Interview

09. Februar 2013 17:51; Akt: 13.02.2013 13:36 Print

«Auch offene Beziehungen werden langweilig»

von Emil Keller - Abenteuer ausserhalb der Partnerschaft sollen emotionale und sexuelle Langeweile verhindern. Für Paartherapeut Klaus Heer sind offene Beziehungen trotzdem zum Scheitern verurteilt.

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Paartherapeut Klaus Heer. Bild: Rahel Krabichler.

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Kann ein Mensch in einer monogamen Beziehung ein Leben lang glücklich bleiben?
Klaus Heer: Kommt drauf an, was man sich unter glücklich sein vorstellt. Wenn man sich ausmalt, ein Leben lang verliebt zu sein, dann ist es unmöglich. Diese Phase dauert durchschnittlich nur 90 Tage. In dieser Zeit sind wir hormonbetrunken. Danach kommt man wieder zur Vernunft.

Also verliebt man sich während einer längeren Beziehung wahrscheinlich mal in eine andere Person. Wäre eine polyamore Beziehung dann nicht die Lösung?
Ich glaube nicht, dass solche Beziehungen auf Dauer funktionieren. Es werden zwar immer wieder Erfolgsgeschichten erzählt. Das sind aber höchstens Gerüchte von Geschäftemachern. Partnervermittlungen sind daran interessiert, den Umsatz möglichst hochzuhalten.

Wir haben mit einem polyamoren Paar gesprochen, das nach drei Jahren immer noch glücklich ist.
Was sind schon drei Jahre? Die Frage ist, wie sie die nächsten Jahrzehnte überstehen. Man sollte sich auf den gesunden Menschenverstand verlassen. Jemand, der liebt, der will und kann diese Person nicht mit jemand anderem teilen. Es gibt Leute, die wagen diesen ideologisch tollkühnen Sprung. Doch geht das höchstens ein oder zwei Jahre gut.

Warum funktioniert es nicht?
Die naive Idee ist, dass beide Partner sich gleichzeitig nach aussen verlieben. Schön wärs! Einer fällt immer raus, lebt im Schatten des anderen. Am Anfang ist das vielleicht spannend, man kann sich aufregende Dinge erzählen. Doch irgendwann wird das langweilig.

Sind also alle Beziehungsformen auf die Dauer zur Langeweile verurteilt?
Wenn man mit Investitionen knapp und geizig ist, hat das zur Folge, dass Beziehungen langweilig werden. Die Spannung ist dann weg. Man muss zusammen suchen, was es braucht, damit die Beziehung wieder gut wird.

Hatten Sie auch schon polyamuröse Paare in der Therapie?
Ja, schon einige. Sie sind meist überfordert mit der eigenen Weltanschauung. Sie müssen einen ideologischen Graben überspringen, doch der Graben ist viel zu breit. Meistens fühlt sich einer der Partner zu etwas gedrängt, das er eigentlich gar nicht will. Das kann verletzend sein. Und zerstörerisch für die Beziehung.

Haben Sie sich schon überlegt eine offene Beziehung zu führen?
Noch nie. Dabei habe ich doch die 68er Bewegung miterlebt.

Warum ist uns dieser Gedanke so fremd?
Monogamie ist das offizielle gesellschaftliche Konzept. Der Sozialpsychologe Erich Fromm sah die Ehe als Zivilisationsschablone: Man muss nichts überlegen, sondern kann alles übernehmen. Die meisten monogamen Paare haben kein eigenes Beziehungskonzept. Paare in einer offenen Beziehung kommen nicht darum herum, über die Verfassung ihrer Beziehung zu sprechen und die Fundamente zu definieren.

Also hat die offene Beziehung doch Vorteile.
Abseits der Trampelpfade kann man reiche Erfahrungen machen. Man sollte sich dabei nicht vom Vatikan oder anderen Besserwissern wie mir einschränken lassen. Sonst beschneidet man sich das eigene Leben. Doch es ist eine gewaltige Herausforderung. Und vergessen Sie nicht: Auch die ganz gewöhnliche Ehe kann ein Abenteuer werden. Sobald man nämlich entdeckt, dass man den eigenen Partner überhaupt nicht kennt. Selbst nach vielen Jahren in gemeinsamen vier Wänden.

Sie glauben also nicht, dass polyamuröse Beziehungen eines Tages zur Norm werden?
Doch das könnte sein. In 400 bis 500 Jahren ist es denkbar.

Emil Keller ist Journalismus-Student an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Für 20 Minuten Online hat er das Thema offene Beziehung recherchiert und aufbereitet.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • jemand am 11.02.2013 07:42 Report Diesen Beitrag melden

    Hmja.

    Für mich wäre eine offene beziehung nur schon dann nicht möglich weil mir mein Körper zu wertvoll ist um mit mehreren zu schlafen. Zudem will man doch nicht "ausgeleiert", verbraucht sein. Auch ist mir mein Partner zu vertvoll um ihn zu teilen. Ist meine Meinung, wem sie nicht passt der soll nicht mehr auf 20min.ch kommentieren.

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  • Schmid Mirco am 11.02.2013 12:25 Report Diesen Beitrag melden

    guter Artikel

    Letztendlich bleibt er trotzdem realistisch, und hat lediglich seine Meinung geschrieben. Mir gefällts. - Offene Beziehung, funktioniert meiner Meinung nach einfach nicht, hatte selbst eine, und kenne viele welche eine führen. - 1 mal kommt niemals so eine Nähe/Wärme/vertrautheit/liebe/Sicherheit zustande wie in einer monogamen beziehung. -2 irgendeiner wird immer verletzt, und wenns die 3 Person ist, welche in dem Kreis miteingezogen wird.

  • Lucky am 12.02.2013 07:01 Report Diesen Beitrag melden

    SOOOO ist es.

    es gibt menschen, welche ein lebenlang auf der suche nach neuem sind.... aber nach waaaas????? das wissen sie ein lebenlang nicht...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Lucky am 12.02.2013 07:01 Report Diesen Beitrag melden

    SOOOO ist es.

    es gibt menschen, welche ein lebenlang auf der suche nach neuem sind.... aber nach waaaas????? das wissen sie ein lebenlang nicht...

  • Schmid Mirco am 11.02.2013 12:25 Report Diesen Beitrag melden

    guter Artikel

    Letztendlich bleibt er trotzdem realistisch, und hat lediglich seine Meinung geschrieben. Mir gefällts. - Offene Beziehung, funktioniert meiner Meinung nach einfach nicht, hatte selbst eine, und kenne viele welche eine führen. - 1 mal kommt niemals so eine Nähe/Wärme/vertrautheit/liebe/Sicherheit zustande wie in einer monogamen beziehung. -2 irgendeiner wird immer verletzt, und wenns die 3 Person ist, welche in dem Kreis miteingezogen wird.

  • Theory am 11.02.2013 08:24 Report Diesen Beitrag melden

    Richtig oder falsch?

    Solange man in einer Beziehung den Partner nicht wirklich liebt, spielt es keine Rolle, ob man in einer monogamen oder polyamourösen Beziehung lebt.

  • jemand am 11.02.2013 07:42 Report Diesen Beitrag melden

    Hmja.

    Für mich wäre eine offene beziehung nur schon dann nicht möglich weil mir mein Körper zu wertvoll ist um mit mehreren zu schlafen. Zudem will man doch nicht "ausgeleiert", verbraucht sein. Auch ist mir mein Partner zu vertvoll um ihn zu teilen. Ist meine Meinung, wem sie nicht passt der soll nicht mehr auf 20min.ch kommentieren.

    • Denker am 11.02.2013 08:36 Report Diesen Beitrag melden

      Resspekt

      Du hast verstanden dich zu Lieben. Respekt.

    • Mike am 11.02.2013 08:43 Report Diesen Beitrag melden

      Wie engstirnig

      Ich teile nicht deine Meinung. ;)

    • Nala71 am 11.02.2013 09:55 Report Diesen Beitrag melden

      ausleiern???

      Du leierst aus?? Wow. Also das ist mir neu, dass man ausleiert, wenn man häufig Sex hat. Egal ob mit immer demselben oder mit verschiedenen Partnern. Ausleiern ist so oder so ungesund. Du teilst Dein Partner im übrigen bereits - mit seiner Arbeit, mit seinen Hobbies, mit seinen Kollegen.

    • Martin am 11.02.2013 13:57 Report Diesen Beitrag melden

      @Nala

      Ist ja total vergleichbar... Der/die Partner/in arbeiten, das ist also dasselbe wie den Partner beim Sex zu tauschen? Bleiben wir doch bitte sachlich.... Das ist doch kein Argument.

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  • Freier Denker am 11.02.2013 05:59 Report Diesen Beitrag melden

    Beängstigend

    Lasst doch jede/n so leben wie sie/er will, solange man einander nicht auf die Nerven geht. Es ist ein wenig bedenklich hier zu lesen, wieviele Menschen anderen vorschreiben wollen, was richtig und was falsch ist. Teilweise sind die Kommentare derart energisch, dass ich angst hätte in einem Land zu leben, in welchem eine/r derjenigen die Macht hätte, die/der solch einschränkendes Gedankengut pflegt.

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