Mundart-Perlen

19. Mai 2014 05:42; Akt: 19.05.2014 11:15 Print

Wie übersetzt man eigentlich «chröömle»?

von L. Hüttenmoser - In knapp 400 Kommentaren diskutierten unsere Leser über Dialekt-Ausdrücke, für die ihnen das hochdeutsche Gegenstück fehlt. Dialektologe Christian Schmid schafft Abhilfe.

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Schmid: bäägge steht für hochdeutsch . Wohl vom Bää-Ruf von Tieren (z. B. Schafen) abgeleitet. Sei es mit Wasser, mit Dreck oder bei unsauberer Arbeit. chröömle ist eine Verkleinerung von chraame, chroome, kaufen. Kramen meint heute im Hochdeutschen etwas ganz anderes, nämlich «in einer Ansammlung von Dingen herumwühlen», z. B. etwas hervorkramen. gaagele ist eine Verkleinerung von gaage. Gagen gab es regional auch im alten Hochdeutschen in dieser Bedeutung, nur ist es heute ausgestorben. Schmid: gäbig ist ein gäbiges Wort, weil es auf Hochdeutsch für so viel stehen kann, nämlich: gut brauchbar, handlich, bequem, günstig, angenehm, sympathisch, umgänglich. Gäbig ist eine Ableitung von Gabe; das Wort gebig gab es auch im alten Hochdeutschen, ist aber heute nicht mehr gebräuchlich. ... der auch eine schmutzige Gesinnung haben kann. Grüsel ist abgeleitet von gruuse (grausen). Gschläik ist abgeleitet vom Verb schläike (schleppen). Gschpuusi ist entlehnt aus rätoromanisch spusa (Braut). Das Wort wird im übertragenen Sinn gebraucht, es meint ja ursprünglich «dick, ohne dass man es sieht, also heimlich feist». z. B. «das bi dänn imfall ich» Nuuscheli ist abgeleitet von nuusche (wühlen, herumwühlen). Scherm ist ein altes deutsches Wort für Schutz, das man heute im Hochdeutschen nicht mehr braucht. Weit verbreitet in der Schweiz; es gibt dafür aber auch viele andere Wörter wie heikel, lüem, meischterlos usw. schnöigge ist eine Verbalableitung vom Wort Schnöigge (Schnauze). spienzle ist eine Verkleinerungsform von spienze. Das Wort kommt in den Formen spönzeln, spönseln, spenzeln in deutschen und österreichischen Dialekten vor. Natürlich kann ich auch einem mageren Menschen Spiise sagen, aber das ist eine übertragene Bedeutung. töibele ist eine Verkleinerungsform von taube (zürnen) und das ist abgeleitet von taub (zornig, verstimmt). Taube gab es im alten Hochdeutschen auch, nur ist es heute ausgestorben. In der Mundart gibt es noch ertöibe, vertöibe. Verchrugelet ist abgeleitet vom Verb chrugele (rollen) und das gehört zu Chrugle (Kugel). verhebe ist abgeleitet vom Verb hebe (halten).

Zum Thema
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Die Schweizer Mundart, welch bunte, eigenartige und vielfältige Palette an Wörtern und Redewendungen: In Hunderten von Kommentaren diskutierten die 20-Minuten-Leserinnen und -Leser über schweizerdeutsche Ausdrücke, die ihnen auf Hochdeutsch partout nicht einfallen wollen. So fragt sich beispielsweise Leserin Jocelyne, was das Pendant für «gschpässig» ist: «Das wird mit den deutschen Worten ‹speziell› oder ‹eigenartig› nur annähernd übersetzt.» Nina kommt jeweils ins Rudern, wenn sie auf Hochdeutsch sagen will, dass «öppis verhebet» (zum Beispiel ein Konzept): «Ich habe noch keine passende Übersetzung gefunden. Es funktioniert? Es erfüllt die Anforderungen?», schreibt sie.

Im Gegensatz zu Ninas Frage blieb die von Leserin Monika nicht unbeantwortet. «Wie viel ist eigentlich ein ‹Gutsch›?», warf sie in die muntere Diskussionsrunde. Für «Pizzajola» ist ein «Gutsch» etwa zwei bis fünf Deziliter Flüssigkeit, was «Glugärä» jedoch anders sieht: «Für mich ist ein ‹Gutsch› eher eine Menge unter einem Deziliter. Also gerade so viel wie aus der Flasche kommt, wenn man sie einmal kurz kippt und dann wieder aufrichtet.» Auch an Martin gaben die Leser gern ihr Wissen weiter. Er fragte: «Wie sagt man zu ‹Spitzguugä›, also dem Treten eines Balls mit der Spitze des Fusses?» «Das nennt man Pike», schrieb «Deathclock» und trumpfte mit Zusatzwissen auf: «Eine Pike war ein Kampfspiess, also ein Lanze. Sie kennen den Begriff bestimmt aus dem französischen Kartenblatt.»

Ist «Spiise» gleich «Splitter»?

Viele Mundart-Perlen blieben jedoch ohne zufriedenstellende Übersetzung im Raum stehen, wie «toibälä», «spienzle», «schnäderfrässig» oder «gaagele». Wir haben deshalb jemanden gefragt, der es wissen muss. Christian Schmid beschäftigte sich in der Sendereihe «Schnabelweid» auf Radio SRF 1 über 20 Jahre lang mit Mundartthemen und kennt die Herkunft und den Gebrauch von Dialektausdrücken wie seine Westentasche. In der Bildstrecke erklärt Schmid, wie man die eingereichten Begriffe der 20-Minuten-Leser auf Hochdeutsch sagen würde. «Ein Unikat, in dem Sinn, dass es dafür keine hochdeutsche Übersetzung gibt, ist keines dieser Wörter», sagt er. «Man muss beim Übersetzen jedoch immer sagen, dass ein Wort aus der einen Sprache mit dem entsprechenden in einer anderen meist nicht identisch ist.»

So kann man «Spiise» durchaus mit «Splitter» übersetzen, aber assoziieren wir nicht etwas viel Dramatischeres mit einem Splitter? Steckt in «schnoigge» nicht mehr als in «herumschnüffeln» oder «stöbern»? Und dann sind da noch die Ausdrücke, die man auf Hochdeutsch kaum in einem Wort sagen kann. «Chröömle» übersetzt Schmid mit «eine Kleinigkeit kaufen» und «schnäderfrässig» mit «wählerisch beim Essen». «Die Mundartwörter sind oft bildhafter», so der Dialektologe, «aber wenn wir ein Allerweltswort wie ‹gäbig› brauchen, brauchen wir es ja in einem Sinn und nicht mit allen seinen Bedeutungen gleichzeitig.» In den Kommentaren zeigen sich auch die verschiedenen Assoziationen mit einem Wort, je nach Kantonsherkunft und Dialekt. «Eigentlich ist es ein Wunder, dass wir einander so gut verstehen. Jede Region kennt ihre eigenen Wörter, die je nach Situation sehr unterschiedliche, zum Teil sogar gegenteilige Bedeutungen haben», schreibt Leserin Ella. «Meines Erachtens nach eine tolle Sache!»

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Es Gschläik hat man, wenn die Beziehung (noch) nicht klar definiert ist. Da ist nicht klar, ob man nun zusammen ist, oder nicht. Und wenn man dann nach einem Gschläik zusammen ist, ist man ein Gschpusi. – s Gschpusi

Zeukle = isch für mich ned provoziere sondern jemanden extra etwas zeigen 'ääätsch ich ha das und du ned! Ich darf und du ned. – Gue lo

Ich war lange der Meinung das Wort "imfall" gibt es auch auf Hochdeutsch, bis ich feststellen musste, dass die Deutschen das gar nicht verstehen. Ich weiss bis heute nicht, wie man es richtig übersetzen könnte. – Ella

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • E.Y. am 19.05.2014 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    Schwiizerdütsch

    Tja wer braucht schon ein abhörsicheres Telefon, wenn man Schwiizerdütsch sprechen kann.

  • Moritz am 14.05.2014 08:44 Report Diesen Beitrag melden

    Gigampfe

    spielen auf der Wippschauckel

  • Su Si am 14.05.2014 09:54 Report Diesen Beitrag melden

    Schampaar

    sehr, enorm. das isch es schampaar speziells Wort! :)

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • E.Y. am 19.05.2014 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    Schwiizerdütsch

    Tja wer braucht schon ein abhörsicheres Telefon, wenn man Schwiizerdütsch sprechen kann.

  • Peter Lustig am 19.05.2014 11:34 Report Diesen Beitrag melden

    Lustig

    Als wir in die CH gezogen sind, haben wir uns anfangs mit grossem Fragezeichen gefragt was die Schweizer permanent bei der Post machen. XD 'go poste' = Einkaufen. PS: Im Aargau

  • Orion am 19.05.2014 11:02 Report Diesen Beitrag melden

    Fäng?

    Wie übersetzt man das typisch schweizerische Wort: fäng??

  • Deathclock am 19.05.2014 10:54 Report Diesen Beitrag melden

    Spiise

    Im süddeutschen und österreichischen Raum nennen sie einen kleinen Holzsplitter unter der Haut auch Spreissel.

  • Betti Loser am 19.05.2014 10:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie übersetzt mer das?

    Ume schnoigge,

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