Anja Zeidler

03. Februar 2019 18:38; Akt: 26.04.2019 16:24 Print

«Ich war nie zufrieden mit mir»

von Sulamith Ehrensperger - Anabolika, Brust-OP, Essstörungen: Anja Zeidler hat als Fitnessmodel für den perfekten Körper alles riskiert. Mit Yoga, Vegan und Selbsterkenntnis will sie zu sich selber zurückzufinden.

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Prana statt Pumpen: Anja Zeidler hat schon lange kein Fitnessstudio mehr von Innen gesehen. Heute ist Yoga ihr wichtigstes Date: «Ich bin glücklicher ohne exaktes Kalorien zählen und habe gelernt, mich auch mit weniger Sixpack zu lieben» Mit 19 Jahren war Zeidler das erfolgreichste Fitnessmodel der Schweiz. Sie riskierte alles für den perfekten Körper: Anabolika, Essstörungen und eine Schönheits-OP. 2015 krempelte sie ihr Leben um und dokumentierte ihren Weg zu einem gesunden Lebensstil auf Instagram. Zeidler praktiziert heute Yoga im Freien statt Bodybuilding. Sie ernährt sich vegan statt der klassischen Muskelaufbau-Ernährungsweise mit viel Poulet und Proteinshakes. Für ihr neues Ich hat Zeidler ihre Brustimplantate entfernen lassen. «Ich wollte raus aus dem ungesunden Schönheitswahn. Ich wollte keine Fremdkörper mehr», schreibt sie auf Instagram. Yoga braucht Zeidler als «Slow-Down», wie sie sagt. Sie startet jeden Morgen mit einer 10 bis 15minütigen Session. «Ich habe am Anfang oft Yoga zu Youtube-Videos gemacht und picke von allem das heraus, was mir gut tut.» Früher hat Zeidler mit strikten Trainings- und Ernährungsplänen gelebt. Heute zwingt sie sich zu nichts mehr: «Wenn ich keine Lust auf Outdoor-Sport habe, gehe ich nicht.» Zeidlers Motivationstipp für Bewegungsmuffel: «Finde eine Sportart, die dir Spass macht, nicht das, was grad im Trend ist und die meisten Kalorien verbrennt. Hole dein Kinderdenken zurück. Wer Freude hat, geht auch gerne ins Training – und braucht den inneren Schweinehund nicht zu überreden.» «Und denke daran, wie gut du dich danach fühlst. Auch wenn du keine Bestleistungen bringst, darum geht es nicht. Du hast dich aufgerafft, bist aufgestanden und hingegangen. Das alleine ist schon ein Erfolgsgefühl.» Auch ohne Ernährungs- und Trainingspläne sind laut Zeidler Ziele das richtige Rezept: «Für unsere Entwicklung ist es wichtig, Wachstum und Erfolge feststellen zu können. Auch Misserfolge gehören dazu, deswegen sind Ziele wichtig. Trotzdem sollte man das Feingefühl haben und die Grenzen sehen können». Anderthalb Jahre brauchte Zeidler, um ohne exaktes Kalorienzählen und mit weniger Sixpack zu leben, sich und ihren Körper lieben zu lernen. «Das mit viel neues Publikum gebracht, welches meine Selbstliebetipps zu schätzen weiss und als gesunde Inspiration sieht.» Als «Selflove-Influencerin» möchte sie ihren Followern zeigen: «Dass sie sich selbst lieben sollen, statt irgendeinem Beauty- oder Fitnesstrend hinterherzurennen. Selbstliebe fühlt sich so viel besser an!» In ihrem Buch verrät Zeidler, wie man mit Selbstzweifeln umgeht, wie man lernt, den eigenen Körper zu lieben, wie man gesund lebt und glücklich wird, ohne perfekt sein zu müssen.

Prana statt Pumpen: Anja Zeidler hat schon lange kein Fitnessstudio von Innen mehr gesehen. Sie hält sich mit Yoga, Tanzen und Wandern in Form.

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Fehler gesehen?

Dein Weg zu einem gesunden Lebensstil teilst du mit tausenden Followern und nun auch in einem Buch. Was hast du beim Schreiben über dich selbst erfahren?
Mein Buch ist ein autobiografisch angehauchter Ratgeber. Ich thematisiere darin Dinge, die uns Frauen leider viel zu sehr beschäftigen. Von Essstörungen über Trennungen bis hin zur Selbstfindung. Mein Buch soll Mut machen, sich zu reflektieren und glücklich mit sich selbst zu werden. Beim Schreiben habe ich einmal mehr realisiert, wie sehr ich bereits gewachsen bin. Ich wünschte, mein 18-jähriges Ich hätte dieses Buch damals gelesen.

Du hast einen 360°-Wandel vom gestählten Fitnessmodel zur veganen Selflove-Influencerin durchgemacht. Warum von einen Extrem ins andere?

Bodybuilding ist ein genialer Sport, wenn man nicht übertreibt. Ich habe übertrieben und wurde unglücklich – mit meiner Person, meinem Leben und Aussehen. Ich wollte mich stetig krankhaft verbessern und war nie zufrieden mit mir. Doch wollte ich glücklich sein, also begab ich mich auf die Suche danach, was nicht einfach war. In den Spiegel zu schauen und sich eingestehen, dass man zu weit gegangen ist, erfordert Mut. Heute möchte ich als Selflove-Influencerin den Menschen zeigen, dass sie sich selbst lieben sollen, statt Beauty- oder Fitnesstrends nachzurennen.

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Ist Sport für Sie ein Muss?

Als Fitnessmodel hast du mit knallharten Trainings- und Ernährungsplänen gelebt. Wie hat dein Körper auf dein Zurück zur Natürlichkeit reagiert?
Ich musste lernen, mich und meinen Körper zu akzeptieren und zu lieben, ohne mich täglich zu kontrollieren, wiegen, messen und verbessern. Zeitgleich arbeitete ich daran, einen normalen Bezug zum Essen zu finden. Ich bin vorübergehend zu meinen Eltern gezogen und wir haben den Familientisch wieder eingeführt. Es war schwierig für mich, vom Kalorienzählen loszukommen. Es brauchte Zeit, einen gesunden Bezug zu finden. Nach gut anderthalb Jahren bin ich bei meinem Gleichgewicht angekommen. Heute kann ich intuitiv das essen, woraus ich Lust habe, ohne an Kalorien zu denken.

Statt mit Gewichten, hältst du dich heute mit Yoga, Tanzen und Wandern in Form. Wie trainierst du genau?
Ich habe keinen exakten Trainingsplan – und genau das ist das Erfolgsrezept. Ich trainiere das, was mir Spass macht. Ich tanze Hip Hop, Urban, Jazz Funk. Diesen Stil tanzte ich als Kind, habe aber mit 15 Jahren aufgehört, was ich rückblickend etwas bereue. Tanzen hat mich schon immer total erfüllt.

Wie motivierst du dich, jetzt zur kalten, nassen Jahreszeit für Sport draussen?
Wenn ich keine Lust habe, gehe ich nicht. Ich zwinge mich zu nichts. Regnet es in Strömen, finde ich bessere Dinge zu tun, etwa ein warmes Bad. Es werden noch andere Tage kommen, die für Outdoor-Sport besser geeignet sind, den nächsten nehme ich.

Viele setzen sich mit Sport unter Druck und verfolgen ihre Ziele vielleicht auch mit falschem Ehrgeiz. Was rätst du ihnen?
Ich finde, man sollte Sport nicht als müssen betrachten. Mein Tipp: Finde eine Sportart, die dir Spass macht, nicht das, was grad im Trend ist und die meisten Kalorien verbrennt. Hole dein Kinderdenken zurück. Wer Freude hat, geht auch gerne ins Training – und braucht den inneren Schweinehund nicht zu überreden. Und denke daran, wie gut du dich danach fühlst. Auch wenn du keine Bestleistungen bringst, darum geht es nicht. Du hast dich aufgerafft, bist aufgestanden und hingegangen. Das alleine ist schon ein Erfolgsgefühl.