Zwischen den Stühlen

10. März 2019 08:53; Akt: 10.03.2019 11:04 Print

Hier «die Kosovarin», dort «die Schweizerin»

Jehona ist in der Schweiz geboren. Für Aufforderungen wie «der Krieg ist vorbei, geht zurück in euer Land!» hat die 22-Jährige mit kosovarischen Wurzeln kein Verständnis.

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Jehona ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Die Eltern der 22-Jährigen kamen als Studenten aus dem Kosovo in die Schweiz und liessen sich kurz vor dem Kosovo-Krieg Ende der 90er-Jahre im Alpenland nieder. An die Zeit während des Krieges hat Jehona keine Erinnerungen. «Ich war damals noch sehr klein und weiss nur noch, dass ich einmal meinen Vater beim Nachrichten-Schauen weinen sah», sagt sie.

«Wo gehöre ich hin?»

Obwohl Jehona in der Schweiz aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, wurde sie ständig mit Fragen bezüglich ihrer Herkunft konfrontiert. Die Frage «Wo gehöre ich hin?» habe sie ständig begleitet. So habe sie zu Hause Albanisch gesprochen, albanisches Fernsehen geschaut oder albanische Gedichte gelernt. In der Schule wurde sie dann auch von aussen mit ihrer Herkunft konfrontiert: «Die Mehrheit meiner Freunde sind Schweizer», sagt Jehona, dennoch sei sie immer als «die Albanerin» wahrgenommen worden, trotz ihres perfekten Schweizerdeutsch. «Ich kann mich daran erinnern, wie Leute mich in einer Runde vorstellten und dann ‹sie ist Albanerin› anfügten – als würde das eine grosse Rolle spielen.»

Oft seien die Leute dann ein wenig irritiert, wenn sie erfahren, woher sie ursprünglich komme, so Jehona. Dann heisse es: «Oh, aber du redest ja gar nicht wie eine Albanerin!» Auch bei der Stellensuche hat Jehona das Gefühl, trotz ähnlicher Qualifikationen deutlich mehr Mühe als ihre Freundinnen gehabt zu haben. «Es ging viel länger, bis ich einen Job fand. Und mir ist auch aufgefallen, dass in vielen Absagen ‹Sehr geehrter Herr ...› stand – die haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, meine Bewerbung zu lesen.» Dabei kenne sie viele Albanerinnen und Albaner, die sehr gut ausgebildet und qualifiziert seien. «Sie reden gut Deutsch, haben einen guten Job und sind – Achtung! – nicht kriminell.»

«Im Kosovo bin ich ‹die Schweizerin›»

Während sie hier als «die Albanerin» gilt, wird Jehona im Kosovo als «die Schweizerin» wahrgenommen. «Ich galt als besonders ordentlich und pünktlich.» So sei sie eigentlich stets heimatlos gewesen. Mit der Frage, wo sie denn hingehöre, hat Jehona Mühe: «Ich finde es schade, dass man nicht einfach sagen kann ‹ich gehöre in beide Länder›, sondern stets erwartet wird, dass man sich entscheiden muss. Viele Menschen mit Migrationsgeschichte kennen dieses Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen. Obwohl sie hier aufgewachsen sind, macht man ihnen immer wieder deutlich, dass sie nicht hierher gehören. Das verletzt mich.»

Besonders schlimm sind für sie die Kommentare in den sozialen Medien oder in den Kommentarspalten der Zeitungen. «Bei Artikeln über den Kosovo heisst es in den Kommentaren oft, ‹der Krieg ist vorbei, ihr könnt doch jetzt nach Hause gehen!› – doch niemand scheint miteinzubeziehen, dass die Leute, von denen sie sprechen, oft seit Jahrzehnten hier arbeiten und hier ihre ganzen Freunde haben», sagt Jehona. Und sie fügt hinzu: «Ich finde es fast witzig, dass mir niemand solche Sachen ins Gesicht sagt – denn ich wäre eigentlich sehr offen für Diskussionen. Doch anscheinend ist es online einfacher, abschätzige Kommentare zu machen.»

«Meine Mutter arbeitete für 50 Rappen die Stunde»

Die 22-Jährige ist enttäuscht darüber, dass es so vielen Schweizern anscheinend schwerfalle, sich in die Situation von Einwanderern hineinzuversetzen: «Die Leute haben ja nicht grundlos ihre Heimat verlassen. Sie hatten dort eine Familie, eine Sprache und Kultur, die ihnen vertraut war und ihnen fehlte», erklärt Jehona. Viele hätten über 20 Jahre damit verbracht, Deutsch zu lernen, und sich in der Schweiz eine neue Existenz aufzubauen. «Meine Mutter arbeitete bei ihrer Ankunft in der Schweiz in einem Laden für 50 Rappen die Stunde – nur damit sie Deutsch lernen konnte.»

«Ich gehöre in beide Länder»

«Ich liebe sowohl die Schweiz als auch den Kosovo; ich gehöre in beide Länder», sagt Jehona. «Ich liebe die kosovarische Kultur und verbinde das Land mit einer Geborgenheit, die ich von meinem Elternhaus kenne.» An der Schweiz liebe sie das Gefühl von Sicherheit, Unabhängigkeit und Freiheit: «Ich schätze es sehr, dass ich hier zur Schule gehen und mich entfalten durfte. Im Kosovo sind die Leute arbeitslos, selbst wenn sie studiert haben.»

Und auch wenn ihr oft das Gefühl gegeben werde, nicht wirklich dazuzugehören, habe sie in der Schweiz ein wunderbares Umfeld. «Meine ganzen Freunde sind hier in der Schweiz. In der Schule wurde ich sehr gut aufgenommen. Und auch im Berufsleben habe ich ein super Team und tolle Leute um mich herum», sagt Jehona. Und sie fügt hinzu: «Gerade deshalb bin ich so erstaunt, wenn ich in den Zeitungen und auf Social Media die vielen negativen Kommentare über Albaner und Einwanderer lese.»

(mua)

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