Tech-Pionier

02. Januar 2019 19:32; Akt: 02.01.2019 19:32 Print

10 Gründe, deine Social-Media-Konten zu löschen

Menschen sollen mehr wie Katzen sein. So beginnt der Tech-Pionier Jaron Lanier sein neues Buch über Social Media.

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Warum sollen wir Menschen mehr wie Katzen werden? Laut dem Tech-Pionier Jaron Lanier ganz einfach: Sie haben es geschafft, das Internet zu erobern und doch ihren eigenen Willen zu behalten. Wir Menschen könnten uns von ihnen eine Scheibe abschneiden. Dies, indem wir beispielsweise unsere Social-Media-Accounts löschen. Nachfolgend die 10 Gründe. Dank unseren Smartphones werden wir konstant getrackt, gemessen und erhalten zugeschnittenes Feedback rund um die Uhr. Stück für Stück werden wir immer mehr beeinflusst von Technik, die wir nicht sehen können, für Zwecke, die wir nicht kennen. Die «Meinung der anderen» hat einen grossen Einfluss bekommen. So gross, dass wir bereit sind, unser Verhalten entsprechend zu ändern. Wir haben unser Smartphone permanent dabei und sind darum «ideale» Opfer für Verhaltensmodifikationen. Das Problem sind aber weder die Handys, das Internet noch die Algorithmen, sondern die Social-Media-Plattformen. Denn sie brauchen diese Technologien, um Menschen und ihr Verhalten zu manipulieren. Verhaltensveränderung ist zum Produkt geworden, wofür viele Unternehmen Geld investieren. Bereits in den Anfängen von Social Media in den 1970er-Jahren konnte ein beunruhigendes Phänomen beobachtet werden: das Beleidigen aus heiterem Himmel. Um aber selbst nicht zum Opfer zu werden, musste man zwischen zwei Extremen wählen: entweder fake-nett sein oder Beleidiger. Lanier: «Leider aber kriegen die grössten Arschlöcher am meisten Aufmerksamkeit.» Eine verbreitete Behauptung ist, dass die Wahrheit gestorben ist. Ihr Mörder: Social Media. Das Geschäft mit Fake-Accounts boomt und für die Plattformen ist es oft nicht einfach, Fake-Accounts wieder loszuwerden. Doch sie profitieren auch von der Aktivität dieser gefälschten Accounts und ihrer Möglichkeit, Einfluss auf reale Personen auszuüben. Lanier: «Informationen, die uns via Social Media erreichen, sind oftmals manipuliert und von diversen Werbeabsichten gefärbt.» Online haben wir nur wenig oder gar keinen Einfluss darauf, wie Äusserungen von uns verstanden werden. Denn: Bedeutung ist abhängig vom Kontext. Doch der Kontext wird nicht mehr länger von uns bestimmt, sondern von Algorithmen und Fake-Accounts. Lanier: «Maximale Interaktion ist verlangt. Immer mehr zählen die Klicks, immer weniger der eigentliche Inhalt.» Algorithmen bestimmen, was wir sehen. Kein Feed ist identisch, jeder ist individualisiert. Es entstehen Filterblasen. Die eigene Meinung wird reproduziert, und man beginnt, die Welt im Tunnelblick zu sehen. Lanier: «Die Welt, die man selbst sieht, ist unsichtbar für die Personen, die einen missverstehen oder nicht verstehen und umgekehrt. Die Folge: Die Fähigkeit zur sozialen Empathie nimmt ab.» Auf Social Media soll man Freunde finden und mit ihnen in Verbindung bleiben. Doch ständiger Druck und Wettbewerb führen zu sozialen Ängsten, wie etwa nicht genug Likes zu kriegen, nicht akzeptiert zu werden oder nicht gut genug zu sein. Lanier: «Negative Emotionen sind einfacher hervorzurufen als positive. Das führt zu einem Teufelskreis, denn genau solche Ängste und Emotionen binden die User noch mehr an Social Media.» Die Freie-Software-Bewegung der 1970er-Jahre hat dazu geführt, dass viele Angebote gratis verfügbar wurden. Man muss Google nicht dafür bezahlen, dass es für einen sucht, oder Youtube, dass es für einen ein Video abspielt. Wie aber finanzieren sich solche Plattformen? Über Werbung. Diese war zu Beginn noch ganz harmlos. Inzwischen hat sie sich aber weiterentwickelt, hin zur Verhaltensmodifikation. Durch Social Media wurden Smartphones regelrecht zu Propagandainstrumenten. Lanier: «Protestaktionen wie #blacklivesmatter sind in ihrer ersten Phase unglaublich erfolgreich. Es scheint, als könnten sie tatsächlich etwas ändern. Sobald aber das Thema veralgorithmisiert ist, bekommen die Stimmen von Arschlöchern mehr Gehör. Dieser Fall führte zu einer unglaublichen Entstehung von Rassismus.» Lanier: «Das Verständnis füreinander sinkt, weil wir nicht mehr wissen, was und in welchem Kontext andere etwas sehen. Individualisierte Inhalte führen zu Filterblasen, unsere Empathie sinkt. Man wird höchstwahrscheinlich zum Arschloch, und dadurch auch trauriger. Die Welt und die Wahrheit entziehen sich immer mehr unserem Blick und die Politik ist unreal geworden. Um dem zu entgehen, gibt es nur eine Möglichkeit: Löscht eure Accounts.» Jaron Lanier selbst hat die Anfänge des Internets miterlebt, bereits im Alter von 23 Jahren einen Datenhandschuh entwickelt, und er war bei der Gründung der ersten Social-Media-Plattformen in den 1980er-Jahren mit dabei. Trotzdem besitzt der heute 58-jährige Informatiker keinen Social-Media-Account. Im Bild: Jaron Lanier 1989 im Lab mit VR-Handschuh und VR-Brille.

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Die meisten nutzen sie täglich und haben gleich mehrere davon: Konten auf sozialen Netzwerken. In «Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst» plädiert Jaron Lanier dafür, sämtliche Accounts zu löschen und zu Katzen zu werden.

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Warum aber sollten wir dies tun? Laniers einfache Erklärung: Katzen haben es geschafft, das Internet zu erobern und doch ihren eigenen Willen zu behalten. Wir Menschen könnten uns von ihnen eine Scheibe abschneiden. Lanier befürchtet nämlich, dass Facebook und Co. uns zu kontrollierbaren Individuen machen.

20 Minuten hat die zehn Gründe, warum man sich dies nicht gefallen lassen soll, in obiger Bildstrecke zusammengefasst. Wir haben bei einer Influencerin und einem E-Sport-Experten nachgefragt, ob sie ihre Social-Media-Konten löschen würden. Hier ihre Antworten:

Anna Maria


16, Basel, Schülerin
«Ich würde keinen meiner Social-Media-Accounts löschen, da sie mittlerweile Bestandteil meines Lebens sind und ich mich im Moment gar nicht umgewöhnen könnte. Vor allem auf meinen Instagramaccount @Annvmariv könnte ich nicht verzichten. Da habe ich eine ziemlich starke Community, die ich sehr schätze und die mich motiviert. Am ehesten löschen würde ich aber meinen zweiten Insta-Account @Annvmarivlife

Manuel


27, Olten, Mitgründer E-Sport-Agentur
«Einfach so würde ich meine Social-Media-Accounts nicht löschen. Momentan bringen sie mir nämlich mehr Vor- als Nachteile, wie beispielsweise die Pflege meines Netzwerks. Ich glaube aber, dass ich problemlos auf alle verzichten könnte, wenn es sein müsste. Am meisten reuen würde mich aber mein Twitter-Account, dort bin ich am meisten unterwegs. So gut wie nichts ausmachen würde mir das Löschen meines Insta-Profils.»

(vhu)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tobias N. am 02.01.2019 19:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ist so

    Hauptsache viele Freunde auf Ibternetplattformen, viele Likes und viele virtuelle Geburtstagswünsche! Aber in der realen Welt kommt kein Mensch vorbei. Egaaal dafür 100 Likes bei meinem Geburtstagsselfie! Ich bin 26. und ich finde diese Entwicklung der Entfremdung mehr als bedenklich. Auch Online-Computerspiele sind gefährluch wir haben uns wenigstens noch bei jmd. getroffen un Mario Kart zu zocken. Heute jeder für sich...

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  • Dr. Stolte am 02.01.2019 19:45 Report Diesen Beitrag melden

    Gibt es Menschen

    die Social Media noch irgendwie cool finden? Kann ich mir im Jahr 2019 eigentlich nicht mehr vorstellen.

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  • amithy am 02.01.2019 19:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Recht hat er

    vollkommen korrekt... nur können mit diesen Aussagen die Jungen dennoch nicht erreicht werden. Es denkt ja noch jeder = Ich bestimme noch immer selbst was ich will. Ich bin seit 2011 SocialMedia Frei und meine Glücksmomente und Begeisterungsfähigkeit ist enorm gestiegen. Vorallem gibt es bei SmallTalk mit Kollegen wiedermal echte News zu erfahren.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Adrian am 03.01.2019 21:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hab alles Gelöscht !!!!

    Also ich habe seit ein paar Wochem alle meine Social Media Accounts gelöscht (Instagram, Twitter, Snapchat, Facebook und WhatsApp) Ich vermisse gar nichts und fühle mich einfach freier und kann meine Zeit bewusster und sinnvoller nutzen. Ich würd es jedem/er auch empfehlen :)

  • Amadeus99 am 03.01.2019 12:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frei, Frei, Frei!

    Ich habe meine einziges Konto, dass ich auf Facebook hatte vor ca. 6 Jahren gelöscht und bin sehr Froh darüber! Ich bin wieder Frei vom Zwang, ständig auf das Konto zu gehen, was gibt es neues oder alles zu Kommentieren! Zeit die ich besser Investieren kann für Sinnvollere Sachen!

  • Johnny am 03.01.2019 11:24 Report Diesen Beitrag melden

    Krankheit des 21. Jahrhunderts

    Social Media ist nichts weiter als eine neuzeitliche Krankheit. Unternehmerische Zwecke aussen vor gelassen bietet Social Media hauptsächlich Plattformen für narzisstische Selbstdarsteller, die mit ihren Ergüssen das schnelle Geld machen wollen und für sozial Verarmte, die im richtigen Leben keine Kontakte knüpfen (können). Das wahre Leben spielt sich nicht im Netz ab. Traurig, wenn das für viele aber der Fall ist.

  • Jo-Jo am 03.01.2019 06:18 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Social Media

    Hm ich hab gar kein Social Media Account. Wüsste auch nicht wieso. Informiere mich aber immer mehr, was wiederum meiner Bildung gut tut. Dank Internet hab ich sehr viel gelernt und die Hausaufgaben macht es ein Stück weit auch einfacher. Früher musste ich zur Bibliothek, mühsam suchen und doch oft nicht gefunden. Heute reichen ein paar Klicks. Man muss das Zeugs halt nur RICHTIG und intelligent nutzen.

  • Karin am 03.01.2019 06:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht so riguros, bitte

    warum stets so krass, extrem? Es geht doch beides nebeneinander. Ich habe regen Kontakt über whatsapp mit meinen erwachsenen Kinder und Freunden in der Ferne - und habe einen guten Freundeskreis für den persönlichen Austausch um mich.

    • Jenny am 03.01.2019 07:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Karin

      Das dachte ich mir auch. Das ganze wird doch schon sehr dramatisiert. Nur weil man einen Social-Media account hat, heisst das nicht dass jetzt jeder komplett davon gesteuert wird. Es bedarf einen starken Geist, um bei sich zu bleiben und ein wenig intelligenz um das empathiegefühl nicht zu verlieren bzw. aufzubauen. Ich sehe darin mal kein Problem :o

    • Mike am 03.01.2019 11:18 Report Diesen Beitrag melden

      WhatsApp

      ist keine Social Media Plattform, sondern ein Messaging Dienst für closed communities.

    • kurt am 03.01.2019 11:47 Report Diesen Beitrag melden

      @Karin

      Das Problem mit WhatsApp ist das die kompletten Adressbücher jedes Nutzers an das dahinterstehende Unternehmen Facebook übertragen werden. So erhalten die alle Adressdaten, Telefon und E-Mail Adressen. So gelangt Facebook an Daten selbst von Leuten in Deinem Adressbuch die kein WhatsApp haben und die nicht eingewilligt haben das ihre Daten an Facebook übertragen werden. Das ist vielen nicht bewusst. Viele schreiben zudem vertrauliche Details in die Bemerkungsfelder im Adressbuch die ebenfalls übermittelt werden. Kenne z.B. viele die Ihre Passwörter da reinschreiben. Nun hat das alles Facebook.

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