Sieben Wochen Enthaltsamkeit

07. März 2011 13:17; Akt: 07.03.2011 13:49 Print

Fastenzeit für Facebook

Nach Schokolade, Alkohol und Zigaretten soll es in der Fastenzeit nun auch dem beliebten Internet-Netzwerk Facebook an den Kragen gehen. Dafür machen die ersten Gruppen im Web mobil.

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Facebook-CEO Mark Zuckerberg wird der Gruppe wohl kaum beitreten.

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Sie wollen sich am Aschermittwoch aus dem sozialen Netz ausklinken und erst sieben Wochen später wieder Nachrichten verschicken, virtuelle Pinnwände vollschreiben oder nach Freunden suchen. Einige hundert Nutzer haben sich dem offenen Boykott schon angeschlossen. Der Aufruf in der Gruppe «Facebook fasten» ist kurz und prägnant: «Wir verschwenden so viel Zeit bei Facebook und diversen anderen Social Networks, die wir so viel besser investieren könnten: in unsere Beziehung mit Gott!» schreibt Initiator Marcel. In den 40 Tagen solle man lieber Gott näherkommen als durch Facebook zu klicken.

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Den wichtigen Dingen zuwenden

Auch Lisa will es versuchen. Sie wisse ganz genau, dass sie mit Facebook ihre Zeit verschwende, textet sie in einem Gruppenforum. Doch sie komme nicht davon los. Zur Fastenzeit will sie einen neuen Anlauf starten und dem Netzwerk die kalte Schulter zeigen. Und die Gruppe «Facebook-Fasten» titelt: «Lasst uns in der Zeit auf Facebook verzichten und uns wieder den wichtigen Dingen im Leben widmen!»

Ob religiöse Beweggründe, Selbsterfahrung oder Trotz: In den Foren machen sich die Facebook-Revoluzzer gegenseitig Mut. Einige erklären die Abstinenz zu einer Herausforderung. Die Evangelische Kirche in Deutschland stellt sich hinter die Aktion. «Der Fastengedanke bezieht sich auf alle Lebensbereiche», sagt Pfarrer Jan von Campenhausen von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Der Verzicht werde im Christentum nicht nach objektiven Kategorien gewichtet. Mit dem Fasten solle man nicht Gott gefallen, sondern für sich selbst mehr Freiheit gewinnen. Jeder müsse für sich entscheiden, welches Laster er aufgegeben wolle. Für manche sei die Abwesenheit von Facebook eben der grösste Einschnitt, sagt der Theologe.

Aktuell hat das Netzwerk in Deutschland etwa 15 Millionen Mitglieder. Nach Angaben des Marktforschers Nielsen führt Facebook damit die Rangliste der sozialen Netzwerke in Deutschland an. Im März 2010 klickten rund zwölf Millionen Personen auf Facebook. Im Schnitt blieb in dem Monat jeder Nutzer dreieinhalb Stunden auf der Plattform hängen.

Briefe schreiben und Stress abbauen

Ärzte sehen in der geplanten Auszeit einen Gewinn für die Gesundheit. Die Vorsitzende der Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung, Eva Lischka, sagt: «Es tut gut, wenn man sich von etwas befreit, was man nicht unbedingt braucht.» Die Nutzer seien ruhiger und gelassener, wenn sie nicht permanent gucken müssten, was gerade los sei. «Die Stimmung wird besser», fügt sie hinzu.

In der gewonnenen Zeit könnten sie ein Buch lesen, Briefe schreiben oder Spaziergänge machen. Der Durchhaltewillen sei in Gruppen grösser als bei Einzelkämpfern, sagt Lischka. Der proklamierte Facebook-Entzug könnte somit erfolgreich ausgehen.

Zurück im Netz kommentiert Nutzer Nour Attieh das Treiben mit einem Seitenhieb. Es sei wirklich ungewöhnlich, in einer Facebook-Gruppe zum Boykott von Facebook aufzurufen, schreibt er. «Wenn ich dieser Gruppe beitreten will, muss ich mich erstmal auf Facebook einloggen!»

(ap)