Keynote

08. April 2010 19:16; Akt: 12.04.2010 12:32 Print

Steve Jobs gibt Ausblick aufs iPhone OS 4.0

von Henning Steier - Multitasking, Ordner für Apps, iBooks auf iPods und Apple-Handys, ein besserer Mail-Client und die Werbeplattform iAd als Attacke auf Google - doch Details zum nächsten Apple-Handy lieferte der CEO nicht.

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Wie üblich begann Apple-Boss Steve Jobs seine Präsentation mit einigen Zahlen: Vier Milliarden Applikationen wurden seit dem Start des App Stores im Sommer 2008 heruntergeladen. Mittlerweile sind 185 000 Tools verfügbar, 50 Millionen iPhones, 35 Millionen iPod touchs und 450 000 iPads hat Apple insgesamt abgesetzt. Die Zuschauer waren aber an den Firmensitz im kalifornischen Cupertino gekommen, um mehr über das iPhone OS 4.0 zu erfahren. Und Steve Jobs liess sie nicht allzu lange warten. Ab heute steht eine Testversion für Entwickler bereit, im Sommer soll die neue Version des Betriebssystems für iPhone, iPod touch und iPad zum Download angeboten werden. Das am meisten herbeigesehnte Feature, Multitasking, kündigte Jobs gleich zu Beginn an. User werden in Zukunft mehrere Programme von Drittanbietern gleichzeitig ausführen können. Wenig überraschend: Apple will es so implementiert haben, dass weder die Akkulaufzeit über das normale Mass hinaus verkürzt noch die Arbeitsgeschwindigkeit allzu sehr reduziert wird. Tim Westergren von Pandora zeigte anschliessend kurz, wie sich der Musikstreaming-Service nutzen lässt, während man beispielsweise telefoniert. Um eine andere App auszuführen, ohne die aktuelle zu beenden, drückt man den Home-Button zweimal, um eine Liste der gestarteten Applikationen anzuzeigen.

Auch im Hintergrund lauffähig sind nun VoiP-Apps wie Skype und Navigations-Tools wie jene von TomTom und Navigon. So kann man nun beim Spielen einen Anruf über den VoIP-Dienst entgegennehmen. Im iPhone OS 4.0 gibt es zwei Arten von Navigation: In der stromsparenden Variante ermittelt das Gerät seine Position über Handy-Sendemasten. Auf die energiehungrigere GPS-Navigation macht ein Symbol in der Menüleiste aufmerksam. Die Funktion «Fast app switching» lässt eine Applikation ihren Status speichern. So kann man sie auf diesem Stand wieder starten. Laut Scott Forstall, Senior Vice President iPhone Software, greift die Push-Notification auf eine weitere API zurück. Apples Server seien nun nicht mehr zwangsweise nötig, um Anwender per Push mit neuen Informationen zu versorgen. Diese neue Funktion nannte Forstall «Local Notifications», Apples Server liessen sich jedoch weiterhin nutzen. Wie Multitasking auf dem iPhone aussieht, zeigt der obige Clip von gizmodo.com.

Freiheit für den Startbildschirm

Anschliessend betrat Steve Jobs wieder die Bühne und zeigte, dass man in Zukunft Ordner für Apps anlegen kann. Ausserdem wird die vorinstallierte Applikation Mail aufgewertet. In der neuen Version lassen sich beispielsweise Nachrichten verschiedener Konten in einer Mailbox anzeigen. Die vom iPad bekannten iBooks lassen sich im Sommer auch auf den kleinen Bildschirmen von iPhone und iPod touch nutzen. Für Geschäftskunden hatte der Apple-CEO folgende Neuigkeiten: Apps können übers Netzwerk verteilt werden, iPhone OS 4.0 unterstützt mehrere Exchange-Konten, Exchange Server 2010 und Daten sollen sich besser vor Unbefugten schützen lassen. Die neue Data Protection-Funktion nutzt ein Userkennwort zur Verschlüsselung von E-Mails und Attachments, die auf dem iPhone gespeichert sind. Unter iPhone OS 4.0 können optional komplexere Passwörter vergeben werden. Mehr Details zu diesen Ankündigungen verriet Steve Jobs nicht, der nahtlos zum neuen Game Center überging: 50 000 Spiele- und Entertainment-Apps seien mittlerweile verfügbar. Das Game Center biete ein soziales Spielenetzwerk, über das sich Gamer verabreden und Bestenlisten erstellen könnten, sagte Jobs. Das Game Center soll im Laufe des Jahres verfügbar sein.

Flash-freies Werbeangebot

Schon länger gab es Gerüchte über ein eigenes mobiles Werbeangebot von Apple, die sich nun bewahrheiteten. Steve Jobs präsentierte mit iAd eine Möglichkeit, wie Reklame in Apps integriert werden soll. Vorteil gegenüber Einblendungen beim Surfen soll sein, dass man die Seite beziehungsweise App nicht mehr verlassen muss, wenn man auf eine Anzeige klickt. Im Durchschnitt beschäftige sich der User täglich eine halbe Stunde lang mit seinen iPhone-Apps, sagte Steve Jobs. Blende man alle drei Minuten eine Werbung ein, wären das zehn Anzeigen pro Tag und Gerät. Insgesamt biete Apple so rund eine Milliarde Ad Impressions innert 24 Stunden. Um iAd in ihre Apps zu integrierten bietet Apple Entwicklern APIs, die Werbung muss in HTML5 programmiert werden. Adobe Flash wird auch weiterhin nicht unterstützt. 60 Prozent der Werbeerlöse sollen an die Macher der Apps gehen. Von den Verkaufserlösen ihrer Anwendungen erhalten sie bekanntlich 70 Prozent. In Adobe Flash CS5 werden Entwickler dank der Funktion Packager for iPhone Projekte statt in SWF-Dateien direkt in iPhone-Applikationen kompilieren können. Wie Jobs bekannt gab, hat Apple dies mit einer Änderung der Nutzungsbedinungen verboten. Apps für iPhone, iPod und iPad dürfen nun nur noch mit vom Apfel-Konzern autorisierten Entwicklungsumgebungen erstellt werden. Damit geht der Kampf zwischen Apple und Adobe in eine neue Runde.

Wie Steve Jobs weiter sagte, werden sich iPad-Besitzer bis zum Herbst gedulden müssen, bis iPhone OS 4.0 für sie zur Verfügung steht. Um Multitasking nutzen zu können benötige man mindestens ein iPhone 3G S oder einen iPod touch der dritten Generation. Letztere sind seit September erhältlich. Das aktuelle iPhone ist seit Sommer 2009 auf dem Markt. Vorab war auch spekuliert worden, dass das bekannte «One more thing» heute ein kurzer Ausblick auf das nächste iPhone sein könnte, welches für den Sommer erwartet wird. Allerdings verlor Steve Jobs weder in seiner Keynote noch in der anschliessenden Fragerunde dazu ein Wort. In dieser versicherte Jobs den Anwesenden, es bleibe beim geplanten Marktstart des Tablet-PCs iPad Ende April ausserhalb der Vereinigten Staaten. Auf die Frage, warum das iPad keine Widgets biete, sagte Jobs unter Anspielung auf die Schöpfungsgeschichte: «Wir haben es am Samstag ausgeliefert und uns am Sonntag ausgeruht.» Auf die Nachfrage, ob Widgets möglich seien, antwortete er lapidar: «Alles ist möglich.» Apple steht immer wieder wegen seines restriktiven Aufnahmeprozesses des App Stores in der Kritik. Sich öffnen will der Hersteller aber nicht. «Es gibt bekanntlich einen Porno-App Store für Android», sagte Steve Jobs, «ich denke nicht, dass wir diesen Weg gehen sollten.»

Fazit

Apple wird mit dem Release des iPhone OS 4.0 viele Forderungen seiner Nutzer erfüllen. So hatten viele echtes Multitasking bereits in der ersten Version des Betriebssystems vermisst. Denn viele Geräte der Konkurrenz beherrschen es schon lange. Auch die besseren Verwaltungsmöglichkeiten von Apps sind sinnvoll, wenngleich nicht bahnbrechend. Das gilt auch für die neuen Funktionen, welche für Firmenkunden gedacht sind: mehr Sicherheit und bessere Exchange-Unterstützung. Wünschenswert wären zumindest Widgets für den Homescreen, Unterstützung von Adobe Flash sowie eine Druckfunktion. Das Betriebssystem aussen vor gelassen, werden wir weiterhin einen besseren Browser vermissen, denn Safari ist Mitbewerbern wie Opera oder gar dem Firefox, welcher bislang aber nur wenigen Geräten wie dem Nokia N900 läuft unterlegen - beispielsweise was Add-ons, Geschwindigkeit und Anpassungsmöglichkeiten angeht. Allerdings lässt Apple bekanntlich nach wie vor keinen anderen Browser als den Safari auf seinen Geräten zu.

Interessant dürften die kommenden Monate für den mobilen Werbemarkt werden. Eher beiläufig sagte Steve Jobs auf eine Journalistenfrage zum Thema iAd am Ende der Veranstaltung: «Aus Apple wird keine weltweit agierende Werbeagentur. Wir wollten AdMob kaufen, Google war schneller. Dafür haben wir Quattro Wireless gekauft und lernen nun viel von den neuen Kollegen.» Die Übernahme war im Januar publik gemacht worden. Ein Kaufpreis wurde nicht genannt. Laut All Things Digital, einem gut informierten Technologie-Blog, soll er bei 275 Millionen US-Dollar (zirka 295 Millionen Franken) gelegen haben. Im November hatte Google angekündigt, das Werbenetzwerk AdMob für 750 Millionen Dollar (rund 805 Millionen Franken) übernehmen zu wollen. Die Zustimmung der Kartellbehörden steht allerdings noch aus. Die Konkurrenten bringen sich also unter hohem finanziellen Einsatz gegeneinander in Stellung. Google ist beim Geschäft mit Textanzeigen im Internet die klare Nummer 1 auf dem weltweiten Werbemarkt und möchte diese Position naturgemäss auch auf mobilen Geräten erobern. Apple hat nun aber sein ganz eigenes Geschäftsmodell entwickelt. Schwer zu sagen, ob es am Ende einen Sieger geben wird oder beide Modelle nebeneinander existieren. Von der Konkurrenz wie Nokia, Samsung oder Microsoft ist bislang nichts zu sehen. Entscheidend für den Erfolg dürfte die Akzeptanz des Nutzers sein. Denn dieser nimmt Google-Anzeigen in der Regel als kaum störend wahr. Wie er auf in Apps eingeblendete, deutlich prominenter platzierte Werbung reagieren wird, ist schwer vorauszusehen. Bekanntlich galt die Werbung privater TV-Sender auch mal als Untergang des Abendlandes, weil sie Filme mehrmals unterbrach und heute scheinen sich die meisten Zuschauer an sie gewöhnt zu haben. Ein Ansatz, mit offensiver Werbung versehende Apps attraktiv zu machen, wäre, teure Applikationen gratis oder stark vergünstigt anzubieten.