Jugendliche zu Medien-Studie

09. November 2018 05:45; Akt: 09.11.2018 10:28 Print

«Wir konsumieren News, aber nicht aus Zeitungen»

von Julia Panknin - Laut einer Studie konsumieren 53 Prozent der 16- bis 29-jährigen Schweizer nur noch selten News. Das sagen die Teilnehmer des 20 Minuten Youth Lab dazu.

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Seit Mitte September besuchen uns wöchentlich 25 Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren im 20 Minuten Youth Lab. Während des dreimonatigen Programms wollen wir so viel wie möglich voneinander lernen. Natürlich besprechen wir dort auch aktuelle Themen rund um die Medienwelt – so wie die Ergebnisse der aktuellen «Qualität der Medien»-Studie, die jährlich vom Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Universität Zürich herausgegeben wird. Eine Umfrage im Rahmen der Studie hat ergeben, dass 53 Prozent der 16- bis 29-Jährigen nur noch selten News konsumieren. Diese Gruppe wird als News-Deprivierte bezeichnet. Wenn sich diese überhaupt mal informieren, dann nur auf den Social-Media-Kanälen von qualitätsschwachen Schweizer Medien, heisst es im Bericht. Diese Ergebnisse haben wir in einem unserer Youth-Lab-Workshops diskutiert. Wir wollten von den Teilnehmern wissen, was sie vom Begriff News-depriviert halten und wie sie es mit dem News-Konsum halten. Hier sind ihre Antworten: ... «Uns als News-depriviert zu bezeichnen, finde ich nicht okay. Das klingt, als hätten wir eine Tropenkrankheit.» «So, wie die Ergebnisse dargestellt werden, finde ich sie nicht ganz fair. Wir Jugendlichen konsumieren ziemlich viele News, einfach nicht aus Zeitungen. Die meisten Zeitungsartikel sind einfach zu schwierig für mich. Wenn sie einfacher wären, würde ich sie vielleicht auch lesen.» «Es gibt keine Zeitung, die mir etwas aus der Wirtschaft oder Politik überzeugend erklären kann, sodass ich es auch verstehe. Und ich sehe auf Social Media oft Themen, über die Zeitungen nur sehr selten berichten, wie zum Beispiel Storys über die LGBTQ-Community.» «Oft bekomme ich oberflächliche Infos auf Social Media mit. Wenn ich dort News sehe, die mich interessieren, google ich dann nach mehr Informationen oder einem Artikeln.» «Wenn man will, dass Jugendliche sich mehr für Inhalte in Zeitungen interessieren, sollten sie vielleicht anders geschrieben sein.» «Es kommt sehr darauf an, was man als News versteht. Inhalte auf Social Media sind auch News. Ich kann sie dort einfach in Form von Videos und Bildern anschauen.» «In den Zeitungen stehen vor allem Dinge, die Erwachsene interessieren.» «Auf Social Media sehe ich oft Headlines, die mich interessieren, und dann klicke ich auf den Link.» fasst zusammen: «Jugendliche wollen ernst genommen werden. Sie erhoffen sich von Schweizer Informationsmedien, dass sie über jugendbezogene Themen konstruktiv, verständlich und wenn möglich positiv berichten».

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Kürzlich ist das neue «Qualität der Medien»-Jahrbuch des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Universität Zürich erschienen. Dieses malt eine düstere Zukunft für die Schweizer Medienwelt und Gesellschaft: Über ein Drittel der Schweizer Bevölkerung zähle heute zu den News-Deprivierten. Bei den 16- bis 29-Jährigen seien es sogar 53 Prozent, Tendenz steigend.

Mit News-Deprivierten sind Personen gemeint, die nur noch selten News konsumieren. Und wenn, dann nur auf den Social-Media-Kanälen von Schweizer Medien. Qualitätsstarke Informationsmedien (Erklärung siehe Box) wie SRF, NZZ und «Tages-Anzeiger» würden hingegen unterdurchschnittlich bis gar nicht genutzt, steht im Bericht.

Was sagen Jugendliche zu den Ergebnissen?

Da wir das Glück haben, uns derzeit jede Woche mit 25 Jugendlichen im 20 Minuten Youth Lab auszutauschen, wollten wir von den Teilnehmern hören, was sie von diesen Ergebnissen halten.

Eine der ersten Reaktionen kam von Morris (14): «So wie die Ergebnisse dargestellt werden, finde ich sie nicht ganz fair. Wir Jugendlichen konsumieren ziemlich viele News, einfach nicht aus Zeitungen.» Mai (14) ergänzt: «Uns als News-depriviert zu bezeichnen, finde ich nicht okay. Das klingt, als hätten wir eine Tropenkrankheit.»

«Die meisten Zeitungsartikel sind einfach zu schwierig für mich»

Auf die Frage, wieso Jugendliche keine Qualitätszeitungen lesen, hatten die Teilnehmer viele Antworten, die jedoch alle in eine ähnliche Richtung zielten: «Es gibt keine Zeitung, die mir etwas aus der Wirtschaft oder Politik überzeugend erklären kann, sodass ich es auch verstehe», erklärt Alessia (13). Morris (14) meint: «Die meisten Zeitungsartikel sind einfach zu schwierig für mich. Wenn sie einfacher wären, würde ich sie vielleicht auch lesen.»

Auch inhaltlich fühlen sich die meisten nicht abgeholt: «In den Zeitungen stehen vor allem Dinge, die Erwachsene interessieren», sagt Fedor (14). «Wenn man will, dass Jugendliche sich mehr für Inhalte in Zeitungen interessieren, sollten sie vielleicht anders schreiben», meint Briseis (15). Alessia (13) ergänzt: «Auf Social Media sehe ich oft Inhalte, über die Zeitungen nur sehr selten berichten, zum Beispiel Storys über die LGBTQ-Community.»

«Redaktionen haben Mühe, der jungen Zielgruppe die Relevanz bestimmter Themen aufzuzeigen»

Zusammengefasst lautete das Urteil der Youth-Lab-Teilnehmer für die Inhalte der Qualitätsmedien: schwer verständlich und thematisch für sie nicht relevant. Sandra Cortesi, Direktorin des «Youth & Media»-Projekts an der US-Elite-Universität Harvard und Unterstützerin des 20 Minuten Youth Lab, ist jedoch überzeugt, dass die Problematik nicht so oberflächlich betrachtet werden darf.

Es würde den Schweizer Informationsmedien nicht per se an Inhalten fehlen, an denen Jugendliche interessiert sein könnten. «Ich glaube, dass es den Redaktionen Schwierigkeiten bereitet, die Themen angemessen zu präsentieren und die Relevanz für die junge Zielgruppe aufzuzeigen», sagt die Schweizerin, die seit acht Jahren in Boston lebt.

«Meine News kriege ich vom Freundeskreis und von meiner Familie»

Der «Qualität der Medien»-Bericht zeigt auf, dass die sogenannten News-Deprivierten durchaus medienaffin sind und viel Zeit in den Konsum von News investieren. Dies auch dank des Erfolgs von Plattformen wie Google, Instagram, Youtube oder Whatsapp. Nur werde diese Extrazeit für gewöhnlich nicht für den News-Konsum genutzt, schreibt das FÖG. Stattdessen würden das Socializing, also der Austausch mit Bekannten und Freunden, oder die Nutzung von Unterhaltungsformaten im Vordergrund stehen.

Freunde und Familie könnten aber ein wichtiger Faktor bei der News-Versorgung sein, weiss Cortesi, genau wie die Youth-Lab-Teilnehmer. Jasmin (16) sagt: «Meine News kriege ich vom Freundeskreis und meiner Familie. Oft ist es zum Beispiel meine Grossmutter, die mich auf einen Artikel hinweist.» Bei Enya (14) hingegen ist es meist die Schwester. «Es hilft, wenn auch die Eltern sich für News interessieren», fügt Jossi (16) hinzu.

«Soziale Medien können als Türöffner zu den klassischen Medien dienen»

Die Problematik liege nicht im fehlenden Interesse, erklärt Cortesi. Junge Schweizer würden News einfach anders, breiter definieren und über verschiedene Kanäle konsumieren. Das glaubt auch Nicolas (15): «Es kommt sehr darauf an, was man als News versteht. Inhalte auf Social Media sind auch News. Ich kann sie dort einfach in Form von Videos und Bildern anschauen.»

Auch in der Nutzung von Medieninhalten, die zu Unterhaltungszwecken konsumiert werden, sieht Cortesi Chancen. Schliesslich könnten diese als Einstieg in traditionelle Inhalte und die sozialen Medien als Türöffner zu den klassischen Informationsmedien dienen.

Enya (14) stützt diese These: «Oft bekomme ich oberflächliche Infos auf Social Media mit. Wenn ich News höre, die mich interessieren, google ich dann nach mehr Informationen oder einem Artikel.» Ähnlich geht es Mia (17): «Auf Social Media sehe ich oft Headlines, die mich interessieren, und dann klicke ich auf den Link.»

«Wenn die Eltern nicht an News interessiert sind, sind es ihre Kinder auch nicht»

Und was bedeutet das jetzt für die Schweizer Medienwelt? Es fehlt den Schweizer Informationsmedien oft an jugendfreundlichen Digitalstrategien. Cortesi geht aber noch weiter: «Jugendliche wollen ernst genommen werden. Sie erhoffen sich von Schweizer Informationsmedien, dass sie über jugendbezogene Themen konstruktiv, verständlich und wenn möglich positiv berichten. Eine journalistische Herausforderung wird deshalb sein, die eher negative Haltung gegenüber Jugendlichen zu überwinden.»

Natürlich seien auch die Eltern und Schulen in der Pflicht. Sie könnten helfen, indem sie Jugendlichen Zugang zu Schweizer Informationsmedien ermöglichten und News öfter in Gesprächen thematisierten. «Wenn die Eltern nicht an News interessiert sind, sind es ihre Kinder auch nicht», ist Jossi (16) überzeugt, «wenn ich Zugang zu einer Zeitung habe, dann lese ich sie auch eher.»

Laut Sandra Cortesi sei es zudem wichtig, Jugendlichen früh medien- und digitalrelevante Kompetenzen beizubringen, wobei technische Kompetenzen nicht ausreichen würden. In ihrem «Youth & Media»-Projekt am Berkman Klein Center in Harvard hat sie mit ihrem Team 18 Bereiche und die dazugehörenden Kompetenzen untersucht und als relevant identifiziert. Diese können hier nachgelesen werden.

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