Horrorjob

20. Juni 2019 21:02; Akt: 20.06.2019 21:02 Print

«Mitarbeiter schmieren Fäkalien an die Wände»

Tote Tiere und misshandelte Babys: Facebook-Moderatoren sind jeden Tag mit abscheulichen Szenen konfrontiert. Jetzt packen sie aus.

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«Ich denke immer noch an all die misshandelten Tiere, die ich gesehen habe», sagt der Ex-Facebook-Moderator Shawn Speagle unter Tränen zu Theverge.com. Speagle war einer von weltweit rund 15'000 Moderatoren des sozialen Netzwerks. Als solcher sichtete er Beiträge und war so täglich mit Tierquälerei, Misshandlung, Hass und Tod konfrontiert. Speagle beschreibt seinen ehemaligen Arbeitsplatz als toxische Umgebung. «Einige Mitarbeiter schmierten Fäkalien an die Wände und urinierten auf den Boden.» Über die psychische Gesundheit der Mitarbeiter habe man nicht gesprochen, berichten auch die beiden Ex-Moderatorinnen Michelle Bennetti und Melynda Johnson. Facebook hat mehrere Löschzentren auf der ganzen Welt. Hier das Büro in Berlin. Eine Gruppe deutscher Journalisten hat im Juli 2017 das Büro, das von der Firma Arvato im Auftrag des sozialen Netzwerks betrieben wird, besucht. Die Mitarbeiter berichten von grausamen Inhalten: Kinderpornografie, Tierquälerei und Mord. Auf Wunsch stehen den insgesamt 650 Mitarbeitern in Berlin auch Psychologen zur Verfügung. Die Mitarbeiter geben an, stolz auf ihre Arbeit zu sein. «Ich halte es für richtig und wichtig, was wir machen. Was wir hier sehen, muss jemand anderes nicht mehr sehen», sagt eine Mitarbeiterin. Bei dem Pressetermin von 2017 waren rund 30 Mitarbeiter im Büro anwesend. Während die Journalisten vor Ort waren, durften sie aus Datenschutzgründen nicht arbeiten. Schon in der Vergangenheit sorgte ein Löschzentrum in den Philippinen für Aufsehen. Der Regisseur Moritz Riesewieck drehte dazu den Film «The Cleaners». Im Jahr 2016 berichtete er, dass Mitarbeiter dort für zwei bis sechs Dollar die Stunde Horrorbilder vom sozialen Netzwerk löschten.

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Sie entscheiden, was auf Facebook bleibt und was gelöscht wird: Die Inhaltsmoderatoren der Plattform haben einen Job, bei dem sie jeden Tag mit grauenhaften Bildern und Videos konfrontiert sind. Über ihre Arbeit dürfen sie eigentlich nicht sprechen, das verbietet ihnen ihr Vertrag, berichtet Theverge.com. Nun haben sich aber mehrere Ex-Mitarbeiter beim Tech-Blog gemeldet, die ganz bewusst ihr Schweigen brechen.

Die drei Mitarbeiter waren im US-Bundestaat Florida für die Firma Cognizant tätig, die in Facebooks Auftrag arbeitet. In einem Video berichten sie vom Horror, dem sie ausgesetzt waren. «Es gab viele schreckliche Tiervideos. Ich habe Welpen gesehen, die mit einem Seil erhängt wurden. Schweine, die man angezündet hat», sagt die ehemalige Moderatorin Michelle Bennetti. «Ich habe eine Frau gesehen, die ein Baby erdrosselte. Das Video tauchte immer und immer wieder auf. Man hörte, wie das Kind gluckste. Das Video infizierte meinen Verstand», so Ex-Moderatorin Melynda Johnson.

Totgeschlagen

«Ich denke immer noch an all die misshandelten Tiere, die ich gesehen habe», sagt der Ex-Moderator Shawn Speagle unter Tränen. «Das erste Video, das ich sah, als ich diesen Job anfing, war ein Iguana, der von Kindern totgeschlagen wurde», sagt er. «Und konntest du dieses Video löschen?», fragt der Interviewer. «Nein. Das Video war nicht auf Englisch und hatte keinen Titel und keine Beschreibung. Darum musste es laut den Richtlinien, die jeden Tag ändern, jemand anderes bearbeiten», so Speagle.

Speagle erklärt, dass man gegen die Flut an Inhalten völlig hilflos sei und wenn ein Video gelöscht werde, es sowieso schnell wieder auftauche. Facebook arbeitet daran, dass solche Inhalte von einer Maschine erkannt und gelöscht werden können. Doch bis heute geht das noch nicht so, wie es sollte, weshalb Moderatoren zum Einsatz kommen, erklärt Theverge.com.

Die «Wellness-Zeit»

Speagle erklärt, dass ihn die Arbeit wütend gemacht habe. «Ich hatte fast jede Nacht Albträume und schlief jeweils nur kurz, weil ich immer an die Bilder von toten Menschen und Tieren denken musste», so der Amerikaner. Die psychische Gesundheit sei überhaupt niemals ein Thema gewesen, berichten die drei Ex-Mitarbeiter einstimmig.

Im Gegenteil: Die Mitarbeiter seien anhand eines Punktesystems gedrillt worden, noch mehr Arbeit zu erledigen. Pro Tag habe man neun Minuten sogenannter Wellness-Zeit. «Es gab ein Careteam, mit dem man reden konnte. Aber in neun Minuten kann ich ja nicht die 500 schlimmen Videos thematisieren, die ich an einem Tag gesehen habe», sagt Johnson.

Nur ein WC

Speagle beschreibt seinen ehemaligen Arbeitsplatz als toxische Umgebung. «Leute tranken Alkohol und rauchten Joints auf dem Parkplatz. Es gab auch Probleme mit dem Badezimmer», erklärt er. «Einige Mitarbeiter schmierten Fäkalien an die Wände und urinierten auf den Boden», so Speagle. Im Gebäude habe es nur ein einziges WC für 800 Mitarbeiter gegeben, sagt er.

Cognizant schrieb in einem Statement an Theverge.com, dass man bemüht sei, die Arbeitsplätze sauberzuhalten. Auch Facebook hat sich zum Bericht geäussert. Man werde Inspektionen durchführen und Massnahmen ergreifen, um das Wohlergehen der Mitarbeiter zu fördern. Auch hoffe man, dass man künftig auch ehemaligen Mitarbeitern eine psychologische Betreuung anbieten könne.

Andere Löschzentralen

Laut Theverge.com beschäftigt Facebook 15'000 Moderatoren in der ganzen Welt. Unter anderem gibt es ein Team in Berlin. Zum Alltag zählen dort ebenfalls Kinderpornos, Mord und Tierquälerei.

Schon in der Vergangenheit sorgte das Löschzentrum in den Philippinen für Aufsehen. Der Regisseur Moritz Riesewieck drehte dazu den Film «The Cleaners». Im Jahr 2016 berichtete er, dass Mitarbeiter dort für zwei bis sechs Dollar die Stunde Horrorbilder vom sozialen Netzwerk gelösch hätten.

(tob)