weltklasse zu sein, war nicht nur eine Adaptation des Trainings wichtig, sondern auch der Ernährung. Der Bahn-Olympiasieger Wiggins musste viel mehr Kohlenhydrate essen, der Tour-de-France-Sieger viel mehr Fett. Die Ernährung entscheidet mit über den Trainingseffekt, genau darum ist sie nicht in den Genen pauschal verankert!

Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Gene und sollte sich vor allem nicht durch eine Liste von Lebensmitteln bevormunden lassen. Zusammenstellungen von guten und bösen Lebensmitteln stigmatisieren unser Essen, statt es uns geniessen zu lassen. Und oft ist es leider gerade die scheinbare Suche und Sucht nach Perfektion, welche die Menschen immer mehr von sich selbst entfernt. In diesem Sinne wünsche ich euch allen frohe Ostertage.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Trima am 20.04.2019 17:08 Report Diesen Beitrag melden

    Warum sind wir so dick geworden?

    Wir haben viel weniger Bewegung bei gleicher Kalorienaufnahme als früher. Ein schlechtes Gewissen hat auch einen enormen Einfluss auf unser Gewicht. Da nützen keine Atkis - Eiweissshakes - low carb - Blutdruck und jetzt DNA Diäten. Wir sind aber nicht nur selbst Schuld. Der Lebensmittelhersteller trägt die grössere Schuld. Überall schön Zucker rein, so dass man wie ein Alki , Zigiraucher oder Drögeler immer mehr braucht. Das hat dann mit - du brauchst nur Disziplin - nichts zu tun. Und ja. Es ist wie beim Alkohol. Die Einen können damit umgehen. Die andern weniger und nochmals andere gar nicht

  • Anna am 20.04.2019 21:29 Report Diesen Beitrag melden

    Willenskraft

    Es ist vollkommen egal nach welchem "Ernährungsplan" man sich richtet: ohne den eisernen Willen diesen strikt einzuhalten bringt es nichts. Und daran scheitern die meisten.

  • Daniela am 20.04.2019 19:10 Report Diesen Beitrag melden

    Auf...

    ... den Punkt gebracht, Danke!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Das Grauen am 22.04.2019 19:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das kostet nicht Fr.1000.-

    Die einzig wahre Diät ist weniger Kalorien und Bewegung.

  • Numa palu am 22.04.2019 17:37 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich die richtige Botschaft!

    Ich finde es grossartig, dass der Autor sich grundsätzlich gegen die Diät-Industrie ausspricht und an das intuitive Essen appelliert! Ein guter Artikel, mehr davon!

  • FeistusRaclettus am 22.04.2019 17:15 Report Diesen Beitrag melden

    Bewusste Ernährung grundsätzlich OK...

    Sich gesund ernähren zu wollen, ist ja erstmal nichts schlechtes. Bei vielen artet es aber in eine Art gelebte "Psychohygiene" aus, oder man hebt das Thema auf eine religiöse Stufe. Und in diesen Gefilden haben die Heilslehren und immer neue Propheten - wen wundert's - Hochkonjunktur. Man merkt es z.T. auch an (Leser)Kommentaren, wie tief die Leute in irgend einer obskuren "Ernährungs-Theorie" drinstecken, sie finden in fast jeder Lebenslage und in jedem Problem einen Weg, um ihr Glaubensbekenntnis anzupreisen. Es erstaunt nicht, dass ein Teil davon ernsthafte psychische Störungen entwickelt.

  • Dumby am 21.04.2019 08:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht noch mehr!

    Bitte nicht noch mehr Ernährungs Hypes! Jeder Hype ist die Folge des Hypes zuvor, der nicht funktionierte!

  • Anna am 20.04.2019 21:29 Report Diesen Beitrag melden

    Willenskraft

    Es ist vollkommen egal nach welchem "Ernährungsplan" man sich richtet: ohne den eisernen Willen diesen strikt einzuhalten bringt es nichts. Und daran scheitern die meisten.