Megamarsch 50/12

10. Dezember 2019 15:55; Akt: 10.12.2019 15:55 Print

Wie ich fast 12 Stunden ohne Pause durchwanderte

von Fee Riebeling - 50 Kilometer wandern in maximal 12 Stunden. Darum geht es beim Megamarsch. Ein Selbsttest.

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50 Kilometer am Stück – so weit galt es am Megamarsch Düsseldorf 2019 zu wandern. Unsere Teilnehmerbänder erinnern uns den ganzen Tag daran, in welcher Zeit wir das zu schaffen haben: Für die 50 Kilometer rund um die Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen haben wir 12 Stunden Zeit. Drei Startergruppen gibt es. Für uns geht es morgens um 8 Uhr – nach offenkundig zu wenig Schlaf und ordentlich nervös – los. (Im Bild: Wissen-Redaktorin Fee Riebeling (r.) und ihre Kollegin Jenni Saath) Zunächst geht es am Rhein entlang, die Massen vom Start lösen sich rasch auf. Die rund 2000 Wanderer verteilen sich auf der Strecke und ziehen Ameisen-ähnlich durch die Natur. Nach fünf Kilometern: das erste Schild – und das Gefühl, ziemlich gut unterwegs zu sein. Die Füsse beschweren sich bisher noch nicht. Danach ändert sich die Szenerie. Auf den Abschnitt am Wasser folgt ein Stück entlang der Autobahn. Das ist zwar weniger malerisch, hat aber auch seinen Charme (und ist typisch für die Region, wo Natur und Zivilisation eng miteinander verwoben sind). Was aber noch viel wichtiger ist: Füsse und Beine sind immer noch gut unterwegs – zumindest bis Kilometer 20, wo sich Erstere erstmals bemerkbar machen. Und wir beschliessen, fortan jeweils in unserem eigenen Tempo weiterzugehen, unseren unteren Extremitäten zuliebe. Der Plan geht auf und ... ... so erreiche ich Kilometer 25. Doch während sich die Füsse offensichtlich an die Dauerbelastung gewöhnt haben, macht der Kopf ein wenig dicht, als ich realisiere: Ich bin schon 25 Kilometer gelaufen, aber ich habe auch noch genauso viele vor mir. Warum genau tue ich mir das nochmal an? Doch ich beisse mich durch – ohne eine wirkliche Pause zu machen. Allein bin ich jedoch nicht: Ich lerne andere Wanderer kennen und schliesse sogar neue Freundschaften. Am dritten Versorgungsposten (VPS, Kilometer 30) füllen wir nur unsere Flaschen auf. Die Gurken, Bananen, Salamis, Energieriegel und Milchbrötchen, die dort verteilt werden, essen wir im Stehen. Auf die Toilette müssen wir nicht – die vielen Liter Wasser, die wir an diesem Tag trinken werden, schwitzen wir aus. Die nächsten zehn Kilometer meistern wir mal redend, mal lachend. Wir fluchen auch. Wir sind seit mehreren Stunden unterwegs. Ohne Pause. Da fühlen sich Hügel wie Berge an. In den strengsten Momenten lässt uns vor allem die Aussicht auf ein ganz spezielles Getränk an VPS 4 durchhalten. Und tatsächlich: die dort gereichte Cola schmeckt so gut wie noch keine Cola vor ihr, was nach mittlerweile 40 gewanderten Kilometern kein Wunder ist. (Im Bild: Wissen-Redaktorin Fee Riebeling und ihr Kollege Jan alias Trotz des Zuckers wird es danach mühsam – aus verschiedenen Gründen, vor allem aber, weil die Zinksalbe, die bisher verhindert hat, dass meine Füsse schwitzen, schlagartig ihre Wirkung verliert und sich langsam Blasen bilden. Doch: Aufgeben ist keine Option! Nicht so kurz vorm Ziel! Nach dem gefühlt härtesten Abschnitt meines Lebens stehe ich dann tatsächlich im Ziel. Nach 11 Stunden 40 Minuten ununterbrochen auf den Beinen. (Im Bild: Wissen-Redaktorin Fee Riebeling mit ihren Kollegen Jenni und Jan, alle drei haben es ins Ziel geschafft.) Von den rund 2000 Startern schaffen es an diesem Tag tatsächlich 1481 ins Ziel, auch meine neue Kollegin Julia (Mitte). Wie für mich spielt auch bei den anderen die benötigte Zeit nur noch eine untergeordnete Rolle: Wir sind alle fix und alle, aber auch stolz wie Bolle, die 50 Kilometer geschafft zu haben. Belohnt wird diese Leistung mit einer Medaille, die natürlich einen Ehrenplatz bekommt. Dass sich direkt nach dem Marsch keiner aus unserer Truppe mehr vorstellen konnte, jemals wieder weiter zu laufen als unbedingt nötig, ... (Im Bild: der Beweis dafür, dass wir tatsächlich gestartet sind) ... ist am nächsten Tag beim Anblick der Medaille bereits wieder vergessen ... .. und noch auf der Rückfahrt im Zug verabreden wir uns für den nächsten Marsch – wir sind offiziell angefixt. Anders als bei unserer Premiere im flachen Rheinland wagen wir uns knapp zwei Monate später in hügeligeres Gebiet. Wir starten in Wiesbaden und ... ... wagen uns durch die Weinberge der Region. Um die Anstiege zu kompensieren, entscheiden wir uns nicht für die 55 Kilometer lange Strecke, sondern für die mit 30 Kilometern kürzere Route. Nach den Erfahrungen von Düsseldorf wird das sicher ein Klacks, denken wir. Doch ganz so, wie wir uns das ausgemalt haben, ist der Little-Mammut-Marsch nicht. Der ist nämlich – wie der Veranstalter ganz richtig schreibt – gar nicht little. Dies vor allem nicht, da das Wetter zu wünschen übrig lässt. Statt Sommerwanderoutfit sind diesmal Regenschirm und Windbreaker gefragt. Das Durchhalten fällt entsprechend schwer, ... (Im Bild: Stein am Wegesrand) ... trotz der wirklich schönen Ecken, durch die wir geführt werden. Aber trotz aller Widrigkeiten (die Füsse leiden heute mehr als beim 50 Kilometer langen Mammutmarsch in Düsseldorf, auch der Kopf will nicht wirklich mitmachen) ... ... schaffen wir es erneut ins Ziel – sichtlich erleichtert. Die Urkunde, die neben der Medaille im Ziel auf uns wartet, haben wir uns auch dieses Mal richtig verdient. Und wir wissen: Frei nach dem Motto des Megamarschs «Wir gehen weiter», wissen wir: Es wird nicht unsere letzte Extremwanderung gewesen sein.

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Worauf habe ich mich da bloss eingelassen? Diese Frage stellte ich mir ein halbes Jahr immer wieder. Grund dafür war eine Entscheidung, die ich nach einem sehr laufintensiven Städtetrip getroffen hatte: Ich habe mich für den Megamarsch angemeldet. Dabei gilt es, 50 Kilometer in 12 Stunden zu wandern.

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In meinem jugendlichen Leichtsinn war ich der Überzeugung, dass, wer wie in New York rund 28 Kilometer am Tag schafft, auch 50 Kilometer hinter sich bringen kann. Auch der Extremwandern-Hinweis der Veranstalter liess mich nicht zaudern. Zumal wir uns eine vermeintlich entspannte Route ausgesucht hatten – die um Düsseldorf herum, im flachen Rheinland (siehe Bildstrecke).

Parat am Start

Mit einem halben Jahr Training (mindestens 15 Kilometer pro Tag), perfekt vorbereiteten Füssen (täglich Hirschtalg, damit es keine Blasen gibt; die Nägel raspelkurz, um ihren Verlust zu vermeiden; Zinksalbe, um Schwitzen zu verhindern) stehen wir Anfang Juli 2019 tatsächlich am Start. Gut aufgewärmt sogar. Da wir den Bus verpasst haben, stecken uns bereits zwei Kilometer in den Knochen, was sich später noch bemerkbar machen wird.

Mit dem Nötigsten im Rucksack – Wasser, ein paar Snacks und Sonnencreme – marschieren wir los. Der Pulk vom Start löst sich rasch auf. Gruppen bunt gekleideter Wanderer ziehen durch die Natur, am Rhein entlang, sogar an einem Schlösschen vorbei. Es könnte schlimmer sein.

Pausen? Fehlanzeige!

All das Schöne blende ich aus, als sich nach 20 Kilometern meine Füsse erstmals bemerkbar machen. Meine Freundin und ich beschliessen, fortan jeweils in unserem eigenen Tempo weiterzugehen, unseren unteren Extremitäten zuliebe. Der Plan geht auf. Ich schliesse mich anderen an und beginne sogar, neue Freundschaften zu schliessen.

Bei 27 Grad in Wald und freier Flur gehen wir stumpf weiter. Wir verzichten darauf, im Sitzen Pause zu machen. Am dritten Versorgungsposten (VPS, Kilometer 30) füllen wir nur unsere Flaschen auf. Die Gurken, Bananen, Salamis, Energieriegel und Milchbrötchen essen wir im Stehen. Auf die Toilette müssen wir nicht – die vielen Liter Wasser, die wir an diesem Tag trinken werden, schwitzen wir aus.

Herausforderung Hügel

Die nächsten zehn Kilometer meistern wir mal redend, mal lachend. Wir fluchen auch. Wir sind seit mehreren Stunden unterwegs. Ohne Pause. Da fühlen sich Hügel wie Berge an.

Einige Zeit verbringe ich sogar in einer Art Tunnel, in dem ich ausser dem Weg vor meinen Füssen nichts mehr wahrnehme. Das Blut in den Beinen pumpt ordentlich.

11 Stunden 40 Minuten

Ab Kilometer 42 wird es mühsam – weil die Wirkung der Zinksalbe nachlässt und weil es danach im Wald stundenlang geradeaus geht. Zur körperlichen Pein gesellt sich nun psychische: Will dieser Wald niemals enden?

Er will, etwa zwei Kilometer vor dem Ziel. Danach knallharter Asphalt. Die Füsse schreien nach so vielen Kilometern am Stück bei jedem einzelnen Schritt. Aber Aufgeben ist keine Option mehr. Nach dem gefühlt härtesten Abschnitt meines Lebens stehe ich dann tatsächlich im Ziel. Nach 11 Stunden und 40 Minuten ununterbrochen auf den Beinen. Aber die Zeit spielt für mich in diesem Moment keine Rolle. Ich bin fix und alle, aber auch stolz wie Bolle!

Bilder vom Marsch und Infos, wie es danach weiterging, findest du in der Bildstrecke!

Fast 2000 Wanderer gingen 2019 am Megamarsch in Düsseldorf an den Start. (Video: Youtube/Megamarsch)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ameisen23 am 10.12.2019 17:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Militär

    Sehe jetzt eigentlich nichts was speziell wäre. Dies haben wir im Militär auch gemacht. Und sogar in 9h und 40min und ich würde mal behaupten mit mehr Gepäck.

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  • J. Gatsby am 10.12.2019 16:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rekrutenschule

    Hat jeder Rekrut schon durchgemacht, wahrscheinlich in unter 12 Stunden. Ist jetzt also auch nicht so dramatisch wie hier beschrieben...

  • Kurt am 10.12.2019 16:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kampfstiefel

    Sorry... aber es gibt andere, die müssen mit Kampfstiefel und Gepäck diese Strecke machen und dies nicht nur EIN MAL... tsssss....

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Die neusten Leser-Kommentare

  • ganchopancho am 15.12.2019 11:48 Report Diesen Beitrag melden

    ganz ok.

    Und wie es ist, alle haben wieder mal das zehnfache geschafft , Immerhin, nicht so schlecht dieser Selbsttest.

  • Martin Muff am 12.12.2019 21:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    50 mal 2

    Ach wie habe ich unseren 100 km marsch geliebt, den wir unter 20 Stunden absolviert haben.

  • Pascal am 12.12.2019 17:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    SEI STOLZ

    Stark, Du kannst stolz auf Dich sein! Darf man die Strecke auch laufen und nicht nur wandern?

  • Peter am 12.12.2019 09:20 Report Diesen Beitrag melden

    Alle Achtung :)

    Das ist im Militär der Abschlusslauf. Also nichts spektakuläres nur mit dem Unterschied, dass Militärs mit Gepäcks wandern, diese Teilnehmerin allerdings mit Leichtgepäck. Gleichwohl eine Leistung für eine Städterin.

  • popi am 12.12.2019 08:18 Report Diesen Beitrag melden

    Geile Bubis

    Erstaunlich, wie wenige überhaupt noch Ahnung von der RS haben. Wir hatten damals sogar einen Kollegen, den haben wir die letzten 20 km gestützt weil er nicht mehr konnte. Die obligatorischen 50 km haben wir und nicht nur wir alle gemacht und zwar mit Kampfstiefel, Gepäck und Gewehr. Der Zusammenhalt war ohne sozial media auch besser.