«24: The Game»

15. März 2006 19:49; Akt: 15.03.2006 19:52 Print

Fast so packend wie die TV-Serie

Wie fühlt es sich an, einen ganzen Tag als Agent Jack Bauer unterwegs zu sein? Mit dem Spiel 24: The Game lässt sich diese Frage beantworten. Ein Selbstversuch.

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Zwölf unleserlich vollgekritzelte A4-Seiten, drei kaputte Kugelschreiber, weiche Knie, zittrige Finger und ernsthafte Schwierigkeiten, die Augen zu fokussieren. Und ein zerstörtes PS2-Gamepad. So lautet die Bilanz morgens um zwei Uhr, nachdem ich 16 Stunden vor dem Fernseher verbracht habe, um das Videospiel 24: The Game durchzuspielen – am Stück. Die Mission: Innerhalb eines vollen Tages das Game zur TV-Serie zu meistern und dabei wie Jack Bauer ganz ohne Pause auszukommen: eine Grenzerfahrung.

Stunde null, morgens um zehn Uhr: Die Introsequenz von 24: The Game läuft, ich schlürfe Kaffee. Doch unvermittelt stecke ich in der Haut von Jack Bauer. Auf einem Frachtschiff tickt eine Rizinbombe, und wenn sie hochgeht, wird Los Angeles zum biologisch verseuchten Niemandsland. Terrorist um Terrorist wird von mir niedergestreckt, Kopfschüsse geben Extrapunkte. Nach 20 Minuten bin ich durch, das Adrenalin pumpt, der Kaffee ist kalt.

Als die TV-Serie 2001 in den USA anlief, schlug sie ein wie eine Bombe. Eine vergleichbare Dramaturgie hatte man zuvor noch nie gesehen, und Tausende klebten Woche für Woche vor den Flimmerkisten. Die Macher von «24» heimsten Emmy- und Golden-Globe-Awards ein. In der Schweiz erreichen die zwei Episoden, die montagabendlich auf SF zwei laufen, durchschnittlich 105 000 Zuschauer. Damit gehört «24» zu den erfolgreichsten Serien des Senders. Nun ist auch das Videospiel dazu erschienen – in einer Qualität, wie man sie von anderen TV-Umsetzungen nicht gewohnt ist.

14 Uhr: Seit vier Stunden sitze ich pausenlos vor dem Bildschirm. Ich habe die Angriffe von Hunderten von Terroristen überstanden, Verfolgungsjagden gemeistert, Codes geknackt und Verdächtige verhört. Ich habe in der Haut von Bauer, Almeida und Dessler gesteckt. Nun machen sich erste Schmerzen bemerkbar. Und anders als bei den Agenten meldet sich bei mir der Hunger. Während der Essenspause klingelt das Mobiltelefon, doch erst nach dem vierten Klingeln merke ich, dass es in der Wirklichkeit läutet.

Wie die TV-Serie vermag auch 24: The Game einen nervenaufreibenden Zeitdruck zu erzeugen. Die brisante Mischung aus Missionen und Geschichte vermittelt dem Spieler den Eindruck, unter dauerndem Stress zu stehen. Daran sind mitunter auch die Spielfiguren beteiligt, die den TV-Figuren nicht nur verblüffend ähnlich sehen, sondern auch mit deren drängenden Originalstimmen sprechen. Um möglichst viel «24»-Feeling zu erzeugen, haben die Entwickler eng mit den Machern der TV-Serie zusammengearbeitet.

Die folgenden Ereignisse finden zwischen 16 und 17 Uhr statt: Ich bin als Jack Bauer mit dem Wagen auf der Flucht. An meinem Auspuff hängt die Polizei. Das Ziel der Mission: sie abschütteln, um ungesehen in ein Safe House zu gelangen. Ich nähere mich dem Ziel, ein Wagen ist mir immer noch auf den Fersen. Wenige Meter vor dem Ziel schiesst er mich ab – Mission fehlgeschlagen. Ein zweiter Versuch endet mit dem gleichen Resultat. Wie auch der dritte, vierte und fünfte. Die Augen beginnen zu tränen, ich koche vor Wut. Und nach einer halben Stunde Erfolglosigkeit gibts kein Halten mehr: Das Gamepad zerschellt auf dem Boden. Zwangspause.

24: The Game erzählt eine Geschichte, die zwischen der zweiten und dritten Staffel der TV-Serie angesiedelt ist. Im Gegensatz zum Original wurde auf Nebenstränge weitgehend verzichtet. Insgesamt 58 Missionen gilt es zu meistern, wovon einige nur in Echtzeit bestanden werden können. Geübte Spieler schaffen die meisten Aufgaben jedoch in kürzerer Zeit. Da ein einmal abgeschlossener Auftrag nicht wiederholt werden kann, der Erfolg der Mission aber bewertet wird, erhöht sich der Druck auf den Spieler zusätzlich. Wer möchte am Ende des Games schon als «Rookie C» gelten?
Die Verfolgungsmission habe ich schliesslich bestanden. Vier Stunden sind seitdem vergangen. 20 Uhr: Ich spiele wie in Trance. Als der Pizzakurier klingelt und ich das (neue) Gamepad weglege, zittern die Hände, ein flattriges Gefühl stellt sich ein. Zur Abwechlsung schaue ich mir beim Pizzaverzehr ein Fussball-Spiel an. Plötzlich wähne ich mich im Videospiel Fifa 2006: Wahrnehmungsverschiebungen. Und ich erinnere mich an die Geschichte eines Südkoreaners, der nach 50 Stunden Dauergamen gestorben ist. Mir bleibt die Pizza fast im Hals stecken.

Morgens um zwei bin ich durch. Habe den letzten Bösewicht eliminiert und sehe zu, wie sich der verletzte Jack Bauer aus der Szene tragen lässt. Ebenso kaputt schleppe ich mich mit weichen Knien ins Bett, unendlich leer und mit der Endwertung «Rookie C». Und dem dringenden Bedürfnis, echte Menschen zu sehen.

24: The Game für Playstation 2.

Jan Graber

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