Illetrismus

22. März 2011 15:44; Akt: 24.03.2011 08:48 Print

Jeder Zehnte liest und schreibt schlecht

von F. Voegeli - Sie haben einen Schulabschluss, einen Job und ein gut gehütetes Geheimnis: Zehn Prozent der Bevölkerung sind Illetristen. Doch darüber wird nicht gesprochen.

Ausschnitt aus dem Film «Boggsen» von Regisseur Jürg Neuenschwander.
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Auch denen, die sattelfest mit Buchstaben umgehen, kommt das Wort vielleicht schleierhaft vor. Illetristen sind keine Analphabeten. Sie können lesen und schreiben. Einfach nicht so, wie es die Gesellschaft verlangt.

In der Schule haben sie sich irgendwie durchgemogelt. Mit Spicks, Absenzen in den Deutschstunden und überdurchschnittlicher Leistung in anderen Fächern. Auch nach der Schule lernt man Umgehungsstrategien: «Schreib du doch die Karte, du hast so eine schöne Schrift.» Oder: «Ich habe meine Brille gerade nicht dabei, worum gehts in dem Text?»

800 000 Betroffene in der Schweiz

«Zudem haben die meisten Illetristen eine Bezugsperson, die ihnen einen Teil der Bürde abnimmt», weiss Mariangela Pretto vom Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben. Zum Beispiel die Ehefrau, die den Papierkram übernimmt, oder den Sohn, der Schreibarbeiten gegen Haushaltspflichten abtauscht.

Als Erwachsener dazu zu stehen, dass man sich vor Buchstaben fürchtet, das braucht Mut. 2009 kam heraus, dass der damalige Mister Schweiz schlecht lesen und schreiben kann. Möglich, dass André Reithebuch damit andere zu ihren «Outings» ermutigte. Der Filmemacher Jürg Neuschwander hat ihn und neun weitere Illetristen im 39-minütigen Film «Boggsen» zu Wort kommen lassen. Das Phänomen, das rund 800 000 Leute in der Schweiz betrifft, bekommt damit ein Gesicht. Und es ist nicht das Gesicht von verwahrlosten, dummen Hinterwäldlern. Bei fast zehn Prozent Betroffenen findet man sie überall: Sie sind Pöstler, Grafiker, Bibliothekarinnen, Ernährungsberaterinnen, Mistertitel-Träger.

«Der kleine Einstein wurde für dumm verkauft»

Die Erfahrungen, von denen die Protagonisten im Film erzählen, lösen Betroffenheit aus. Erniedrigungen und Blossstellungen gehören zu den Erinnerungen aus der Schulzeit. Einer wurde vom Lehrer sogar dazu genötigt, seine Fehler, die er mit Kreide an die Tafel geschrieben hatte, wieder abzulecken. Dass diese Didaktik das Problem nur noch verschlimmert, leuchtet ein.

Schnell wird klar, dass es sich nicht einfach um eine Schwäche handelt, sondern um einen Teufelskreis. Wer als Kind keine Unterstützung oder Ermunterung erhält, glaubt der Kritik seines Umfeldes. Und diese lautet: «Du bist dumm!»

Dumm daran ist nur, dass die Betroffenen das oftmals glauben, weil das Selbstverständnis in der Kindheit geprägt wird. Die Motivation, zu lesen und zu schreiben, sinkt mit jedem Fehler mehr. Und mit mangelnder Übung schwindet auch die Chance auf Verbesserung.

Das Resultat des IQ-Tests eines Protagonisten, der sich jahrelang für einen «Löli» gehalten hat, lag bei über 120 Punkten. «Da wurde ein kleiner Einstein für dumm verkauft», bringt Eva Baltensperger vom Verein Volksschulen ohne Selektion das Problem in der Diskussionsrunde nach der Filmpremiere in Bern auf den Nenner.

Aus dem Käfig ausbrechen

Die Protagonisten haben sich dazu entschlossen, ihr Handicap anzugehen und einen Kurs zur Verbesserung ihrer Lese- und Schreibfähigkeiten zu besuchen. Das kommt für viele einer Befreiung gleich, einem Ausbruch aus der Abhängigkeit. Man freut sich zum Beispiel darauf, im Verein nun auch schriftlich zu kommunizieren - und orientiert sich an den gelernten Ratschlägen: «Ich weiss, dass ich kurze Sätze machen muss.»

Ganz fehlerfrei zu schreiben wäre natürlich schön, es ist aber kaum das Ziel. Und sind wir einmal ehrlich: Wie würden denn unsere Texte ohne Word-Hilfe aussehen?

Ursula Bänninger ist Kursleiterin an der EB Zürich. In Zürich und Winterthur nehmen jährlich rund 40 Leute an einem Lese- und Schreibkurs für Erwachsene teil. «Die Gruppen sind zum Teil sehr heterogen, die Kenntnisse der Teilnehmer unterschiedlich, und die Zielsetzung wird individuell festgelegt», so Bänninger. Vielen ist die Rechtschreibung ein grosses Anliegen.

Auch sie erfährt, wie traumatisierend die Schulzeit für viele Illetristen war. Es könne sehr behindernd wirken, dass in der Gesellschaft, vor allem im Berufsleben, ein so hohes Mass an Schriftlichkeit vorausgesetzt werde. Andere Schwächen würden nicht so hoch gewichtet: «Wenn jemand nicht gut rennen kann, dann stört das niemanden.»

Ärzte, Polizisten und Sozialarbeiter sind gefordert

Nebst der grossen Scham, in der die Betroffenen leben, gibt es noch weitere Hindernisse auf dem Lernweg. Es liegt in der Natur des Problems, dass die Illetristen schwieriger zu erreichen sind als die gut lesende Bevölkerung. Aus diesem Grund ist es auch wichtig, verschiedene Stellen für die Problematik zu sensibilisieren. Zum Beispiel im Gesundheitswesen, bei der Polizei oder auf den Sozialämtern. Dann erkennt man vielleicht, dass die Patientin gar nicht zum dritten Mal ihre Brille zuhause vergessen hat, sondern schlicht nicht versteht, was auf dem Papier steht. Und dann liegt es auch in der Verantwortung der Kontaktpersonen, Illetristen für einen Lese- und Schreibkurs zu motivieren.

Wie sattelfest sind Sie im Lesen und Schreiben? Nehmen Sie an der grossen Umfrage teil.

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