Mein Handicap

17. Juni 2015 14:04; Akt: 18.06.2015 08:55 Print

«Dass ich alle Blicke auf mich ziehe, nervt mich»

Dass sie auffällt, stört Anja Reichenbach. Sonst ist es für die 26-Jährige okay, sehbehindert zu sein. Denn deshalb gibt es schöne Begegnungen – und Taro.

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In der Serie «Leser stellen sich vor» sprechen wir jeden Mittwoch mit einem Mitglied aus der 20-Minuten-Community. Im Juni erzählen Leserinnen und Leser, wie das Leben mit Handicap aussieht. Diese Woche erklärt Anja Reichenbach, was es bedeutet, sehbehindert zu sein.

Anja Reichenbach, wieso haben Sie sich auf den Aufruf gemeldet?
Weil ich es wichtig finde, dass Menschen mit und ohne Behinderung sich austauschen und erkennen, was uns alle verbindet. Die Medien unterstützen die Bewusstseinsbildung. Ich hoffe, dass auch andere Medien das Thema Behinderung aufnehmen.

Wie viel sehen Sie noch?

Ich sehe nur auf einem Auge. Und auch auf diesem habe ich nur 10 Prozent Sehfähigkeit und ein Gesichtsfeld von 5 Prozent (Röhrenblick). Menschen erkenne ich nur schemenhaft, keine Mimik und auch die Orientierung ist schwierig, da ich kein 3-D-Sehen habe. Die Krankheit verläuft progressiv. Ich werde wahrscheinlich ganz erblinden.

Wie lesen Sie 20 Minuten?
Meist im App auf meinem iPhone oder iPad. Diese Geräte verfügen über die nötige Software wie die Sprachausgabe. Auch Websites kann ich mit solchen Programmen lesen. Jedoch nur, wenn die Seiten entsprechend gestaltet sind.

Wie verläuft ein typischer Tag in Ihrem Leben?
Zuerst ist mein Führhund Taro an der Reihe: Ich starte mit einer Spiel-Spaziergang-Runde, bevor ich zur Arbeit gehe. Ich bin Projektleiterin bei Blindspot – einer nationalen Förderorganisation für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung. Taro ist stets an meiner Seite und sorgt dafür, dass ich sicher und schnell von A nach B komme. Nach der Arbeit gehe ich spazieren, joggen, treffe mich mit Freunden oder koche.

Was sind die grössten Schwierigkeiten in Ihrem Leben?
Schwierig finde ich, dass man sich als Mensch mit Behinderung die Normalität immer wieder «erkämpfen» muss. Es ist ein tägliches Abwehren von Vorurteilen. Meine Behinderung gehört zu mir, aber beherrscht mich nicht. Wenn ich mich in der Gesellschaft bewege, fühlt es sich oft an, als zähle primär die Sehbehinderung.

Gibt es etwas Bestimmtes, das Sie gerne tun würden, aber nicht können?
Ich würde sehr gerne mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Als Kind konnte ich selbst mit dem Fahrrad herumkurven, da ich noch mehr sah. Heute fahre ich Tandem. Das ist zwar auch super, aber es erzeugt einfach nicht das gleiche Freiheitsgefühl.
Und ich würde manchmal gerne in der Anonymität verschwinden. Dass ich alle Blicke auf mich ziehe, nervt mich manchmal.

Welche Reaktionen von Mitmenschen nerven Sie?
Glotzen, tuscheln, distanzlose Fragen oder respektlose Aussagen können sehr verletzend sein.

Gibt es auch positive Situationen?
Man trifft natürlich Menschen, mit denen man ohne Behinderung oder ohne Führhund – er ist ein Magnet – nicht so spontan in Kontakt käme. Man führt spannende Diskussionen oder ist so erstaunt über die skurrilen Fragen, dass man nur noch lachen kann.

Wie wünschen Sie sich, dass die Menschen auf Sie zugehen?
Ich wünsche mir, dass sich die Menschen nicht so viele Gedanken machen und ihre Hemmungen ablegen. Der Umgang mit Menschen mit einer Behinderung ist keine Hexerei. Man soll sich überlegen, was man selbst wollen würde, und Fragen stellen, statt zu glotzen und zu interpretieren.

Sie haben mir gesagt, dass Sie der Titel des Aufrufs («Sind Sie anders als die anderen?») gestört hat. Können Sie erklären wieso?
Grundsätzlich kann ich verstehen, dass Menschen ohne Behinderung den Alltag von Menschen mit Behinderung als etwas «Besonderes» betrachten. Er verläuft in gewisser Weise auch anders. Dennoch finde ich, dass Begriffe wie «Andersartigkeit»,«Besonderheit» oder «Bewunderung» die Stigmatisierung verstärken. Jeder Mensch ist anders und ein Unikat. Das hat nichts mit einer Behinderung zu tun.

Wovor haben Sie am meisten Angst?
Da muss ich überlegen, denn ich bin grundsätzlich kein angstbetonter Mensch. Am meisten fürchte ich mich wohl vor dem Nichtbestehen in unserer leistungsorientierten Welt und davor, dass sich die Menschen immer weiter voneinander entfernen.

Was bedeutet das Wort Schönheit für jemanden, der nicht sehen kann?
Ich glaube, man kann Schönheit verschieden betrachten. Einerseits als reine Äusserlichkeit, also eine gepflegte Erscheinung. Dies ist mir wichtig, auch wenn ich mich im Spiegel nur schemenhaft erkenne. Andererseits als Gefühl. Die Momente, in denen man mit sich und der Umwelt in Einklang ist. Schönheit lässt sich mit allen Sinnen erfahren – hören, fühlen, riechen. Wenn man sich das überlegt, werden die visuellen Aspekte fast schon nebensächlich.

In der Serie «Mein Handicap» haben sich auch Luana und Benjamin vorgestellt. Ihre Geschichten finden Sie hier: Luana Montanaro / Benjamin Früh

(kam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • MuhKuh am 17.06.2015 14:20 Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Interpretation

    Vielleicht sollte die junge Dame darüber aufgeklärt werden, dass die Leute sie nicht anstarren weil sie "behindert" ist, sondern weil sie einfach sehr gut aussieht.

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  • Taifunny am 17.06.2015 14:47 Report Diesen Beitrag melden

    Behinderte sehen oft Angriffe in Blicken

    Ich wünschte mir, dass Menschen mit Behinderung nicht immer denken, man würde sie wegen ihrer Behinderung anstarren oder verurteilen. Manche haben vielleicht einfach nur ein gutes Aussehen, einen gewissen Stil, eine Andersartigkeit, die nicht behinderte Menschen auch haben. So traut man sich ja bald gar nicht mehr einen behinderten Menschen überhaupt anzusehen. Anja Reichenbach wünsche ich aber alles Gute und bedanke mich für den Einblick in Ihre Welt.

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  • allan am 17.06.2015 14:26 Report Diesen Beitrag melden

    verstehe leute nicht

    wieso zieht sie blicke auf sich? wegen dem Hund? was finden leute daran komisch?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • petrus von peter am 18.06.2015 17:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genau

    denn das Schlimmste wäre doch, wenn alle Angst haben die etwas anders benachteiligten Menschen anzusehen. Dann würden sie sich fühlen als ob sich niemals jemand für sie interessiert und beachtung schenkt. Wenn man ständig ignoriert wird wegen eben dieser "Benachteiligung" fühlt man sich sehr wahrscheinlich genauso gesellschaftsfremd wie wenn man angestarrt wird.

  • Zitrone am 18.06.2015 14:28 Report Diesen Beitrag melden

    Das Anstarren

    Ich ertappe mich öfters dabei wie ich blinde oder fast blinde Mitmenschen mit Taststock oder Blindenhund beobachte - aber nicht weil ich es komisch finde, sondern weil ich total fasziniert davon bin wie die Leute das Einkaufen oder eine geschäftige Fussgängerzone meistern.

  • Ano Nym am 18.06.2015 10:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Offenheit

    Es sollte mehr Plattformen oder "Begegnungszonen" geben. Ich persönlcih hätte 1000 Fragen an Leute mit Beeinträchtigungen aber ich würde mich nie trauen jemand auf der Strasse darauf anzusprechen. Irgendwie fühle ich eine Hemmung jemanden nur aus diesem Grund zu "belästigen" und würde mich schlecht fühlen mich einzumischen. So bleibt mir nur das Starren und Mutmassen und das fühlt sich auch schlecht an.

  • Tobi am 18.06.2015 08:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    das beste daraus machen :)

    Verstehe das mit den Blicken nicht, ich laufe zur Zeit an den Stöcken dann sehen mich auch viele Leute an. Aber ich finde man kann diese Situation nutzen und die Leute anlachen. :)

    • Jutta Westermann am 18.06.2015 18:58 Report Diesen Beitrag melden

      Blicke

      Als ich lange Zeit an zwei Stöcken (Arm- Krücken) gehen musste, störten mich Blicke überhaupt nicht. Ich beachtete diese gar nicht, weil ich genug mit mir selber zu tun hatte um nicht zu stolpern. Was mich aber wütend machte, waren rücksichtslose Zeitgenossen, die so dicht an mir vorbeihasteten, dass sie mir dabei meine Stöcke wegkickten und mich fast zu Fall brachten. Aber als junge Frau bin ich noch lernfähig und lernte bald, solche Attacken mit meinen Stöcken abzuwehren..... Oft rief dann einer erschrocken: "Auah !" Zu lachen gab's da nichts.

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  • BS am 17.06.2015 22:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genau

    Meine Worte! Auch wenn sie ein Handycap hat, strahlt sie Lebensfreude aus. Das gefällt mir besonders an ihr.

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