Thür vs. Google

23. Februar 2011 16:30; Akt: 23.02.2011 20:34 Print

«Druck des Datenschützers ist wichtig»

von Daniel Schurter - Was halten Schweizer Politiker von Street View und wie beurteilen sie den Datenschutz im Web? Eine Umfrage von 20 Minuten Online zeigt ein klares Bild.

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Google versichert, es würden schon heute 99 Prozent der mit Street View abgebildeten Gesichter «verwischt». (Screenshot: 20 Minuten Online)

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Am Donnerstag kommt es zum Showdown in Bern: Der eidgenössische Datenschützer, Hanspeter Thür, kreuzt mit den Google-Anwälten die Klingen. 20 Minuten Online hat am Tag vor der Gerichtsverhandlung Schweizer Politiker befragt, wie sie zum «Street View»-Dienst stehen. Das Verdikt fällt ziemlich deutlich aus. Von links bis rechts stärken die Mitglieder des Nationalrates dem Datenschützer den Rücken. Die Privatsphäre sei ein wertvolles persönliches Gut, das auch im Internet mit allen Mitteln geschützt werden müsse.

Bei der Frage, ob Street View in der Schweiz verboten werden solle, wenn es Google nicht gelinge, sämtliche Gesichter und Autonummernschilder unkenntlich zu machen, gehen die Meinungen auseinander. Aus dem freisinnigen Lager nimmt ein junger Nationalrat klar für Google Partei. Andere Parlamentarier wollten auf Anfrage keine persönliche Stellungnahme abnehmen. So sagt etwa CVP-Nationalrat Pius Segmüller (59): «Ich bin mit den datenschützerischen Belangen nicht so vertraut, bitte fragen Sie andere.»

Ursula Wyss, SP (38)

«Street View ist ein Super-Angebot. Ich bin aber auch sehr froh, dass sich der Schweizerische Datenschützer der Sache angenommen hat. Es kann nicht sein, dass die Leute befürchten müssen, dass sie auf der Strasse fotografiert und ungefragt ins Internet gestellt werden. Ich bin überzeugt, dass es Google gelingt, alle Gesichter und Autonummern unkenntlich zu machen. Der Druck des Datenschützers ist darum wichtig.»

Christian Wasserfallen, FDP (30)

«Ich finde den Dienst hervorragend, da man sich zum Beispiel vor einer Reise via Google-Street-View ein Bild 'vor Ort' machen kann. Das Beste ist aber die mobile App, wo man sich unterwegs sehr einfach orientieren kann – genial. Ein Verbot von Google-Street-View wäre eine schädliche Abkoppelung der Schweiz von der digitalen Zukunft. Das Gegenteil müsste zutreffen: Die innovativen und top ausgebildeten Schweizer Unternehmen könnten Google bei der Verbesserung des Dienstes helfen und so viele neuen Anwendungen ermöglichen. Die Anonymisierung (der sensiblen Daten) gelingt zu 99 Prozent und das ist schon sehr gut.»

Jean-Pierre Graber, SVP (65)

«Street View und andere Internet-Dienste sind eine grosse Bedrohung für die Privatsphäre. Und die Bedrohungen werden in den nächsten Jahren zunehmen, davon bin ich überzeugt. Wenn der Schutz der Privatsphäre nicht garantiert ist, stellt das eine Gefahr für die Demokratie und Freiheit dar. Sollte es Google nicht gelingen, sensible Daten zu schützen, muss Street View verboten werden. Ich habe mich auch mit einem parlamentarischen Vorstoss gegen Angriffe auf die Privatsphäre eingesetzt.»

Arthur Loepfe, CVP (69)

«Ich habe Street View noch nicht ausprobliert, kenne den Dienst nur vom Zeitunglesen. Wikileaks hat gezeigt, dass man heute nicht mehr alles vertraulich behalten kann. Trotzdem gilt es die Privatsphäre zu schützen. Dass Personen ohne es zu wissen auf Bildern im Internet zu erkennen sind, darf nicht toleriert werden.»

Bastien Girod, Grüne (31)

«Zum Glück haben wir einen hartnäckigen Datenschützer. Ich hoffe, dass er sich vor Gericht durchsetzt. Wir müssen die Privatsphäre der Leute schützen – für alle unfreiwilligen Aufnahmen braucht es eine Regelung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Google nicht gelingt, die sensiblen Daten unkenntlich zu machen. Es ist eine Frage des Aufwands. Ein Verbot kommt für mich aber nicht in Frage, das Problem sollte anders gelöst werden, mit der Androhung von Sanktionen - zum Beispiel hohen Geldbussen.»

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bob am 24.02.2011 16:39 Report Diesen Beitrag melden

    Der Datenschutz verkommt immer mehr...

    zum Täterschutz.

  • Thorsten am 24.02.2011 13:06 Report Diesen Beitrag melden

    Was für ein Käse....

    Warum schreien alle nach Datenschutz, laden aber private Fotos vom letzten Urlaub bei Facebook hoch, erzählen in Statusnachrichten vom Suff des vergangenen Abends und schreiben in Twitter dass sie jetzt duschen gehen? Nicht Facebook, Twitter, Google und Co. sollten primär dafür verantwortlich gemacht werden, jeder sollte sich an die eigene Nase packen. Und wenn das Google Auto kommt --> Wegschauen statt glotzen!

  • JL aus Gemeinde Uzwil am 24.02.2011 01:01 Report Diesen Beitrag melden

    Wer nicht "verwischt" wurde, bekommt Geld

    Google ist schon eine gute Sache und eine tolle Unterstützung anderer Bilddaten. Trotzdem sollte der Datenschutz von Google selbst unterstrichen werden. So könnte z.B. jeder Person eine festgelegte Summe bezahlt werden, die nicht verwischt worden sind. Wäre doch im eigenen Interesse von Google, oder ?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Fortschritt am 27.02.2011 05:50 Report Diesen Beitrag melden

    lieber Googledienste als Thürverbote

    Mit Handys wird soviel gefilmt. Sogar noch in der Nähe von Badeanstalten und in Umkleideräumen. Das nimmt sogar immer mehr zu. Überall wird gefilmt. Was auf der Strasse geschieht ist öffentlich. Googledinstleistungen sind mir wichtiger als die Ängste von Ewiggestrigen, die den Fortschritt aufhalten wollen und nicht können. Es hat überall Kameras: kleine und noch kleinere. Wer ein Verbrechen begeht ist drauf.

  • Tobi am 25.02.2011 11:34 Report Diesen Beitrag melden

    Wo ist das Problem?

    Wenn ich doch in Zürich die Quai-Brücke überquere, frage ich ja auch nicht jeden, der da vorbei geht, ob er sich in seiner Privatsphäre gestört fühle, wenn er in meinem Blickfeld auftaucht? Wo ist der Unterschied, ob ich jemanden auf der Strasse sehe, oder auf Street View? Solange man nicht geziehlt nach Frau Meier, die auf einem Street View nun leider erkennbar Abgebildet ist, suchen kann, ist das ganze Theater doch nur Wichtigtuerei des Datenschützers. ( @ Toni: Das Problem in eine politische Ecke zu drücken finde ich etwas gar einfach. siehe dazu insbesondere U. Wyss / J.-P. Graber)

  • Toni am 24.02.2011 16:53 Report Diesen Beitrag melden

    typisches altes LINKES Denken

    Heute besitzt doch praktisch jeder ein Handy mit Kamera und kann Fotos machen, wo immer er will. Solche Fotos tauchen dann irgendwo im Internet auf; ohne dass jemand Einspruch erhebt (nein, meist noch freiwillig im Facebook !!!). Aber so ein Geschrei bei Street View, weil es vielleicht sein kann, dass man 1.auf ein Street View Foto kommt und 2.dieses nicht verpixelt ist. Also bitte: diese Chance ist wohl sehr klein. Dafür bietet Street View Möglichkeit zu schauen, wie es an einem Ort aussieht, wohin man hin muss. Habe ich in Zürich ausprobiert, als ich zu einem Termin musste; einfach super.

  • Bob am 24.02.2011 16:39 Report Diesen Beitrag melden

    Der Datenschutz verkommt immer mehr...

    zum Täterschutz.

  • Harry am 24.02.2011 16:34 Report Diesen Beitrag melden

    Touristen?

    Ich hoffe dass den zig-Tausenden Touristen in Bern schon vor der Stadtgrenze die Photo- und Filmkameras abgenommen werden. Ich möchte nicht wissen wie oft ich schon in der Innenstadt abgelichtet wurde und diese Werke nun auf Flickr, Picasa oder Youtube zu finden sind. Herr Datanschutzbeauftragter, tun sie endlich etwas dagegen. So kann es nicht mehr weiter gehen...