Der User unter der Lupe

25. Dezember 2012 19:23; Akt: 08.05.2013 11:10 Print

«Kommentare haben etwas Voyeuristisches»

von Olaf Kunz - Fast 1,4 Millionen Kommentare haben die Leser 2012 auf 20 Minuten Online gepostet. Und sie schreiben nicht nur – neun von zehn Usern lesen regelmässig, was andere schreiben. Was treibt den User an?

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2012 haben die Leserinnen und Leser von 20 Minuten Online einen neuen Rekord aufgestellt: Im laufenden Jahr gingen bis zum Stichtag 17. Dezember insgesamt 1'380'272 Kommentare zu aktuellen Storys ein. Gegenüber dem Vorjahr ist das eine Steigerung von 77 Prozent. Im Durchschnitt wurden sage und schreibe 3910 Kommentare pro Tag verfasst.

Von den Interaktionsmöglichkeiten – egal ob in Umfragen, im Feedback oder via Kommentarfeld – wird rege Gebrauch gemacht. Doch was sind die Gründe für den enormen Mitteilungsbedarf der Leser? Und wie wird die Flut an Beiträgen überhaupt gehandhabt? Anlässlich der höchst erfreulichen Zahlen beleuchten wir das Phänomen und plaudern aus dem Nähkästchen der Online-Redaktion.

«Informieren, beeinflussen, Dampf ablassen»

Dass 20 Minuten Online das Mitmachportal Nummer eins unter den Schweizer Newssites ist und die Leser so rege kommentieren, hat für Thomas Friemel vom Institut für Publizistikwissenschaft handfeste Gründe: «Das Publikum hier ist gegenüber den Möglichkeiten des Internets sehr aufgeschlossen.» Ausserdem existiert die Kommentarfunktion seit 10 Jahren auf der Newssite. «Somit wurde früh eine entsprechende Austauschkultur entwickelt und gepflegt, noch bevor Twitter und Facebook gegründet wurden.»

Das findet Anklang. 59 Prozent der 20-Minuten-Online-Nutzer lesen nach eigener Auskunft täglich oder fast täglich die Kommentare. Weitere 30 Prozent mindestens einmal pro Woche. Der Hauptgrund ist, dass die Leute wissen wollen, was andere zu dem Thema denken und dabei viel Spass haben und sich auch richtig ärgern können. «Kommentare haben etwas Voyeuristisches, sie sind wie Reality-TV im News-Bereich. Auch das Fremdschämen für peinliche Äusserungen von anderen übt eine grosse Faszination auf die Leser aus, was zu einem hohen Unterhaltungswert führt», erläutert Medienforscher Thomas Friemel die Ergebnisse einer Studie der Universität Zürich.

Was sind überhaupt die Motive, einen Kommentar zu verfassen? Auch hierzu liefert die Umfrage Erklärungen: «Primäres Bedürfnis ist es, die eigene Meinung kundzutun, andere zu informieren und nicht selten auch der Versuch, andere Zeitgenossen zu beeinflussen. Das Zweite ist die Ventilfunktion für Emotionen. Vor allem das Bedürfnis, Ärger und Wut Luft zu machen.» Das trifft vor allem auf Themen zu, die stark polarisieren oder über die aus Sicht des Lesers nicht richtig berichtet wird.

Wie ein Kommentar auf die Seite gelangt

Die Möglichkeit des Kommentarschreibens wird von Usern aber nicht nur enorm geschätzt - viele erheben regelrecht Anspruch auf die Möglichkeit: Hat eine Story einmal keine Kommentarfunktion, wird schnell der Vorwurf laut, wir würden gegen das Recht auf freie Meinungsäusserung verstossen. Dabei wendet die Redaktion schon heute Monat für Monat allein für diese Interaktionsmöglichkeit einen fünfstelligen Betrag auf.

Vor allem die Sichtung der Kommentare ist aufwändig, aber unerlässlich. Denn: «Sollten Leserbeiträge strafrechtlich relevante Äusserungen enthalten, so ist die Redaktion dafür haftbar», erklärt Friemel. Doch auch abseits dieses Aspekts ist es wichtig, die Kommentare vor einer Freischaltung zu filtern. Dadurch sollen auch beleidigende, fremdenfeindliche, offensichtlich unrichtige und völlig unverständliche sowie unleserliche Kommentare herausgefischt werden. Auch latente Beleidigungen oder indirekte Angriffe auf andere Kommentarschreiber werden nicht geduldet.

Bevor ein Kommentar wirklich freigeschaltet wird, hat er bereits einen zweistufigen automatischen Prozess durchlaufen. In einem ersten Schritt werden Kommentare, die lediglich ein Wort wie «Yo» oder mehr als 30 Ausrufezeichen enthalten, ausgesondert. Denn diese tragen nicht wirklich zur Diskussion bei. In einem zweiten Schritt werden sie mit Hilfe eines intelligenten Algorithmus geprüft. Dabei fallen Kommentare, die in Dialekt oder in einer anderen Sprache verfasst sind, durchs Raster. Anschliessend ist Handarbeit angesagt.

Mythos Maulkorb

Diese Aufgabe erledigt ein Team von 18 Kommentarfreischaltern, die im Schichtbetrieb arbeiten – meistens zwei oder drei Personen in einer Schicht. An Spitzenzeiten und am Wochenende werden sie von den übrigen Redaktoren unterstützt. Trotz allem: An Spitzentagen mit über 8'000 eingehenden Kommentaren bleibt dies eine sportliche Herausforderung.

Von den rund 1,4 Millionen Leser-Kommentaren, die 2012 eingingen, wurde etwas mehr als eine halbe Million gelöscht. Also knapp zwei Fünftel. Die Redaktion erhält täglich Mails mit Beschwerden wie «Meine Kommentare werden immer gelöscht» oder «Nur weil euch meine Meinung nicht passt, wird mir ein Maulkorb umgehängt». Doch eine Blacklist oder Ähnliches gibt es nicht. Jeder Kommentar wird bearbeitet. Dabei wird nicht nach Gutdünken gelöscht, sondern anhand definierter Standards. Schliesslich bringt es keinem Leser etwas, einen Kommentar wie «Ich finde es doof. Aber auch geil» zu lesen – das ist übrigens ein O-Ton. Ausserdem verhindert schon die grosse Zahl an Freischaltern, dass einseitig gelöscht wird. Und bei über 800'000 freigeschalteten Kommentaren kann man getrost davon ausgehen, dass das Meinungsspektrum breit ist.

Olaf Kunz ist Leiter Community bei 20 Minuten Online. Zu seinem Team gehören auch die 18 Teilzeit-MitarbeiterInnen, die die Kommentare sichten und freischalten.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Phil am 27.12.2012 21:19 Report Diesen Beitrag melden

    Habe herzlich gelacht ...

    Habe über euren Artikel herzlich gelacht. Na ja, zuerst einmal als der Artikel ohne Kommentarfunktion freigeschaltet wurde (Keine Kommentare zu den Kommentaren?). Dann über die Behauptungen, dass nichts zensuriert wird. Da muss doch nur ein Reizwort wie "Bilderberger" auftauchen (völlig korrekt, im richtigen Kontext) und schon wird der Kommentar niemals auftauchen! Ich finde es auch interessant, wie bei manchen Artikeln niemals mehr als nur ein paar Kommentare erscheinen. Tausende von Lesern und weniger als ein Dutzend Kommentare?

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  • Markus Müller am 27.12.2012 19:41 Report Diesen Beitrag melden

    Pöbeleien bevorzugt

    Mich stört, dass in den Kommentaren zuhauf Pöbeleien gegen unliebsame Personen oder auch sehr hemdsärmelig, abschätzig und selbstgerecht formulierte "Meinungen" ("Volkes Stimme") freigeschaltet werden, fundierte Kritik an diesen Voten dann aber nicht. Wohl unter dem Stichwort "Angriffe auf andere Kommentarschreiber". Hier wünschte ich mir ein differenzierteres Briefing der Freischalter. Wer andere in den Dreck zieht, oder unreflektiert Parolen nachbetet, sollte auch explizit kritisiert werden dürfen, insbesondere wenn die Kritik sachlich formuliert ist.

  • Chris am 27.12.2012 14:58 Report Diesen Beitrag melden

    Viel besser als der ....

    Von mir wurden auch schon (korrekte) Kommentare nicht veröffentlicht aber im Gegensatz zur grössten Boulevardzeitung der Schweiz kommen hier die meisten Kommentare durch. Das ist auch der Grund, warum ich die andere Zeitung nicht mehr lese

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Marco E. am 28.12.2012 10:38 Report Diesen Beitrag melden

    Es geht immer um Politik

    Es ist gut zu wissen was andere denken, das ist "aktive" Politik, denn unsere Politiker lesen oder bekommen sogar diese "Informationen".

  • Phil am 27.12.2012 21:19 Report Diesen Beitrag melden

    Habe herzlich gelacht ...

    Habe über euren Artikel herzlich gelacht. Na ja, zuerst einmal als der Artikel ohne Kommentarfunktion freigeschaltet wurde (Keine Kommentare zu den Kommentaren?). Dann über die Behauptungen, dass nichts zensuriert wird. Da muss doch nur ein Reizwort wie "Bilderberger" auftauchen (völlig korrekt, im richtigen Kontext) und schon wird der Kommentar niemals auftauchen! Ich finde es auch interessant, wie bei manchen Artikeln niemals mehr als nur ein paar Kommentare erscheinen. Tausende von Lesern und weniger als ein Dutzend Kommentare?

    • Rita Schlüger am 28.12.2012 16:57 Report Diesen Beitrag melden

      Stimme total zu !

      @Phil Stimme total zu. Es ist erstaunlich, dass dein Kommentar nicht der Zensur zum Opfer gefallen ist. Na ja, dafür ist der Artikel ja ganz schnell von der Titelseite verschwunden.

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  • Markus Müller am 27.12.2012 19:41 Report Diesen Beitrag melden

    Pöbeleien bevorzugt

    Mich stört, dass in den Kommentaren zuhauf Pöbeleien gegen unliebsame Personen oder auch sehr hemdsärmelig, abschätzig und selbstgerecht formulierte "Meinungen" ("Volkes Stimme") freigeschaltet werden, fundierte Kritik an diesen Voten dann aber nicht. Wohl unter dem Stichwort "Angriffe auf andere Kommentarschreiber". Hier wünschte ich mir ein differenzierteres Briefing der Freischalter. Wer andere in den Dreck zieht, oder unreflektiert Parolen nachbetet, sollte auch explizit kritisiert werden dürfen, insbesondere wenn die Kritik sachlich formuliert ist.

  • Chris am 27.12.2012 14:58 Report Diesen Beitrag melden

    Viel besser als der ....

    Von mir wurden auch schon (korrekte) Kommentare nicht veröffentlicht aber im Gegensatz zur grössten Boulevardzeitung der Schweiz kommen hier die meisten Kommentare durch. Das ist auch der Grund, warum ich die andere Zeitung nicht mehr lese

    • Pascal.K am 27.12.2012 15:31 Report Diesen Beitrag melden

      Genau

      Da kann ich dir nur recht geben... bei der grössten Zeitung werden die online Beiträge meist nicht veröffentlicht. Naja Meinungsfreiheit wird hald doch nicht garantiert. Was leider hier auch ab und an mal der fall ist.

    • Andreas Waldmeier am 28.12.2012 07:42 Report Diesen Beitrag melden

      Gleichberechtigung

      Bei mir ist es umgekehrt im Blick bringen sie meine Kommentare und die gleich geschriebenen in der 20 Min. nicht. was soll man davon halten.

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  • Kritiker am 27.12.2012 14:45 Report Diesen Beitrag melden

    Regeln sind gut - aber

    ich möchte dann auch genau wissen welche gelten. Was unter dem Kommentarfenster steht ist unvollständig wie der Text oben zeigt. Es wäre nur fair diese Regeln vollständig anzugeben. Für die Auto-Filterfunktion hätte ich gern ein Sofortfeedback, bei 2 Buchstaben als Titel bekomme ich ja auch sofort eins. mg12 hält Sie unten übrigens zu Recht zum Narren und beweist dass Sie sich nicht an die eigenen Regeln halten, dass dies schwierig ist ist unbestritten aber Ihre Standards sind so dehnbar dass ich behaupten kann hier auch schon mit einer Beleidigung durchgekommen zu sein, "Sie" sahen es anders

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