Gothics

18. Juni 2009 21:37; Akt: 19.06.2009 10:39 Print

«Bei der Arbeit laufe ich ganz normal herum»

von Olaf Kunz - Sie schlafen in Särgen, treiben sich nachts auf Friedhöfen herum und betreiben Okkultismus - das zumindest glauben viele, wenn sie Gothics sehen. Was ist wirklich dran? 20 Minuten Online öffnet die Türe zur dunklen Welt der Subkultur.

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Viele, die Anna McSeth auf Fotos sehen, staunen zunächst einfach nur. Die Reaktionen in den darauf folgenden Sekunden reichen von Schmunzeln über respektvolle Ohhs, nicht selten bis hin zu Ekel. Nicht von ungefähr. Die Gothic-Anhängerin provoziert gelegentlich. So zum Beispiel, als sie sich für den Fotografen knapp bekleidet in einer Badewanne voll Schweineblut räkelt. «Bei dem Bild wollte ich meinen Mitmenschen zeigen, wie es ist, andere in den Tod zu treiben. Ich will damit aber auch sagen: Passt auf euch und eure Mitmenschen auf», schildert sie die Entstehung der Idee für das gewagte Motiv.

The dark side of life

Mit okkulten Riten hingegen hat Ramona, wie Anna McSeth im wahren Leben heisst, dennoch nichts am Hut. Vor vier Jahren lernt sie erstmals Menschen aus der Szene kennen und ist fasziniert von ihren Einstellungen und ihrer Art des Umgangs mit düsteren Themen. Schon bald ändert die damals 14-Jährige ihr eigenes Erscheinungsbild und die Zimmer-Einrichtung. Später rasiert sie sich sogar ihren Kopf. Die Farbe Schwarz dominiert im Kleiderschrank und bei der Bettwäsche. Auch die Wände ihres Zimmers kleidet sie mit schwarzen Müllsäcken aus. Viele Spiegel und Spinnweben aus dem Scherzartikel-Laden zieren das kleine Reich der Zürcherin, dass sie sich mit drei Ratten teilt. «Alles in allem düster-romantisch», beschreibt sie die Szenerie.

«Für meine Mutter war es schon schwer, mein neues Aussehen zu akzeptieren», erinnert sie sich. «Aber ich fühle mich so eben wohl - auch wenn mir die Leute auf der Strasse aus dem Weg gehen.» Diese Vorliebe für «the dark side of life» hat auch Nandy. Bei der Frage, was ihr daran so gefällt, muss die 23-Jährige nicht lange überlegen: «Ich finde die Szene faszinierend, weil sie so vielfältig ist. Sie ist so gross und es gibt so viele verschiedene Stile. Ausserdem wird es gefördert, dass man sich entfalten kann, statt sich in ein Szeneschema zwängen zu lassen.»

«Eine Art Religion»

Dass das So-Sein-Können in diesem Milieu eine magnetische Wirkung hat, kann der Soziologe Dr. Axel Schmidt von der Uni Basel nur bestätigen. «Gothic ist deshalb interessant, weil es eine Art Religion ist, in der es aber keine Kirche braucht. Sie stellt ihren Mitgliedern frei, wie sie sie ausleben wollen.» Warum aber schminken sich Anhänger der Subkultur gerne schwarz, kleiden sich in mittelalterlichen Gewänden oder als sogenannte Cyber-Witches? «Es ist eine Art Sinnsuche, die ihren Ausdruck in solchen Styles findet. Sehr häufig beschäftigen sich Menschen aus der Gothic-Szene mit Themen, die in ihren Augen von unserer Gesellschaft entweder verdrängt oder tabuisiert werden. Es geht dabei oft um Tod, Vergänglichkeit etc.», ist der Buchautor («Die Welt der Gothics») überzeugt.

Aussen schwarz, innen heiter

Trotz häufig morbider Szenerien mit Särgen, Blut und dunklen Verliessen in diesen Kreisen, sind Schwarzträger dennoch nicht unbedingt Schwarzmaler. Darstellung und innere Einstellung stehen laut Schmidt bei Gothics sehr oft in Widerspruch. «Sie haben eine lebensbejahende Haltung, sind humorvoll und gehen auch mit düsteren Themen ironisch um.» Dass sie zum Lachen in den Keller gehe, dagegen verwehrt sich auch Nandy: «Ich bin ein sehr lebensfroher und positiver Mensch.»

Ein Laufsteg für Selbstdarsteller

Auf Nachfrage gibt sie auch zu, ein sehr extrovertierter Mensch zu sein. «Ich liebe es, die Blicke auf mich zu ziehen.» Zumindest in der Freizeit. «Wenn ich im Geschäft bin, laufe ich ganz normal herum. Ich habe das KV gemacht und jetzt viel mit Kunden zu tun. Da ist das natürlich nicht so passend, wenn ich als Gothic aufkreuze. Ausserhalb der Arbeit gefällt mir dieser Style aber sehr.»

Immerhin so sehr, dass sie nicht selten bis zu drei Stunden mit Vorbereitungen beschäftigt ist, bevor sie in Ausgang geht. Da wird gebastelt, kurz etwas umgenäht, geschminkt und die Haare gestylt. Das ist typisch für die Szene. «Gothics legen sehr grossen Wert auf Individualität», erklärt der Szene-Kenner Schmid. So sehr, dass das Ganze manchmal schon fast zum Schaulaufen verkommt, weiss Anna McSeth aus eigener Erfahrung. Die Freiheit in der Gothic-Welt hat ihren Preis. Nämlich jenen, dass erwartet wird, dass man sie auch ordentlich nutzt. «Man muss absolut gut gestylt sein. Es wird sehr viel Wert gelegt auf perfektes Aussehen.»

Unzählige User-Bilder

Genau von diesem ausgeprägten Drang nach perfektem Style und Selbstinszenierung profitiert Stephan Gratzei alias Satyr. Er hat sich auf diese Art Fotos spezialisiert, weil «die Gesellschaftskritik in einem Kleid daherkommt, die aufwühlt. Jedes Modell in der Gothic-Szene hat einen ganz eigenen Stil. Es ist wie in Hollywood - keiner will kopiert werden», weiss er aus seiner Arbeit mit den Modells. Wie individuell die Mitglieder der Subkultur sind, zeigt auch die provokante, morbide und sexy Bildstrecke mit Fotos der 20-Minuten-Online-User.

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