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23. Februar 2019 09:37; Akt: 23.02.2019 10:54 Print

Bezahlt, süchtig, gedopt – und die neuen Vorbilder

von Jürg Hösli - Influencer inszenieren ihre Leben, wie auch ihr Essen. Viele sind gesponsert oder süchtig – und die «Beeinflusser» Tausender.

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Wer als Influencer seine Reichweite auf Social-Media-Kanälen geschickt nutzt, kann für Produkte werben und in einigen Fällen sehr gut davon leben. (Bild: Jacoblund)

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Ich kann mich gut erinnern als ich noch jung war. Es war die Zeit politischer Wirren in Zürich, die Jugend ging auf die Strasse, Punks waren der Schrecken der Schwiegereltern, und der Schrei nach Freiheit und Widerstand gegen Konformität war allgegenwärtig.

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Das ist nun wirklich schon eine Weile her und die Welt hat sich weitergedreht. Nun frage ich mich, in welche Richtung dies geschehen ist. Unsere Jugend geht nicht mehr auf die Strasse sondern auf Instagram. Dort treffen wir auch ihre Fitness-Vorbilder: Plastikpüppchen und Testosteronhengste.

Nur noch Sojajoghurt und Yoga

Ich muss offen gestehen, ich bin begeistert von einigen von ihnen. Kaum jemand auf der Welt kann Unglaubwürdigkeit so gut verkaufen wie sie. Da gibt es zum Beispiel die eine, welche vor vier Jahren noch Anabolika süchtig war und jetzt als «Gspürschmi»-Veganerin erleuchtet wurde. Vorher Silikon und Muskeln, heute Sojajoghurt und Yoga. Die Jüngerschaft bleibt, frei nach dem Motto: «Ist sie nicht toll».

Auf ihrer Instagram-Seite mit über 300'000 Follower gibt sie sich bestürzt über die Generation «Selfie», die sich mit «surrealen gephotoshopten Vorbildern» vergleichen. Auch sie sei dem Beautywahn einmal «verfallen», aber jetzt sei alles besser. Früher waren «no Carbs», viel Fleisch und Brokkoli auf dem Teller, heute Linsen, Bohnen und Kartoffeln.

Anabolika, Hormone und Magersucht

Ist doch alles gut und nicht so schlimm, mögen einige denken. Ist es das wirklich? Viele Influencer-Frauen waren oder sind in der Magersucht, viele Influencer-Männer nehmen Anabolika und Wachstumshormone. Aber wenn wir diese als Vorbilder nehmen, was macht dies für einen Sinn? Wir nehmen uns Süchtige als Vorbilder. Und das, weil wir ein bisschen wie sie sein wollen? In welcher Welt leben wir nur?

Es ist doch skurril, wenn wir zurecht in der Medizin Pharmafirmen verbieten Ärzte «zu unterstützen», vergessen aber dabei, dass durch Firmen gesponserte und süchtige Influencer unsere jüngere Generation in einem neuen Lifestyle prägen.

Virtuelle, gephotoshoppte Vorbilder

Kohlenhydratverbote, Fleischverbote, «Was-auch-immer»-Verbote. Frei nach den zehn Geboten der Bibel gilt: Ich bau mir meine eigenen Jünger, damit ich auch richtig absahnen kann. Hoch lebe der Lifestyle, hoch lebe Instagram, hoch leben die Ernährungs- und Trainings-Leichen, die auf der Strecke bleiben, weil sie ihren Helden zu sehr gefolgt sind.

Ein Influencer-Verbot im Bereich Ernährung und Training zu wollen, wäre über das Ziel hinausgeschossen. Doch ich frage mich, ob die heutige jüngere Generation überhaupt in der Lage ist, zu unterscheiden zwischen möglich und unmöglich, zwischen wahr und falsch. Was ist nötig, um unserer jungen Generation echte Vorbilder zu schenken, statt unverbindliche, gephotoshoppte und virtuelle. Fake-News beginnen bei Instagram und Ethik können wir nur von Influencern erwarten, wenn diese gerade opportun ist und gut verkauft werden kann.