Ungebetene Gäste

27. April 2012 13:05; Akt: 27.04.2012 15:43 Print

Zehntausende wollen an Geburtstagsfest

Wieder einmal verdirbt Facebook einem Jubilar das Fest. Diesmal wurde die Geburtstagsparty eines 13-Jährigen publik: 48 000 wollen kommen. Für den Fall einer Absage will der Mob «alles zerschlagen».

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Die 800 Millionen Nutzer stossen bei Facebook immer wieder auf problematische Bilder, Videos und Texte. Das US-Magazin «Gawker» hat die internen Richtlinien publik gemacht, nach denen die beanstandeten Beiträge beurteilt und gelöscht werden. Facebook hat das Bearbeiten der «Reklamationen» ausgelagert. Sogenannte «Inhalte-Moderatoren», die von einer Drittfirma angestellt sind, prüfen die Flut der täglichen Meldungen. Dazu steht ihnen ein Handbuch mit detaillierten Anweisungen zur Verfügung. Nur in ganz bestimmen Fällen schalten die externen «Moderatoren» einen Facebook-Mitarbeiter ein. Etwa dann, wenn es um Holocaust-Leugner geht. Facebook schreitet auch bei ernst zu nehmenden Drohungen gegen Privatpersonen, Politiker oder Polizisten ein. Die bei Facebook nicht geduldeten Abbildungen und Äusserungen sind in mehrere Kategorien aufgeteilt, von «Sex und Nackheit» über «Selbst-Gefährdung» bis «Mobbing und Belästigung». Alle Anweisungen für die Inhalte-Moderatoren wurden als vertraulich eingestuft. Gewalttätige Sprache («Ich liebe das Geräusch gespaltener Schädel») wird nicht toleriert. Hingegen sind Körperflüssigkeiten (ausser Sperma) ok, solange niemand damit blossgestellt wird. Nackte Haut und anstössige Positionen sind laut Handbuch nicht erlaubt. Das gilt auch für Bilder mit stillenden Müttern, deren Brust entblösst ist. Ein absolutes «No Go» sind weibliche Brustwarzen. Hier schreiten die Facebook-Zensoren unweigerlich ein. Im Gegensatz zu männlichen Nippeln, die laut interner Anweisung auf Nutzer-Bildern toleriert werden. Sexuelle Fetische sind in jeder Form unerwünscht - und werden gesperrt. Immerhin ist Vorspiel erlaubt, solange es nur Küssen und Grapschen in Kleidern ist (nicht wie auf dem Bild!). Darstellungen mit Minderjährigen in Unterwäsche sind tabu, auch wenn die Nutzer-«Postings» Cartoon-Figuren zeigen. Tiefe Fleischwunden dürfen laut Regelung gezeigt werden. Auch Schädelbrüche («ohne Innereien») werden toleriert, oder wenn viel Blut fliesst. Nicht gestattet sind Vibratoren oder anderes Spielzeug, das in Zusammenhang mit sexuellen Aktivitäten gezeigt wird. Leute, die das Badezimmer benutzen, dürfen nicht gezeigt werden. Jagdszenen sind ok, auch wenn getötete Tiere gezeigt werden. Wilderei ist tabu, bei bedrohten Tierarten will Facebook informiert werden. Marijuana und Haschisch werden toleriert in Postings. Eingeschritten wird nur bei Verdacht auf Handel oder Verkauf. Bei harten Drogen wird immer dann eingegriffen, wenn kein wissenschaftlicher oder medizinischer Kontext besteht. Im Zweifelsfall sollen die externen «Inhalte-Moderatoren» den Fall zur weiteren Prüfung an einen Facebook-Mitarbeiter weiterleiten. Es gibt auch bei verbotenen Inhalten Ausnahmen, die toleriert werden. Die «Beweislast» liegt beim Nutzer. Es muss also beispielsweise aus dem Beschrieb zu einem Hakenkreuz-Bild hervorgehen, dass es nicht um nationasozialistische Propaganda geht.

Wann sperrt Facebook eigentlich Beiträge? Sex, Gewalt und Drogen: Die Überwacher halten sich an ganz konkrete Vorgaben.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Weltweit vernetzen sich Millionen durch Facebook, doch manchmal haben die Nutzer mehr Freunde, als ihnen lieb ist: Wieder einmal hat sich ein Teenager mit einer Party-Ankündigung einen Bärendienst erwiesen. Benjamin aus Clermont-Ferrand nahe Lyon wollte eigentlich im kleinen Kreis seinen 14. Geburtstag feiern und lud seine 29 Gäste am 22. April per Telefon ein. Ein Freund richtet eine Facebook-Seite ein, um den Vorgang zu beschleunigen.

48 000 Zusagen

Diese meldet ein «geheimes Ereignis» am 11. Mai an, zu dem jeder Teilnehmer 60 weitere Personen einladen konnte. So wuchs die Gruppe in nur einem Tag auf 16 500 Mitglieder an, am 24. April waren es schon 33 000 Zusagen. Ausserdem wurde eine weitere Facebook-Gruppe namens «Benjamins Fest» ins Leben gerufen, die schnell 15 000 Unterstützer hatte.

Der Vater des Geburtstagskindes ist entsetzt. «Der Name meines Sohnes wird genutzt, um ein Event zu veranstalten», zitiert ihn «Spiegel Online». Er hat Anzeige erstattet und will die Feier abblasen, doch das Partyvolk drohte bereits, «alles zu zerschlagen», wenn das Fest abgesagt würde.

Ausschreitungen in Hamburg

Wie sehr eine Facebook-Party aus dem Ruder laufen kann, zeigt das Beispiel der Schülerin Thessa (20 Minuten Online berichtete). Die Hamburgerin hatte im Juni 2011 aus Versehen die Öffentlichkeit zu ihrem 16. Geburtstag eingeladen.

Hier hatte es 15 000 Zusagen für die «Party des Jahres» gegeben: Obwohl der Fehler rückgängig gemacht worden war, fanden noch 1500 Jugendliche den Weg zu Thessas Elternhaus. Trotz des Einsatzes eines Sicherheitsdienstes und 100 Polizisten vor Ort kam es zu Ausschreitungen und Festnahmen.

(phi)