Sind Spiele Kunst?

19. Dezember 2011 22:20; Akt: 20.12.2011 11:01 Print

PC-Games sollen Kunst sein? Wohl eher Kitsch!

von J. Graber - Game-Entwickler wollen, dass ihr Handwerk als Kunst anerkannt wird. Sie erhoffen sich Zugang zu den Töpfen der Kultur-Subvention. Doch Pseudo-Arty-Games sind noch lange keine Kunstwerke.

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«Games sind Kitsch». Zu diesem provokativen Schluss kam der amerikanische Game-Professor Brian Moriarty in einer Rede, die er im Frühling 2011 in San Francisco hielt. Brisant: Die Zuhörer waren nicht Studenten, sondern die Crème de la Crème der Spieleentwickler-Gilde.

Für die Amerikaner sind Games Kunst

Moriartys schonungslose Aussage traf einen wunden Punkt. Sind Games Kunst? Zumindest die Nationale Stiftung für die Künste in den USA sieht es so: Im Mai 2011 erklärte sie Videospiele zur Kunstform und - jetzt wirds wichtig - öffnete damit die Töpfe zur finanziellen Förderung. Dies sofern die Games einem künstlerischen Anspruch genügen.

Bedeutung hat die Kunst-Frage auch für die Schweiz: Derzeit wird um die Fördergelder der Pro Helvetia gefeilscht. Besonders das Gameförderprogramm GameCulture steht im Schussfeld und wird von der Vereinigung der Kulturschaffenden, der Suisseculture, kritisiert. Allerdings wird von der Vereinigung nicht der kulturelle Wert von Games per se in Frage gestellt, sondern die Form der Förderung. Trotzdem ist in der Kritik auch die Frage nach dem künstlerischen Wert von Spielen enthalten.

Parasitäre Kunst?

Bedenklich muten in diesem Zusammenhang die Beiträge an, mit denen der kürzlich auf 20 Minuten Online publizierte Artikel über den Angriff der Suisseculture auf den Verband der Game-Entwickler kommentiert wurde.

Als «Maden im Speck» wurden Künstler und Spiele-Produzenten pauschal bezeichnet. Mit Steuergeldern würden Künstler, die man eh nicht verstehe, durchgefüttert, hiess es. Was den Ansprüchen eines Marktes nicht genüge, habe sowieso keine Existenzberechtigung. Fazit: Kunst sei parasitär und - falls kommerziell nicht erfolgreich - überflüssig.

Kommentare dieser Art sind nicht nur verfehlt, sondern beruhen auf einer erschreckenden Kurzsicht. Kein Mensch mit halbwegs garem Verstand kann ernsthaft in Frage stellen, dass Kunst und Kultur die Hefe sind, die uns die geistigen Brötchen der Gesellschaft backen lassen. Ohne Kunst keine Erkenntnis, kein Fortschritt, keine Demokratie, keine soziale Gerechtigkeit.

Alle Errungenschaften, die unser Leben sicherer, bequemer und aufgeklärter machen, beruhen letztlich auch auf den Werken von Kunst und Philosophie. Dass sie von vielen zunächst als unverständlich empfunden werden, liegt in der Natur des Menschen – in seinem Vertrauen aufs Gewohnte und Bekannte. «Subtile Kunst ist fragil», sagt der Game-Professor Moriarty. Sie existiere zwischen den Details.

«Games sind Kitsch»

Von der Kunst den Bückling vor wirtschaftlichen Zwängen zu fordern, schiesst ebenso daneben. Gerade im Ausloten des Unbekannten und Beunruhigenden liegt eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst. Damit lassen sich zunächst aber kaum die Massen erreichen.

Games entsprechen diesen Prinzipien derzeit (noch) nicht. Selbst Spiele wie «Shadow of the Colossus», «Okami» oder «Flower», die bisweilen als Kunst bezeichnet werden, bedienen sich höchstens künstlerischer Elemente (siehe Bildstrecke).

Einen ungewohnten oder beunruhigenden Blick auf die Welt schaffen sie nicht. Videospiele sind zudem, egal ob von grossen Publishern oder Indie-Unternehmen, Produkte einer Industrie: Geld, Ideen und Arbeitskraft wird investiert in ein Produkt, das x-fach kopiert zum Verkauf steht - ähnlich wie schöne Postkarten.

René Bauer, Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) hat diesbezüglich eine klare Meinung: «Die meisten Pseudo-Arty-Games sind auf Kunst gemachte und gut designte, an spezifischen Kunden angepasste Games.»

Da das investierte Geld wieder eingespielt werden soll, müssen Games allgemein gültige Erwartungen erfüllen: Sie müssen für viele Menschen verständlich funktionieren und grafisch den Geschmack der Masse treffen. Sie sind, um Moriarty erneut zu zitieren, Kitsch. «Das letzte, was Kitsch will, ist herausfordern», sagt der Professor.

Auch Kitsch kann kulturelle wertvoll sein

Moriarty spricht Kitsch seine Bedeutung jedoch nicht ab: «Kitsch kann brillant ausgeführt, wunderbar unterhaltsam und kulturell signifikant sein», führt er in seiner Rede aus. Selbst zwei der wichtigsten je geschaffenen Spiele, Schach und Go, habe niemand je für Kunst erklärt. Wieso also sollten es Videospiele sein?

Der Aufhänger liegt jedoch im Ausdruck «kulturell signifikant». Zudem trägt die Spielentwicklung von Natur aus das kreative Gen in sich – der Voraussetzung für Kunst.

Die derzeitige Diskussion kann auch als Weckruf verstanden werden: An die Künstler, sich dem neuen Medium anzunehmen und damit Kunstwerke zu schaffen. Aber auch an die Game-Entwickler, den Mut zu finden, den wirtschaftsorientierten Weg zu verlassen und sich nicht nur oberflächlich aufs beunruhigende Feld der Künste zu begeben.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • David Spörri am 20.12.2011 00:05 Report Diesen Beitrag melden

    Das schöne an Kunst

    Es gibt sie überall, und sie ist immer Geschmackssache. Persönlich habe ich diverse Spiele erlebt, welche Kunst in Grafik, Musik, Konzept, Geschichte, Rätsel etc hatten. Persönlich sehe ich Portal 1 und 2 sowie ziemlich alles der Zelda Reihe als Kunst. Aber eben, kann jeder anders sehen. Natürlich immer mühsam, sobald es um Geld geht.

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  • game/kunst am 19.12.2011 22:29 Report Diesen Beitrag melden

    Kunst

    Klar sind Games auch Kunst, was für ne frage...

  • Diego am 20.12.2011 00:20 Report Diesen Beitrag melden

    Kunst & Spiel -> kein Unterschied

    «Games sind Kitsch» «Das letzte, was Kitsch will, ist herausfordern» Die beiden Zitate bilden für mich den Kern des Irritierten. Man könnte meinen Herr Moriarty hat noch nie gespielt... Ich bin sicher kein Kenner der akademischen Definition von Kunst. Um mit etwas Ironie zu beginnen; Provoziert fühlen sich sehr wohl viele Leute... Um ein Game möglichst realistisch oder möglichst surreal, um einem Charakter und dessen Lenker im Spiel die höchstmögliche Entfaltung zu ermöglichen, muss/kann der Entwickler/Designer/Künstler sehr stark über sich und die Umwelt denken/vorstellen/erschaffen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Stergi am 23.12.2011 16:14 Report Diesen Beitrag melden

    Den Gedanken weiterziehen

    Ich selbst spiele oft und gerne Games fast jeder Sorte, finde aber, sie sind keine Kunst, sondern mehrheitlich Massenprodukte. Man denke bloss mal weiter, falls man Games per se als Kunst bezeichnet und fördert, dann muss man das auch jedem Film, jedem Song, jedem Buch zugestehen. Das ginge dann doch zu weit, denn es gibt (zu) viele Bücher, Filme, Song, die einfach nur Schrott sind. Sowas staatlich zu fördern (zumal die Gameindustrie jährlich Milliarden macht) macht meiner Meinung nach keinen Sinn.

  • Yanis am 23.12.2011 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist Kunst

    Ich kann mir gar nicht vorstellen was für geniale Games Bethoven zusammen mit van Gogh, Picasso, Kadinsky usw. erschaffen würden :')

  • Hans lolo am 23.12.2011 12:27 Report Diesen Beitrag melden

    Minecraft

    nirgends findet man mehr Kunst, als in Minecraft, wenn sie auch grösstenteils von den Spielern geschaffen wird

  • Purple Fish am 22.12.2011 16:37 Report Diesen Beitrag melden

    Liegt im Auge des Betrachters

    Kunst ist alles von Menschenhand erschaffene. Es liegt lediglich im Auge des Betrachters etwas als Kunst anzuerkennen oder nicht. Daher sind Games rein von der Definition her sicherlich Kunst. Ob es schlussendlich von jedem Individuum als Kunst anerkannt wird ist eine andere Sache....

  • whocares am 22.12.2011 14:48 Report Diesen Beitrag melden

    Was sind Spiele?

    Spiele sind ein Medium. Man kann mit Spielen Kunst kreieren. Nicht alle Spiele sind deswegen Kunst.

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