Einkaufstourismus

19. Januar 2015 18:14; Akt: 19.01.2015 21:51 Print

«Wer bei den Preisen hier einkauft, ist selbst schuld»

Benzin, Lebensmittel, Kosmetik: Viele Schweizer sind mit dem tiefen Wechselkurs nicht mehr bereit, hier einzukaufen. Andere tun es aber erst recht.

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Die durch den Wegfall des Euro-Mindestkurses verstärkte Preisdifferenz zum Ausland bringt den Schweizer Detailhandel weiter unter Druck. «Bei jenen Produkten, die wir selber in Euro beschaffen und keine Lagerbestände haben, können wir die Preise unmittelbar senken», sagt Coop-Einkaufschef Philipp Wyss zu 20 Minuten. Noch am Freitag hat Wyss alle Coop-Lieferanten angeschrieben und gefordert, die Kursvorteile konsequent weiterzugeben. Ab Montag sind bei Coop 200 Früchte und Gemüse um bis zu 20 Prozent günstiger. Rasche Preissenkungen seien dort möglich, wo Coop keine Lagerbestände habe und selbst zum tieferen Euro-Kurs einkaufen könne, heisst es beim Detailhändler. So werden Kakis bei Coop um 21 Prozent günstiger. Orangen und Peperoni werden 14 Prozent günstiger, ... ... Salat 13 Prozent. «Insbesondere bei den internationalen Markenartikelherstellern müssen Preissenkungen drinliegen», fordert Denner. Der Harddiscounter senkt Mitte nächster Woche zahlreiche Obst- und Gemüseartikel, die aus dem Ausland bezogen werden. Werden bald wieder Produkte ausgelistet? Im Sommer 2011 hatte Coop die Situation mit Zulieferern eskalieren lassen und rund hundert Markenartikel multinationaler Konzerne vorübergehend aus dem Sortiment gekippt. Betroffen vom Rauswurf waren damals beispielsweise Produkte von L'Oréal, Mars, Ferrero, Wella und Uncle Ben's. Die Migros kündigt noch keine konkreten Preissenkungen an. «Sollte sich der Eurokurs auf einem tiefen Niveau einpendeln, werden wir mit jenen Lieferanten neu verhandeln, die wir in Franken bezahlen müssen, weil wir die Ware nicht direkt im Euroraum beziehen dürfen», heisst es bei der Migros.

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Mit der Aufhebung des Mindestwechselkurses ist das Einkaufen im nahen Ausland nochmal viel günstiger geworden. Ob der Einkaufstourismus damit zunimmt? 29 Prozent von über 50'000 befragten Lesern geben an, nun öfter über die Grenze fahren zu wollen. Etwas über ein Drittel tut dies ohnehin schon regelmässig.

Der Rest (37 Prozent) hält nichts von Einkaufstourismus und hat sich teilweise auch in den Kommentarspalten negativ dazu geäussert. 20-Minuten-Leser Dave beispielsweise will jetzt erst recht in der Schweiz einkaufen: «Ich bleibe unserer Wirtschaft treu.» Auch Daniel Thöny unterstützt lieber aktiv die Schweizer Wirtschaft: «Ich finde es falsch, wenn wir hohe Löhne wollen und dann im Ausland einkaufen gehen. Wovon sollen dann die Leute im Verkauf in anderen Branchen bezahlt werden?»

«Ich tanke nun in Deutschland»

In Sachen Benzin ändert sich für diese Leser auch nichts. Sie wollen weiterhin bei ihrer angestammten Tankstelle beziehen: «Meine Tankstelle muss auch leben», sagt etwa Leserin Anneliese. Auch Leser Kari käme es nicht in den Sinn, im Ausland zu tanken, obwohl er grenznah wohnt: «Mit jedem getankten Liter fehlen bei uns Steuergelder, die wir dann alle mit höheren Steuern ausgleichen müssen. Das ist sozusagen ein Schuss ins eigene Knie.» Ein Fünftel von mehr als 4300 Umfrageteilnehmern sieht das genauso wie Kari und Anneliese.

Und dennoch haben 26 Prozent der Befragten angegeben, nun in Deutschland oder Österreich zu tanken, da sie ohnehin öfter dort einkaufen werden. Sie haben nicht das Gefühl, der Schweizer Wirtschaft damit zu schaden. Im Gegenteil: «Da sich die Wirtschaft nur um Profit und nicht um das Wohl des Volkes schert, ist es doch logisch, wenn sich die kleinen Bürger auch nicht um das Wohl der Wirtschaft scheren und ihren Profit in den Vordergrund stellen. Jeder ist sich halt der Nächste», argumentiert etwa Leser Funky.

«Ich kaufe bis zur Preisanpassung in Deutschland ein»

So sieht es auch «Käfer», der solange in Konstanz einkaufen wird, bis die Preise im Schweizer Detailhandel an den tiefen Euro angepasst sind. Wirklich davon überzeugt, dass dies passieren wird, sind jedoch nur 9 Prozent von 10'962 befragten Lesern. Ein Viertel glaubt daran und 63 Prozent denken, dass die internationalen Markenartikelhersteller die Preisdifferenz höchstens teilweise weitergeben werden.

Leser Hans findet, niemand müsse ein schlechtes Gewissen haben, wenn er im Ausland einkaufe: «Fakt ist: Die Schweizer Löhne halten mit den steigenden Kosten für Krankenkasse oder Miete nicht mit.» Er hält so gegen das Argument, dass der Schweizer genügend verdient, um auch hier einzukaufen.

Diskutieren Sie weiter zum Thema Einkaufstourismus im untenstehenden Talkback.

(hum)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sven am 19.01.2015 18:19 Report Diesen Beitrag melden

    Kauft in der CH

    Auch wenn es verlockend ist, kauft in der CH, stärkt unsere Wirtchaft und sichert die Arbeitsplätze

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  • Maeco am 19.01.2015 18:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aber dann jammern...

    Und diejenigen die im Ausland einkaufen gehen sind dann auch diese, welche am lautesten jammern, wenn sie ihren Job verlieren weil ihre Unternehmung auch von Einkaufstourismus betroffen ist....

    einklappen einklappen
  • Hansueli am 19.01.2015 18:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Endlich!

    Ich bin froh, wenn alle nach Deutschland gehen. Dann kann ich endlich mal in Ruhe einkaufen ;-)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Alex W am 22.01.2015 07:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Patriotismus

    Ich bin deutscher und lebe seit 7 Jahren in der Schweiz. Ich bin der Meinung das man das Geld da ausgeben soll wo man lebt. Ich selbst bin in sieben Jahren vlt. Nur ca. 5 mal im Ausland Einkaufen gewesen.

  • vera am 21.01.2015 22:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    geld nur fürs vergnügen??

    nur rund 6% von lohn werden in der schweiz für lebensmittel ausgegeben. tragisch wenn man für einkauf ins ausland fahren muss. am meisten wird geld fürs vergnügen ausgegeben. warum sich nicht dort etwas anpassen versuchen?

  • B/A am 21.01.2015 11:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausbildung und Arbeitsplätze

    Sollte sich doch jeder Einkaufstouri mit Kindern (aber natürlich auch alle andern) einmal überlegen, wo ihre kleinen Leutchen ihre Ausbildung machen werden, wenn sie ihr Geld dauernd über die Grenze tragen!

  • Dani am 21.01.2015 10:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einkaufstourismus

    Wenn jeder nur vor die eigene Nase denkt....!! Wir wollen doch auch unseren Kindern ein Arbeitsplatz in der Schweiz sichern. Also auch weiterhin in der Schweiz einkaufen.

  • Denker am 21.01.2015 10:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nachdenken

    An alle welche im Ausland einkaufen: gebt ihr eure Kinder auch ins Ausland um eine Lehre zu absolvieren oder ist dann die Schweizer Wirtschaft wieder recht? Wie sollen die KMU's überleben, Stellen und Lehrstellen anbieten wenn ihr in Deutschland einkauft?

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