Suizid Früherkennung

21. Dezember 2011 19:23; Akt: 23.12.2011 11:14 Print

«Man muss nicht um den heissen Brei reden»

von Franziska Voegeli - In den USA ist der Selbstmord-Knopf auf Facebook Tatsache. Das Warnsystem könnte auch in der Schweiz hilfreich sein. Denn beim Thema Suizid ist etwas zu tun immer besser als nichts zu tun.

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Im Facebook-Hilfebereich gelangt man auf eine Liste mit Notrufnummern in verschiedenen Ländern und Infos zum Thema Suizid.

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Seit kurzer Zeit können Facebook-Nutzer in manchen Ländern auf beunruhigende Beiträge mit einem Selbstmord-Alarm reagieren. Einmal geklickt verschickt das Netzwerk ein Mail mit Infos zu lokalen Beratungsstellen, wo die Betroffenen professionelle Hilfe bekommen. Zur Zeit gibt es keine Zusammenarbeit mit einer Schweizer Organisation.

Die Psychologin Beatrice Kobel vom IFB Bern weiss, dass es bei Jugendlichen Subkulturen gibt, die eine Faszination für die Themen Tod und Vergänglichkeit empfinden: «Doch auch wenn nicht jede beunruhigende Facebook-Mitteilung zur Tat führt, könnte das Netzwerk dabei helfen, Warnsignale zu entdecken.»

Drohungen müssen ernst genommen werden

Vor einem Jahr, am Weihnachtsabend, nahm sich die Engländerin Simone Black das Leben. «Habe alle meine Pillen genommen. Werde bald tot sein. Tschüss alle», postete sie um kurz vor 23 Uhr auf Facebook. Doch keiner ihrer 1082 Friends nahm die Drohungen ernst, auf den Beitrag wurde mit zynischen Sprüchen geantwortet.

«Bei solch deutlichen Worten sollten Facebook-Freunde unbedingt eingreifen», rät Kobel vom IFB Bern. «Eventuell kann ein Leben gerettet werden und sich selber bewahrt man vor massiven Schuldgefühlen, sollte einmal etwas passieren, ohne dass man reagiert hat.» Im Fall von Black dürfte der Schock gekommen sein, als die Mutter der 42-Jährigen folgenden Facebook-Post schrieb: «Meine Tochter Simone ist heute gestorben, hört jetzt bitte auf damit.»

Das Problem direkt ansprechen

Nicht nur eindeutige Worte wie Simones letzter Status-Update, sondern auch subtilere Anzeichen können Hinweise auf Suizidgedanken sein. «Hellhörig sollte man werden, wenn Veränderungen feststellbar sind. Wenn sich jemand zum Beispiel plötzlich abkapselt oder die Leistungen stetig sinken», so Kobel. Auch wenn es schwer ist: Es ist immer besser zu reagieren als es zu ignorieren. Angst, etwas falsch zu machen, ist gemäss der Psychologin fehl am Platz: «Man kann den Suizid nicht auslösen oder verstärken.» Das Gespräch sollte mit direkten Worten geführt werden: «Ich sorge mich um dich. Wie geht es dir? Denkst du an Selbstmord? Man braucht nicht um den heissen Brei zu reden.»

Auch Bilder geben Hinweise darauf, wie sich eine Person fühlt. «Es kann sein, dass die suizidgefährdete Person Fotos hochlädt, die mit dem Tod zusammenhängen», so Kobel. Bleibt noch zu unterscheiden, welche Äusserungen ernst zu nehmen und welche eher dem Lebensstil einer Subkultur, dem Winterblues oder einem einfachen «Anschiss» zuzuschreiben sind. Welche weisen tatsächlich auf einen Selbstmord hin? Kurzfristige depressive Verstimmungen sind insbesondere bei Jugendlichen normal; hält der hoffnungslose Tenor jedoch über mehrere Wochen an, ist das beunruhigend.

Auch plötzliche Verbesserung kann negative Veränderung sein

Eine plötzliche Verbesserung kann trügerisch sein. «Wenn die Entscheidung zum Selbstmord getroffen ist, sind die Betroffenen erleichtert», weiss Kobel. «Sie sind dann auf ihre Entscheidung, dem Leben ein Ende zu setzen, fixiert und sind froh zu wissen, dass ihr Leiden ein Ende haben wird.» Das Umfeld meint, es gehe ihnen besser. Die bedrohlichen Anzeichen kommen also eher einige Zeit vor der Tat als unmittelbar davor.

Wer sehr viele Facebook-Freunde hat, erhält möglicherweise auch Einblicke in das Gefühlsleben von Leuten, die man im richtigen Leben nur flüchtig kennt. «In solchen Fällen kann es hilfreich sein, sich an ihnen näherstehende Personen zu wenden oder die Betroffenen ganz einfach dazu aufzufordern, mit der Familie oder Freunden zu reden.» Auch hier gilt: Man sollte besser etwas tun, statt darauf zu warten, dass andere es übernehmen.

Facebook als Anfang, nicht als Ende

Die Plattform Facebook als Alarmsystem zu nutzen hält Kobel für eine sinnvolle Idee: «Gerade Jugendliche sind viel am Computer, so erreicht man sie auch auf diesem Weg. Die Frage ist nur, wie es weitergeht.» Professionelle Hilfe nach der ersten Online-Hilfe ist unumgänglich. «Ich könnte mir vorstellen, dass es auch einfacher ist, sich erst mal digital mitzuteilen, als unter vier Augen zu erzählen, dass man das Leben als Qual empfindet.» Ein Warnsystem wie in den USA (siehe Infobox) wäre für die Psychologin auch in der Schweiz denkbar. Ihr ist es aber wichtig, dass es keine Verschiebung gibt. «Man darf nicht vergessen, jemandem auch direkt zu helfen», betont Kobel.