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08. März 2012 14:52; Akt: 09.03.2012 14:28 Print

Dubioser Spendenaufruf stürmt YouTube

von Viktoria Weber - Die Organisation Invisible Children will den ugandischen Kriegsverbrecher Joseph Kony dingfest machen. Ihre Doku wurde schon 50 Millionen Mal angeschaut. Nun wird Kritik laut.

Eine Dokumentation voller Emotionen erobert die Internet-Welt. (Quelle: YouTube/invisiblechildreninc)
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Mit ihrem Video «Kony 2012» will die amerikanische Organisation Invisible Children Inc. den Kriegsverbrecher Joseph Rao Kony bekannt machen. Gegen Kony wurde ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs erlassen, er gilt als einer der brutalsten Verbrecher weltweit. Dem Anführer der ugandischen Rebellenarmee LRA (The Lord's Resistance Army) werden zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen - unter anderem soll er laut unbestätigter Quelle zwischen 30 000 und 60 000 Kinder verschleppt haben, so Zeit Online.

Die Tatsache, dass Kony gesucht wird, ist nicht neu. Die Art und Weise, wie die Suche nun verschärft werden soll, allerdings schon. Der amerikanische Filmemacher Jason Russell produzierte für die Organisation Invisible Children Inc. eine bewegende halbstündige Dokumentation und veröffentlichte diese auf YouTube. Erzählt wird die herzzerreissende Geschichte des kleinen Jacob, dessen Bruder von Konys Rebellen getötet wurde. Mit Tränen in den Augen berichtet der Junge, wie er zusehen musste, wie seinem Bruder mit einer Machete die Kehle durchgeschnitten wurde. Er erzählt, dass er immer Angst habe, dass die Rebellen ihn und seine Freunde auch töteten.

Der Zuschauer fühlt mit

Zu Beginn der Dokumentation kündigt Russell an, dass dies ein «Experiment» sei. Gemeint ist, dass er sehen will, wie gut Informationen in der heutigen vernetzten Welt transportiert werden können. Und dafür wünscht er sich die vollständige Aufmerksamkeit des Zuschauers. Als Hauptstilmittel, das diese Aufmerksamkeit gewährleisten soll, dienen Russel Emotionen. Egal, ob der Filmproduzent zu Beginn die Geburt seines eigenen Sohnes zeigt oder später den kleinen Jacob in Uganda seine Geschichte erzählen lässt: Der Zuschauer fühlt mit.

Die Strategie geht auf: Wie ein Lauffeuer verbreitet sich das Video in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook. Waren es am Mittwochabend noch 7 Millionen Klicks auf YouTube, so ist die Zahl am Donnerstagmittag schon auf 26 Millionen gestiegen. Häufig wird das Video fast kommentarlos im eigenen Facebook-Profil gepostet. Höchstens ein paar Worte wie «Teilt dieses Video unbedingt in eurem Profil!» werden hinzugefügt. Und auch bei 20 Minuten Online geht das Video von zahlreichen Leser-Reportern ein. Beim gestrigen Ausfall von Facebook vermutete ein Leser, dass die Aktion «Kony 2012» die Ursache dafür sein könnte.

Nur ein Drittel der Spenden kommt in Uganda an

Wurde das Video in den vergangenen Tagen vor allem verbreitet, wird nun vermehrt Kritik laut. Facebook-User hinterfragen das Video und die Organisation, die dahinter steht, und verbreiten kritische Fragen. Problematisch sei nicht das Thema an sich - dass Kony gestoppt werden muss, sei unumstritten - es gehe um die Art und Weise. Invisible Children Inc. ruft zu Spenden auf. Lediglich ein Drittel käme aber tatsächlich in Uganda an. Der Rest fliesse in Organisations- und Lobbyarbeit.

Vor allem wegen fehlender Transparenz, was die Finanzierung betrifft, bekommt die Organisation lediglich drei von vier möglichen Sternen in der Bewertung des Charity Navigators. In einem Artikel des amerikanischen Magazins Foreign Affairs wird zudem kritisiert, dass Invisible Children Inc. Zahlen und Fakten übertrieben darstellen würde, um seine Ziele zu verfolgen.

Die Welle wird dadurch nicht gebremst. Im Gegenteil: Das Video verbreitet sich immer weiter. Ob eine solche Kampagne tatsächlich bewirken kann, dass ein Kriegsverbrecher gefasst wird, bleibt fraglich. Doch eines ist sicher: Russells «Experiment» ist gelungen. Wusste ausserhalb von Uganda bis vor einigen Tagen kaum einer, wer Joseph Kony überhaupt ist, hat sich das binnen einer Woche schlagartig geändert.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Die Verbreitungsgeschwindigkeit in so einer kurzen Zeit ist trotzdem faszinierend. Ich persönlich finde, dass es an der Zeit ist nicht immer wegzuschauen. Und wenn man helfen kann nur durch protestieren auf der Straße muss ich sagen finde ich es keine schlechte Aktion. Außerdem wurde niemand zum Spenden gezwungen. Und es hat auch niemand gesagt, dass das Geld direkt auf Uganda geht. – Luc Grünig

Es wurde nicht 3 Mio mal angeklickt und vor allem nicht in einem Zeitraum von 2 Jahren, so wie die "findest du mich hübsch"-Videos. Es waren bisher 32.6 Mio in 2 Tagen und es werden laufend mehr! Wenn das nicht beeindruckend ist, dann weiss ich auch nicht! Und wenn Sie das Video gesehen hätten, dann wüssten sie auch, was ich mit dem genialen Marketing meine. Es hat alle Zutaten um jeden Menschen zu berühren! Es hat ein süsses Kind, einen armen afrikanischen Jungen, einen Bösewicht (der von niemandem unterstützt wird), eine tragische Geschichte, ein Ziel hinter dem alle stehen können... – Tommy

Ich finde die Aktion sehr interessant. Zudem sagt Russel nie, dass auch nur ein einziger Rappen der Spenden nach Uganda geht. Viel mehr erklärt er logisch, dass er damit sein vorhaben, Kony bekannt zu machen, finanziert. Und dazu braucht das Geld nicht nach Uganda zu fliessen, sondern in Aktionen in der ganzen Welt. Dass dabei immer noch genug bleibt um die arme Bevölkerung zu unterstützen ist doch nur ein Pluspunkt? Es ist traurig, dass Medien und Organisationen, welche die Macht hätten um etwas zu ändern, lieber davor warnen anstatt selbst etwas zu tun! – Manuu

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • angela am 08.03.2012 16:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    grauenhaft

    wahnsinn! dieser mann ist eine bestie! ein anderes wort dafür gibts nicht!

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  • Tommy am 08.03.2012 15:28 Report Diesen Beitrag melden

    Coole Aktion

    Das eigentliche Ziel, Kony zu fassen, ist für mich nicht mal die Hauptsache an der Aktion. Der Grund weshalb ich so fasziniert bin, ist viel mehr die blitzschnelle Verbreitung, die Solidarisierung der gesamten Internetwelt und das geniale Marketing dahinter. Was die Vorwürfe angeht: InvisibleChildren hat alles bereits auf Ihrer Homepage erklärt.

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  • derUnbekannte am 09.03.2012 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    Krankheit behandeln

    Ein weiterer Warlord, der mit unsauberen Mitteln (was ist schon sauber?) versucht, seine Machtansprüche durchzusetzen. Das ist nichts neues und im Ausmass nicht einmal das tragischste. Man muss solche Sachen immer in Relation sehen - beispielsweise forderte der Darfur-Konflikt weitaus mehr Opfer und Leid. Weniger Emotion und mehr Rationalität hilft oft mehr, gezielt gegen solche Menschen vorzugehen. Kony zu schnappen wird die Situation nicht ändern. Es müssen die tieferliegenden Probleme angegangen werden - die Problematik mit den Kindern ist nur ein Symptom.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Nila Götz aus NY am 11.03.2012 23:50 Report Diesen Beitrag melden

    Der Junge weiss was Böse ist.

    An Dan Wi. 2. Antwort. Der Junge im Video kann unterscheiden zwischen Böse und Gut wenn man ihm das erklärt wie sonst würde er es je lernen wenn nicht so. Sein Papa bringt ihm bei wie zu unterscheiden und je früher er das lernt, desto früher kann er was vielleicht bewirken!

  • Befürworterin am 09.03.2012 14:44 Report Diesen Beitrag melden

    David gegen Goliath

    In der heutigen Zeit beginnt vieles mit David gegen Goliath...die Welt kann verändert werden. GEMEINSAM. Aus diesem Grund befürworte ich solche Kampagnen.....es rüttelt die Menschen auf......und lässt sie handeln. Tolle Sache.

  • Luc Grünig am 09.03.2012 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist Zeit nicht immer wegzuschauen!

    Die Verbreitungsgeschwindigkeit in so einer kurzen Zeit ist trotzdem faszinierend. Ich persönlich finde, dass es an der Zeit ist nicht immer wegzuschauen. Und wenn man helfen kann nur durch protestieren auf der Straße muss ich sagen finde ich es keine schlechte Aktion. Außerdem wurde niemand zum Spenden gezwungen. Und es hat auch niemand gesagt, dass das Geld direkt auf Uganda geht.

  • derUnbekannte am 09.03.2012 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    Krankheit behandeln

    Ein weiterer Warlord, der mit unsauberen Mitteln (was ist schon sauber?) versucht, seine Machtansprüche durchzusetzen. Das ist nichts neues und im Ausmass nicht einmal das tragischste. Man muss solche Sachen immer in Relation sehen - beispielsweise forderte der Darfur-Konflikt weitaus mehr Opfer und Leid. Weniger Emotion und mehr Rationalität hilft oft mehr, gezielt gegen solche Menschen vorzugehen. Kony zu schnappen wird die Situation nicht ändern. Es müssen die tieferliegenden Probleme angegangen werden - die Problematik mit den Kindern ist nur ein Symptom.

    • Simone am 09.03.2012 15:31 Report Diesen Beitrag melden

      Stetiger Tropfen hölt den Stein

      Ja aber wer nicht klein anfäng, erreicht nichts Grosses....Ich finde es super und man sollte wirklich mal hinsehen, uns geht es allen sehr gut villeich manchmal zu gut...

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  • Ayshah am 09.03.2012 10:36 Report Diesen Beitrag melden

    Vergebens

    Die Kampagne ist zwar eine gute Idee, aber was nützt eine Kampagne, in der Millionen von Menschen vereint werden und "unterstützen", wenn in Uganda tagtäglich Kinder, Mädchen missbraucht, Menschen umgebracht werden? Die seelische Unterstützung ist vorhanden, ja. Traurig ist, dass keiner was dagegen machen kann, die UNO rührt sich nicht vom Fleck, die USA haben auch nicht den grössten Mut. Millionen, wenn nicht Milliarden von Menschen können einfach nichts machen. Wenn sich die UNO und andere Regierer sich vereinen würden, käme man zu einer Lösung, doch virtuelle Kampagnen bringen nichts.

    • thebee am 09.03.2012 12:25 Report Diesen Beitrag melden

      Veränderung

      Und wenn es nur darum geht, dass diese Taten bekannt werden hat es sich schon gelohnt :-) Mehr Menschen werden darauf achten und vielleicht auch im Kleinen mal was verändern.

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