Nutzer belauscht

08. August 2019 13:59; Akt: 08.08.2019 14:50 Print

«Was ich da hörte, war definitiv Telefonsex»

Auf Abhörenthüllungen bei Google, Amazon und Apple folgt jetzt Microsoft: Mitarbeiter hören zu, wenn Skype-Nutzer über intimste Details sprechen.

Bildstrecke im Grossformat »
Mitarbeiter sollten prüfen, ob die Software die gesprochenen Sätze korrekt verstanden hat: Facebook-Chatdienst Messenger. (Archivbild) Von Microsoft beauftragte Mitarbeiter hören mit, wenn Nutzer über Skype kommunizieren oder mit der digitalen Assistentin Cortana sprechen. Dies zeigt ein Bericht von Vice.com. «Einige Dinge, die ich hörte, können nur als Telefonsex bezeichnet werden», sagt der Insider, der die Daten herausgegeben hat zu Vice.com. Microsoft bestätigt die Praxis. Dies diene der Verbesserung von auf Spracherkennung basierenden Angeboten. Die Daten seien anonymisiert und Nutzer hätten ihre Zustimmung dafür gegeben. Auch andere IT-Giganten waren jüngst mit ähnlichen Enthüllungen konfrontiert. Wie «The Guardian» bekanntmachte, hörten von Apple beauftragte Mitarbeiter einen Teil der Siri-Anfragen ab. Dabei bekamen die Analysten auch aus Versehen aufgenommene Gespräche zu Gesundheitsproblemen und medizinischen Behandlungen von Nutzern zu hören und solche über Drogendeals. Sie hörten sogar Paare beim Sex, so der Insider. Obwohl alle iOS-Geräte Siri unterstützen, wurden solche Vorfälle am ehesten von der Apple Watch oder vom Homepod, dem intelligenten Lautsprecher von Apple, aufgenommen. Apple hat nach der Bekanntmachung die Praxis vorübergehend gestoppt. Mitte Juli 2019 wurde bekannt, dass von Google beauftragte Mitarbeiter Aufnahmen des Assistants, des Sprachassistenten von Google, mithören können. Das Unternehmen bestätigte das Vorgehen, nachdem Aufzeichnungen veröffentlicht worden waren. Google hat die Praxis in Europa ebenfalls ausgesetzt. Im April 2019 wurde bekannt, dass Mitarbeiter einen Teil der Mitschnitte der Sprachassistentin Amazon Alexa mithören. Im Bild ein Amazon Echo von 2017. Das Ziel sei, dass die künstliche Assistentin mittels der Transkripte künftig noch besser menschliche Sprachbefehle verstehen könne. (Im Bild: Amazon-Gründer und CEO Jeff Bezos) Aber die Zuhörer, die teils bei Amazon selbst und teils bei Drittfirmen angestellt sind, bekommen nicht nur die eigentlichen Sprachbefehle mit. Mitarbeiter erzählten, sie hätten schon schiefen Gesang aus dem Badezimmer, ... ... schreiende Kinder und sogar schon sexuelle Gewalt zu hören bekommen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Es sind brisante Details, die jetzt an die Öffentlichkeit kommen. Interne Dokumente, Aufnahmen und Screenshots belegen, dass von Microsoft beauftragte Mitarbeiter bei zig Skype-Telefonaten mithörten. Auch Anfragen an die Sprachassistentin Cortana sind abgehört worden.

Umfrage
Welchen Sprachassistenten nutzen Sie?

Die Plattform Vice.com hatte Zugriff auf einige Aufzeichnungen. Sie berichten von belanglosen aber auch intimsten Gesprächen. «Einige Dinge, die ich hörte, können nur als Telefonsex bezeichnet werden», sagt der Insider, der die Daten herausgegeben hat. Die Aufnahmen, die abgehört würden, seien meist zwischen fünf und zehn Sekunden lang. Manchmal aber auch länger.

«Transparenz und Datenschutz»

Ein Sprecher von Microsoft bestätigte, dass anonymisierte Gespräche von Nutzern des Onlinetelefonie-Dienstes Skype und des Sprachassistenten Cortana von Mitarbeitern gehört werden können. Dies diene der Verbesserung von auf Spracherkennung basierenden Angeboten. So gibt es bei Skype seit 2015 einen Translator-Dienst. Mit diesem können Gespräche in Echtzeit übersetzt werden.

Microsoft erklärte weiter, dass die Voraussetzung für eine solche Auswertung der Sprachdateien eine Zustimmung der Nutzer sei. Man setze bei dem Thema auf «Transparenz und Datenschutz». Aber: In den jeweiligen AGB von Skype und Cortana stehe zwar, dass man Sprachdaten nutze, um den Service zu verbessern, aber nicht, dass diese auch von Menschen mitgehört werden könnten, so Vice.com.

Alexa, Siri und Google

In den vergangenen Wochen waren bereits andere IT-Giganten wie Google, Apple und Amazon in die Schlagzeilen geraten, weil sie von Sprachassistenten aufgezeichnete Daten auswerten liessen. Das Vorgehen soll die Software verbessern, führt aber zu massiven Datenschutzbedenken.

Apple hat nach der Berichterstattung die Praxis, Fragmente von Aufnahmen der Sprachassistentin Siri von Menschen auswerten zu lassen, ausgesetzt. In einem späteren Software-Update sollen die Nutzer ausdrücklich um Erlaubnis dazu gefragt werden. Bei Google wird die Praxis in Europa ebenfalls auf den Prüfstand gestellt. Amazon gibt Nutzern neu die Möglichkeit, die Auswertung in der Alex-App auf dem Smartphone zu stoppen.

(tob/sda)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Man sah... am 08.08.2019 14:08 Report Diesen Beitrag melden

    ...es kommen

    Jetzt bloss nicht überrascht tun.

    einklappen einklappen
  • Willi Bold am 08.08.2019 14:10 Report Diesen Beitrag melden

    Die Wanze als immer dabei

    Nichts anderes ist ein heutiges Handy. Die Behörden freuen sich. Noch nie war es so einfach jemanden zu überwachen. Nichts muss installiert werden, die meisten tragen freiwillig immer eine Wanze mit Kamera mit.

    einklappen einklappen
  • Alfred A. am 08.08.2019 14:15 Report Diesen Beitrag melden

    Wen wunderts dass sie zuhören

    Aber glaubt jetzt nicht, die audiblen Spanner würden es sein lassen. Pustekuchen! Die werden genau gleich weiter machen und es nur noch besser verstecken.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Stefan am 09.08.2019 07:14 Report Diesen Beitrag melden

    Staat hört mit

    Als würde dies nur der Software Verbesserung dienen. Die Mobilsparte von Nokia wurde durch amerikanische Geheimdienste und IT-Unternehment in den Konkurs getrieben damit die Kommunikation überwacht werden kann. Aber alternativen entwickeln sich.

  • Marco Kälin am 09.08.2019 02:28 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur dort wird abgehört

    Fernseher der neueren Generation enthalten Kamera und Mikrofon, Tabletts schon bald auch der Kühlschrank und die Kaffeemaschine etc. Natürlich muss man vor der Inbetriebnahme sein Einverständnis geben, denn ansonsten funktioniert ja das Gerät nicht. Und so kann man sich bald nicht mehr unbeobachtet und ungehört in der eigenen Wohnung bewegen. Alles wird festgehalten, gespeichert, abgelegt damit man uns auswerten, katalogisieren und für alle möglichen Dinge einordnen kann. Tragische Entwicklung denn wir sind alle so erpressbar!

    • Brotli am 09.08.2019 19:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Marco Kälin

      Und wir werden gezwungen diese Geräte zu kaufen. ähh ? Es gibt Fernseher ohne das ganze Gschmäus, und funktionieren noch ohne Internet. Wird bei den Küchengeräten nicht anderst sein. Die brauchen nur Strom. Man kanns auch übertreiben.

    einklappen einklappen
  • IT Spezialist am 08.08.2019 23:51 Report Diesen Beitrag melden

    Tür und Tor geöffnet

    Und dadurch, dass immer mehr Dienste wie Skype von den IT-Verantwortlichen in Unternehmen nicht mehr On-Prem gehostet sondern die hippe Cloud-Lösung bevorzugt wird, öffnet man alle Tore für den grossen Lausch-Angriff.

  • Peter Parma am 08.08.2019 21:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Obligatorisches Aufzeichnen bei Anrufen.

    Auch in der Schweiz gibts immer mehr Kundendienste, Behörden oder Versicherungen die standartmässig aufzeichnen, teils kann man gar nicht widersprechen wenn man telefonisch kommunizieren will. Es bleibt nur der Schriftverkehr. Finde ich auch eine bedenkliche Entwicklung. Informiert man dann das gegenüber somit das Gespräch auch mitzuschneiden kam es auch schon vor das dies nicht akzeptiert wurde und das Gespräch von Seiten Behörde, Versicherung oder Kundendienst beendet wurde. Keine gleich langen Spiesse erwünscht vom Stärkeren sag ich da nur. Ich bevorzuge im Normalfall gar keine Aufzeichnung

    • Marco Kälin am 09.08.2019 02:36 Report Diesen Beitrag melden

      @Peter Parma

      Da gebe ich Dir vollkommen recht. Wer kennt es nicht das Sprüchlein, "Für Schulungszwecke kann dieses Gespräch aufgezeichnet werden"! Es gibt keine Möglichkeit eine Taste zu drücken, nein zu sagen bevor man sprechen kann. Ich habe aber seit einiger Zeit rigoros angefangen und sage sogleich wenn jemand abnimmt das ich wünsche das dass Band für die Aufzeichnung abzuschalten sei^. Da kommen praktisch alle gleich einmal ins stottern und abschalten können sie es nicht weil das Gespräch automatisch aufgezeichnet wird. Das wäre etwas für den Gesetzgeber!

    einklappen einklappen
  • Das Grosilein am 08.08.2019 20:13 Report Diesen Beitrag melden

    Alle machens was solls???

    Der Datenschutz im Namen aller grüsst euch ergebenst..

    • Stefan am 09.08.2019 07:20 Report Diesen Beitrag melden

      Datenschutz gibts nicht mehr

      Naja Amerika fängt auf der ganzen Welt kriege an und stürtzt legitime Regierungen und verdonnert dann den Westen im Namen der Terrorbekämpfung (Eigentlich ist Amerika ja der Terrorstaat der sich hauptsächlich in anderen Ländern auch an der Zivilbevölkerung vergeht und Millionen Leben auf dem Gewissen hat) auf den Datenschutz zu Pfeifen. EU-Gericht spricht sich für den Datenschutz aus und schnell macht die EU Gesetzte um den sicheren Hafen (Daten in Amerika) wieder zu legitimieren. Und wir dürfen jeden Tag 200 Seiten AGB's pro App bestätigen da sonst alle Kontakte weg sind. Danke Politik

    einklappen einklappen