Gründer im Interview

07. Dezember 2010 11:31; Akt: 04.01.2011 17:44 Print

«Google Wave wollte zu viel auf einmal»

von Henning Steier - Ob Projekt oder Urlaubsplanung: Die Basler Firma useKit will es leichter machen, Daten zu sammeln und gemeinsam zu nutzen. Allerdings ist der Markt hart umkämpft.

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Das Basler Start-up useKit hat seit Mai rund 5000 Nutzer für sein Angebot gewonnen.

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Informationen im Netz zu finden ist in der Regel einfach. Diese samt Bildern, Dokumenten und Videos von der eigenen Festplatte im Browser zu sammeln und mit anderen zu teilen ist aber nicht so einfach. Dabei helfen will ein Basler Start-up namens useKit.

Wer sich auf der Website registriert und den useKit-Button in die Lesenzeichenleiste zieht, kann anschliessend auf jeder Internetseite die Toolbar aktivieren. Im nächsten Schritt kann man die Informationen nun anderen Nutzern oder allen Surfern zugänglich machen. Anwender können überdies festlegen, ob andere User ihre Sammlungen nur lesen oder auch bearbeiten dürfen.

Das Unternehmen ist mit seinem Angebot allerdings nicht allein. Mit der Zürcher Firma Memonic und Anbietern wie Evernote, Box.net und Microsoft Sharepoint sind sind eine Vielzahl weitere Firmen auf diesem Feld aktiv. Wie sich seine Lösung gegen die Konkurrenz behaupten soll und warum Google Wave trotz guter Ansätze scheiterte, verrät useKit-Gründer Sven Rizzotti im Interview.

Wie sieht eine typische Nutzungsart von useKit aus?
Mehrere Personen sammeln und archivieren Informationen verschiedenster Art, Dateien, Webinhalte, Mediadaten und so weiter. Diese werden mit Hilfe von Kontexten geteilt und organisiert, wobei jeder seine individuelle Ordnung haben kann ohne die Identität der Inhalte zu beeinträchtigen. Wir arbeiten gerade mit einer Beratungsfirma zusammen, deren Consultants so gemeinsam Informationen sammeln können, auf die alle leicht und schnell Zugriff haben. Zuvor haben sie sich alles per E-Mail geschickt oder auf FTP-Server hochgeladen – eher umständlich.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Die Idee basiert auf meiner Doktorarbeit. Zunächst wollten wir Nutzern möglichst viele Tools im Browser zur Verfügung stellen: Wörter übersetzen, Google Maps direkt aufrufen, nur Teile von Websites ausdrucken und so weiter.

Aber solche Tools und Websites gibt es wie Sand am Meer – beispielsweise printwhatyoulike.com
Stimmt - dann haben wir uns überlegt, dass wir Usern einen zusätzlichen Nutzen bieten wollen, nämlich dass man alle Informationen abspeichern können müsste – bei useKit.

Vergleichbares bietet auch die Konkurrenz: Das Zürcher Start-up Memonic erlaubt es Usern sich digitale Archive anzulegen. Und Evernote ist als US-Unternehmen Marktführer und hat eine sehr leistungsfähige Desktop-Applikation. Beide bieten Smartphone-Apps. Wie wollen Sie dagegen ankommen?
Wir sehen uns nicht in direkter Konkurrenz zu Memonic oder Evernote, beide konzentrieren sich auf das Anbieten eines persönlichen Notizbuches verbunden mit Webclipping, sowie dass anschliessende Verarbeiten des Gesammelten. Bei uns dient Webclipping genauso wie die anderen Funktionen nur der Informationsaggregation; useKit ist ein digitales und intelligent organisiertes Archiv, sowie eine Plattform für schnelle und unkomplizierte Zusammenarbeit. Dabei unterstützt useKit schon jetzt fast alle denkbaren Formen von Informationen ob Dateien, Web Schnipsel, Notizen oder Videos. Da wir den Desktop Client und die Funktionalität hoch einschätzen ermöglichen wir es unseren Nutzern auch direkt Daten an Evernote zu schicken sowie direkt aus der Plattform Tweets zu senden. Diese Integration externer Dienste ist eine unserer Kernfunktionen.

Weitere Konkurrenten sind Microsoft SharePoint und Box.net. Wie grenzen Sie sich von diesen ab?
Unser Angebot ist so aufgebaut, dass es den Aufwand für das Ablegen von Informationen stark reduziert. Aus unserer Erfahrung ist dies eines der grössten Probleme bei Lösungen wie SharePoint, die starre Architektur und strikten Hierarchien machen das Ablegen zu einem grossen Aufwand den viele Nutzer meiden und eher wenig ablegen. Box.net sehen wir in der Tat als einen unserer grössten Konkurrenten und es gibt auch etliche Gemeinsamkeiten, zum Beispiel die strikte Weborientierung oder einfache Einrichtung. Die Stärken von useKit liegen in der wissensorientierten Form der Organisation, der vollständigen Integration in Arbeitsabläufe und den Verbindungen zu externen Datenquellen und Diensten.

Bislang habe ich keine Smartphone-Applikation Ihres Angebots entdecken können.
Das liegt daran, dass es noch keine gibt. Bisher bieten wir nur eine für mobile Geräte optimierte Webseite an. Unsere Entwicklerressourcen sind leider begrenzt. Aber eine App wird garantiert kommen.

Wie schützen Sie sich vor Copyrightproblemen, also Nutzern, die geschützte Inhalte verbreiten?
Wir haben intensiv mit einer Anwaltskanzlei zusammen gearbeitet und dieses Thema für useKit intensiv aufgearbeitet. Datensicherheit und Copyright-Schutz sind bei der Verwendung von useKit gewährleistet.

Wenn jemand eigene Dateien hochlädt – wo liegen diese dann? Und wie verhindern Sie Missbrauch?
Nutzer müssen unseren Allgemeinen Geschäftsbedingungen zustimmen, laut denen beispielsweise das Hochladen urheberrechtlich geschützter Inhalte Dritter verboten ist. Die Daten liegen in der Cloud – wir haben einen Stichwort-Filter aufgesetzt, der beispielsweise auf Begriffe aus dem Bereich Kinderpornografie anschlägt. Unseren Speicherplatz haben wir bei Amazon gemietet.

Dafür zahlen Sie natürlich. Was kostet es also den Anwender, wenn er diesen nutzen möchte?
Bislang sind 500 Megabyte gratis. Unbegrenzten Speicherplatz erhält man für fünf US-Dollar monatlich. Zusätzlich bieten wir angepasste Dienste für Unternehmen an, useKit kann also bei Bedarf in eine bestehende Systemumgebung eingebettet werden und an existierende Informationsquellen angeschlossen werden.

Welche weiteren Funktionen sind kostenpflichtig?
Wir haben ein Set von Funktionen als Premium definiert, die entweder nur von manchen benötigt werden oder aber sehr viele Ressourcen benötigen. Das sind zum Beispiel Volltextsuche in Dateien oder Verschlüsselung. Ausserdem gibt es Funktionen die wir nur Firmenkunden anbieten, unter anderem White-Label-Lösungen und umfangreiches Benutzermanagement.

Warum bieten Sie nicht auch Gratis-Nutzern verschlüsselte Verbindungen?
Unsere Kosten für SSL-Verbindungen sind höher und diese Ausgaben müssen wir weiter geben. Wenn beispielsweise ein Verein unser Angebot nutzt, denke ich, dass die meisten Inhalte ohnehin nicht geheim sind.

Ist die Standardeinstellung für Content Items, dass sie von Suchmaschinen und damit von allen Nutzern gefunden werden?
Nein.

Seit dem 1. Mai ist Ihre Betaversion verfügbar. Wie viele Nutzer haben Sie bereits gewonnen?
Rund 5000 arbeiten bereits mit useKit. – bislang haben wir uns auf die Verbesserung des Produktes konzentriert und noch keine Werbung gemacht.

Werbung für Ihren Dienst ist das Eine, in ihrem Angebot das Andere. Wäre dies eine Option?
Sicherlich ist dies grundsätzlich eine Option. Unser Business Modell setzt jedoch auf eine andere Strategie: Wir bieten zusätzlichen Nutzen und Speicherplatz, für den die User bereit sind zu zahlen.

Wann wollen Sie profitabel sein?
Bis Ende 2012 wollen wir ein positives Ergebnis ausweisen können.

Auf den ersten Blick weckt useKit Erinnerungen an Google Wave – ein gescheitertes Kollaborations-Tool des Suchmaschinisten. Wie wollen Sie einem ähnlichen Schicksal entgehen?
Google Wave wollte zu viel auf einmal, obwohl es technisch gut war. Für den normalen Anwender war es wohl zu kompliziert - useKit ist intuitiv, das heisst: Normale Verhaltensweisen werden lediglich durch technische Möglichkeiten unterstützt. Wir wollen unsere User nicht erziehen.

Eine Ergänzung wäre eine Chat-Funktion.
Es gibt gute Chat-Dienste und E-Mail-Angebote. Derzeit denken wir: Warum sollten wir sie ersetzen? Natürlich arbeiten wir jederzeit an unserem Angebot. Für die Zukunft schliessen wir erweiterte Kommunikationsformen, die das Teilen der Daten und das gemeinsame Arbeiten daran, unterstützen, natürlich nicht aus.

Kann man die bei useKit angelegten Datensammlungen exportieren?
Bislang kann man Texte und Bilder nur in einer PDF-Datei zusammenfassen. In Zukunft soll man auch alle Dateien als zip-File herunterladen können. Ausserdem wird man eine E-Mail an eine Adresse schicken können – und schon wird der Inhalt einem useKit-Kontext hinzugefügt. Zunächst werden wir aber eine deutsche Benutzeroberfläche anbieten.