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04. Mai 2019 17:52; Akt: 04.05.2019 17:52 Print

Alleskönner Vitaminpillen – gesund oder gehypt?

von Jürg Hösli - Fit dank Pillen: Rund 57 Millionen Franken jährlich sollen Schweizer für Vitamin C und Co. ausgeben.

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Vitaminpräparate sind beliebt, denn dank ihnen bleiben wir gesund, so eine weit verbreitete Meinung. Brauchen wir sie wirklich? (Bild: Puhhha)

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Die Industrie der Nahrungsergänzung hat eine neue Zielgruppe. Es ist die jüngste Generation, die zum Fitness geht und leicht dem Körperkult verfällt. Ob Muskeln oder «Selflove» – Hauptsache, es werden möglichst viele Produkte verkauft.

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Eigentlich steht im Lebensmittelgesetz: Für ein Diätprodukt darf nicht mit einer schlanken Frau geworben werden. Die Firmen umgehen das, indem immer mehr Influencer für Pillen und Tabletten werben – und wo kein Kläger, da kein Richter. Doch was bringen Nahrungsergänzungen, die dem jungen Publikum angeboten werden?

Vitamin C kann Trainingseffekt senken

Zuerst wären da einmal Vitamin C und Zink. Es wird propagiert, dass es die Regeneration unterstützt und somit den Trainingseffekt verstärkt. Leider ist genau das Gegenteil der Fall. Der Ernährungswissenschaftler Michael Ristow hat gezeigt, dass die Verwendung von Antioxidantien wie Vitamin C den Trainingseffekt senkt. Nehmen wir viel Vitamin C zu uns, müssen wir umso härter trainieren, um den gleichen Trainingseffekt zu erreichen. Doch warum?

Wir wollen den Muskel im Training stressen, damit er sich anpasst. Senken wir den Trainingsstress durch das Antioxidans Vitamin C, senken wir auch den Trainingseffekt. Es ist etwa das Gleiche, wie wenn ich an die Sonne möchte, um mich zu bräunen, und einen Sonnenblocker verwende.

Biorhythmus geht gegen unseren Berufsalltag

Sicherlich hilft Vitamin D uns allen, gesund und fit zu bleiben. Am Anfang stand einmal eine spannende Studie, die herausgefunden hatte, dass Rentner mit einem tiefen Vitamin-D-Spiegel mehr stürzen. Nun wollten alle Ärzte, Naturheiler und auch Influencer Vitamin D «verschreiben». Doch dass die Rentner, die einen höheren Vitamin-D-Spiegel haben, besser auf den Beinen sind und damit mehr an der Sonne, wurde verschwiegen. Hier wurden Ursache und Wirkung etwas vertauscht.

In der Folge gab es Hunderte von Vitamin-D-Studien. Alle zeigten:Vitamin D macht uns glücklich, stark und energiereich. Dass es vielleicht sogar Sinn macht, dass wir im Winter etwas weniger Energie haben, wird verschwiegen, ein Biorhythmus passt ja auch nicht in unseren Berufsalltag.

Multivitamine für unter zehn Franken

Neuere und vor allem bessere Studien zeigen, dass ein zu tiefer Vitamin-D-Spiegel sicherlich negativ ist, aber ein zu hoher mit mehr Herzinfarkten einhergeht. Nur ist das noch nicht bei Instagram angekommen.

Wenn wir schon einen höheren Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen haben, gibt es dafür ein Multivitamin-Produkt, das wir im Detailhandel für unter zehn Franken beziehen können. Doch hier verdienen unsere Werbeikonen nichts, und die influencen natürlich nicht gratis.

Zwei Millionen Jahre ohne Pillen überlebt

Wir leben in einer Zeit, in der wir unseren Körper scheinbar tunen müssen, um dem Alltag nachzukommen. Uns wird eingeredet, dass wir ohne diese Produkte nicht mehr richtig funktionieren könnten. Doch unsere Beeinflusser haben keine Ahnung, was diese wirklich bewirken.

Was mich ehrlich gesagt richtig sauer macht, ist die Tatsache, dass uns 26-jährige Menschen auf Instagram, die noch nicht richtig im Berufsalltag angekommen sind, weismachen wollen, dass es uns mit «ihren» Produkten besser gehe. Selbst die, die auf «No Make-up» setzen, verkaufen Schlankheitsprodukte im grossen Stil. Ich frage mich, wie die Menschheit schon zwei Millionen Jahre ganz ohne Pulver, Tabletten und Instagram überlebt hat.