Kate Edwards

23. Februar 2019 19:17; Akt: 23.02.2019 19:17 Print

«Ich bin das gute Gewissen der Game-Industrie»

von J. Graber - Kate Edwards sorgt dafür, dass Gamedesigner nicht laufend in interkulturelle Fettnäpfchen treten. Sie musste auch schon nach Riad reisen, um sich zu entschuldigen.

Kate Edwards erzählt eine Anekdote aus ihrer Zeit bei Microsoft. (Video: JAG)
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Sie könnte endlos erzählen. Zum Beispiel, wie sie ein Game stoppte, das schon mehrere Monate in Arbeit war. Oder wie sie nach Saudiarabien reiste, um sich im Namen von Microsoft zu entschuldigen. Oder generell davon, in welche Fettnäpfchen Game-Entwickler möglicherweise treten, wenn sie ihr Werk in einem anderen Land verkaufen wollen. Kate Edwards berät Entwickler, wenn es um kulturelle Tretminen geht – sie sei weltweit eine der wenigen, die sich diesem Thema widmen.

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Fühlten Sie sich auch schon mal von falschen kulturellen oder historischen Darstellungen in Games provoziert?

Kate Edwards ist ein Urgestein der Game-Branche. Seit 26 Jahren arbeitet sie in der Industrie und hat wohl schon die meisten Fauxpas gesehen, die Designern in interkulturellen Fragen unterlaufen können. Die studierte Geografin aus Seattle überprüft Games auf Herz und Nieren und macht sich auf die Suche nach problematischen Stellen, die sauer aufstossen können – Gesten, die in einem Land als Beleidigung gelten, Symbole, Darstellungen oder Texte, die als respektlos wahrgenommen werden, oder geografische Ungeschicklichkeiten, wenn es um Landesgrenzen, Gebietsansprüche und Geschichte geht.

Heilige Kühe und das Gesetz

Als Beispiel nennt sie das Strategiespiel «Age of Empires». Darin gebe es eine mittelalterliche Szene, in der Korea von Japan eingenommen wird. Da Korea diese Version nicht akzeptiert, kehrten die Entwickler die Ereignisse für die koreanische Ausgabe um: Hier fielen die Koreaner in Japan ein. «Wir veränderten im Spiel die Geschichte», sagt Edwards. Spieler hätten bestimmte Erwartungen, die abhängig von ihrer Wahrnehmung, Erziehung und Kultur seien. Stimmt das Game nicht mit diesen überein, kann dies Spielern sauer aufstossen. Bisweilen verletzt es auch das Gesetz.

So fast geschehen bei Bethesda im Spiel «Fallout 4». Im Spiel kommt ein doppelköpfiger Brahman-Bulle vor. Die Brahman-Kuh ist im Hinduismus aber ein heiliges Wesen, die Darstellung des Bullen hätte gegen das lokale Gesetz verstossen. Statt das Tier zu ändern, entschloss sich Bethesda, das Spiel in Indien nicht zu verkaufen.

«Meine persönliche Meinung: Das Level hätte man nicht bringen dürfen»

Zur Entschuldigung nach Riad

Eine solche Entscheidung verhindert jedoch nicht, dass ein Game in die falschen Hände gerät. Edwards erzählt, wie sie im ultrabrutalen Xbox-Prügelspiel «Kakuto Chojin: Back Alley Brutal» auf eine Audiospur stiess, die nach Arabisch klang. Sie fand heraus, dass es sich um eine Rezitation des Korans handelte und wies Microsoft auf das Problem hin. Da bereits 70'000 Exemplare des Spiels produziert worden waren, entschied sich Microsoft, es nur in den USA zu veröffentlichen – wo ein Exemplar prompt den Weg in die saudiarabische Botschaft fand und für einen Sturm der Entrüstung sorgte. In der Folge musste Edwards nach Riad fliegen, um sich in Namen des Konzerns zu entschuldigen. «Dies war mit ein Grund, wieso Microsoft eine von mir vorgeschlagene Review-Prozedur ins Leben rief», sagt sie.

Kulturelle Fettnäpfchen in Games

Je näher sich ein Spiel an die Realität anlehne, desto heikler sei es, weiss Edwards. Auch Entwickler von Fantasiespielen sind nicht vor einem Lapsus sicher. Im Sci-Fi-Shooter «Halo 2» sollte als Feind ein Prophet der Wahrheit namens Dervish auftreten. Die Bezeichnung «Prophet der Wahrheit» wird aber auch dem muslimischen Propheten Mohammed zugeschrieben und Derwische sind religiöse Figuren des Sufi-Islam. Weil das Spiel nach 9/11 erschien und der Master Chief die Feinde bis aufs Blut bekämpft, hätte der Fantasy-Krieg auch als Rache der Amerikaner an den Muslimen interpretiert werden können. Nachdem Kate Edwards auf das Problem hingewiesen hatte, änderten die Entwickler den Namen der Game-Figur in Arbiter.

Grosse Kundschaft

Die Bedingung für ihren Job sei einerseits ein breites Wissen. Sie reise viel, habe eine sehr grosse Neugier für fremde Kulturen und ein tiefes Bedürfnis nach Harmonie. Es geht aber auch ums Geschäft: «Nur wenn wir zeigen, dass wir den zusätzlichen Aufwand leisten und uns um die Anliegen der Gamer kümmern, werden wir ernst genommen.»

Kate Edwards gehört zu den gefragtesten Experten in diesem Bereich und die Firmen hören auf sie. Zu ihren Kunden gehört beispielsweise Bioware. Fürs kommende Sci-Fi-Game «Anthem» habe sie tonnenweise Material gesichtet. «Ich bin das Gewissen», sagt sie schmunzelnd.

Nicht immer sei sie aber mit den Entscheidungen einverstanden. So war sie in die Diskussion zu «Call of Duty: Modern Warfare» involviert, als es um die brutale Eröffnungsszene auf dem russischen Flughafen ging, in der Spieler Zivilisten abschiessen müssen. «Meine persönliche Meinung? Das Level hätte man nicht bringen dürfen», sagt Edwards. Trotzdem wurde es veröffentlicht – und löste prompt einen Aufschrei aus.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jorge Bonmot am 23.02.2019 20:23 Report Diesen Beitrag melden

    Entschuldigung nach Riad?

    Wem in Riad hat Edwards denn Ihre Entschuldigung überbracht? Vielleicht bei jemandem aus der hoch sensiblen Herscher-Clique? Die gleichen Leute, die Ihre Häscher aussenden um mit Hilfe einer Knochensäge aus einem unbeliebten Journalisten ein 3D Puzzle anzufertigen? Ernsthaft!?

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  • Gousch am 23.02.2019 19:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Übertreiben

    In dem Fall vielen Dank für die grossartige Arbeit! Aber man kann es auch übertreiben, jeder kann zwischen Realität und Virtualität unterscheiden, und wenn einem etwas in einem Spiel nicht passt, na dann spielt es nicht ganz einfach.

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  • Futureguru am 23.02.2019 19:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Menschheit

    Wiso muss die Menschheit nur zu jedem erdenklichen Anlass irgend etwas suchen um anderen das Leben schwer zu machen? Können wir ( alle ca 7,6 milliarden ) nicht entlich mal anfangen UNS alle als Menschheit und den Planeten Erde zu RETTEN? wenn es so weiter geht, wird die Erde nämlich die Menschheit überleben und nicht umgekehrt wie viele glauben.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dani der Gamer am 25.02.2019 13:52 Report Diesen Beitrag melden

    Herkules hatte es Einfach

    Mich regt in letzter Zeit mehr auf das man auf alles und jeden Rücksicht nehmen muss/will. Mann möchte es allen recht machen um keinen Shitstorm zu ernten und das Spiel in möglichst vielen Ländern zu verkaufen. Doch zu welchem Preis? Historische Corectness, Gender Corectness, Political Corectness. Aber das Spiel mus dennoch Authentisch sein und ich mus mich mit der Figur (neuerdings hauptsächlich Weiblich) Identifizieren können? Well done!!!

  • Kurt am 25.02.2019 10:45 Report Diesen Beitrag melden

    Riad hätte ich was anderes gebracht

    Entschuldigung nach Riad? Dahin hätte ich einiges gebracht. Aber garantiert keine Entschuldigung. Geht's noch?

  • Bloodhound am 25.02.2019 08:38 Report Diesen Beitrag melden

    OK was?

    Was ist den los hier? Die Frau macht immense Arbeit, damit Spielentwickler weiterhin arbeiten können und sich nicht endlos mit Anklagen oder Strafen herumschlagen müssen. Wir leben hier in einer sehr toleranten Land und nur wenig kann uns empören oder aus der Bahn werfen, aber das heisst nicht, dass es überall so ist. Unsere Erfahrungen sind nicht universell, und wir müssen aus Anstand und Respekt aufeinander acht geben und halt gewisse Spielinhalte hinterfragen und aus anderen Augen sehen, deshalb sind Leute wie Edwards dringend nötig.

  • kante am 24.02.2019 22:48 Report Diesen Beitrag melden

    braucht kein mensch.

    gratuliere. die kanditatin hat den überflüssigsten job der welt.

    • Peter am 25.02.2019 09:37 Report Diesen Beitrag melden

      @kante

      Den hatte wohl eher Dein Lehrer.

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  • BattlefieldV am 24.02.2019 13:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Interessanter Beruf

    Danke für den guten Beitrag, finde ich wirklich interessant. Aber was ich wirklich cool finde ist z.B. das mit den Koreanern. In Korea kommt es nicht gut an wenn sie von den Japanern angegriffen werden, also dreht man das ganze einfach um und alles ist gut. Typisch Mensch ;-)

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