Mitarbeiter mit Macken

27. September 2011 09:29; Akt: 27.09.2011 14:30 Print

Autisten spüren auch die fiesen «Bugs» auf

von Carla Johnson, ap - Menschen mit dem Asperger-Syndrom sind intelligent und äusserst konzentriert. Ein US-Start-up lässt darum Software von Asperger-Autisten testen. Sie finden jeden Programm-Fehler.

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Die Aspiritech-Angestellten Rick Alexander, Katie Levin und Jamie Specht (von links) arbeiten als Software-Tester. (Bild: M. Spencer Green)

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Katie Levin redet ohne Pause, Jamie Specht kann Licht nicht ausstehen und Rick Alexander wird wahnsinnig, wenn er Kollegen um sich hat. Die Belegschaft der Softwaretest-Firma Aspiritech ist mehr als ungewöhnlich - und doch arbeitet sie höchst erfolgreich. Katie, Jamie und Rick haben das Asperger-Syndrom, eine leichte Form des Autismus. Mit ihrem Sozialverhalten ecken sie in vielen anderen Berufen schnell an. Für das Aufspüren von Fehlern in Programmen hingegen sind sie bestens qualifiziert.

Intelligent und fokussiert

Menschen mit dem Asperger-Syndrom sind in der Regel sehr intelligent und zudem fokussiert. Ständige Wiederholung empfinden sie oft nicht als ermüdend, und sie können sich erstaunlich gut an Details erinnern. Auf der anderen Seite sind sie in Gesellschaft meist schüchtern, meiden Blickkontakt und fühlen sich in ungewohnten Situationen schnell überfordert. Das gemeinnützige Unternehmen Aspiritech respektiert die kleinen Marotten und profitiert dafür von den Vorteilen.

Mit Stolz

Die Kunden des in Highland Park bei Chicago ansässigen Softwaretesters sind zufrieden. «Sie haben meine Erwartungen übertroffen», sagt Dan Tedesco von der IT-Firma Handhold Adaptive, die unter anderem Anwendungen für iPhones herstellt. «Ausserdem erledigen sie ihre Arbeit mit einem Stolz, den man in diesem Bereich sonst selten sieht.» Mit dieser Einstellung hat Aspiritech in zwei Jahren bereits neun Unternehmen als feste Abnehmer seiner Dienste gewonnen.

Gegründet wurde Aspiritech von Moshe und Brenda Weitzberg, nachdem deren Sohn Oran mit 32 einen Job als Gemüseverpacker verlor - bei Oran war im Alter von 14 Jahren das Asperger-Syndrom diagnostiziert worden. In einem solch einfachen Job sei er damals gescheitert, sagt die Mutter. «Heute ist er einer der besten Softwaretester in unserem Team.»

Dänisches Vorbild arbeitet für Microsoft und Oracle

Vorbild für die Gründung von Aspiritech war das dänische Unternehmen Specialisterne («Die Spezialisten»), das mit einem Team von Autisten schon für Microsoft und Oracle Aufträge ausgeführt hat. In geringerem Umfang sind Softwaretests unter Einbindung von Autisten auch schon in Belgien, Japan und Israel erfolgreich gewesen. Aspiritech erwartet für das laufende Jahr einen Umsatz von etwa 120 000 Dollar. Im kommenden Jahr wollen die Weitzbergs den Umsatz noch um 50 Prozent steigern.

Viele sind arbeitslos

Genaue Zahlen zur Arbeitslosigkeit unter Autisten liegen nicht vor. Experten sind sich jedoch einig, dass sie hoch sind. «Durch die Begleitung von Hochschulabsolventen wissen wir, dass sie häufig grosse Probleme bei der Arbeitssuche haben», sagt Scott Standifer von der University of Missouri. Eine Studie des US-Bildungsministeriums habe im Jahr 2009 gezeigt, dass der Anteil der Autisten, die Arbeit fänden, noch geringer sei als der von Blinden oder von Menschen mit Lernbehinderungen.

«Ich mag es nicht, neue Leute zu treffen»

Auch Rick Alexander hatte grosse Schwierigkeiten bei der Jobsuche, trotz eines Universitätsabschlusses in Informatik. «Ich habe soziale Hemmungen. Ich mag es nicht, Leute zu treffen, die ich nicht kenne», sagt der 24-Jährige, bei dem das Asperger-Syndrom schon früh erkannt wurde. Wie viele seiner Kollegen wohnt Rick noch bei seinen Eltern, die gelernt haben, wie sie mit ihm umgehen müssen.

Doch auch bei Aspiritech wird auf die besonderen Bedürfnisse des 24-Jährigen Rücksicht genommen. Für einen anständigen Lohn erledigt er eine sinnvolle Arbeit, das Ganze in einer sehr entspannten Atmosphäre. Niemand schimpft, wenn er mal spät dran ist, und jeder hat Verständnis, wenn er mal eine Weile allein sein will. Darüber hinaus bemüht sich das Unternehmen, die Sozialkompetenz seiner Mitarbeiter zu schulen - nicht zuletzt durch gemeinsame Ausflüge etwa zum Minigolf oder ins Bowling-Center.

Für viele der Mitarbeiter werde das Testen von Software wohl keine lebenslange Tätigkeit sein, sagt der bei Aspiritech angestellte Autismus-Spezialist Marc Lazar. «Aber so lange sie hier sind, können sie ihre beruflichen Fertigkeiten stärken, und sie lernen, welche Art von Verhalten in einem Job erwartet wird.»

Staatliche Autismus-Förderung meist für Kinder

Der gewöhnliche Arbeitsmarkt sei kaum darauf ausgelegt, Menschen mit Autismus den Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen, sagt die Autismus-Forscherin Molly Losh von der Northwestern University im US-Staat Illinois. Der Grossteil der staatlichen Gelder im Bereich Autismus fliesse zudem in die Förderung von Kindern. Gerade deswegen sei Aspiritech ein «grossartiges und innovatives Projekt». Bei aller Unterstützung gibt Aspiritech seinen Mitarbeitern zugleich das Gefühl, etwas Sinnvolles und Wichtiges zu tun - denn das Unternehmen ist bei Weitem kein reiner Wohltätigkeitsverein.

Statt ins Ausland

Das Testen von Software ist ein Prozess, den viele IT-Firmen ins Ausland auslagern. Das ebenfalls bei Chicago ansässige Unternehmen ISI Telemanagement Solutions entschied sich für Aspiritech, weil dessen Sitz in der Nähe war und die Preise dennoch wettbewerbsfähig sind. «Sie sind gleich in die Arbeit eingetaucht und haben sie sehr schnell erledigt», sagt Mike Mestemaker, der Leiter der Entwicklungsabteilung des Aspiritech-Kunden. Vor allem mit der Detailgenauigkeit sei er zufrieden gewesen und werde daher schon bald einen zweiten Job in Auftrag geben.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jeremy prescott am 27.09.2011 16:32 Report Diesen Beitrag melden

    Menschen mit Behinderung..

    ..sollte man einen Job geben. Es gibt viele Benachteiligte Personen auf dieser Welt und alle haben ein Recht auf Arbeit (z.B im Hilfswerk). Und wenn solche Menschen zudem Stärken haben, sollten diese gefordert und eingesetzt werden. Bin selbst schwerster Legastheniker und wurde als Kind von Experten unter die Stufe von Forest Gump gesetzt und wenig chance für ein richtiges Leben mit richtigem Job gegeben. Heute habe ich meine Stärke zum Job gemacht; Mathematik&Logik. Ich Programmiere. Journalist zu werden, wäre sinnlos gewesen.

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  • auchhier am 27.09.2011 14:35 Report Diesen Beitrag melden

    überall Potential und Leistung nötig?

    Ich bin selber auch von Asperger betroffen.. u finde es irgendwie schwer, wie das von Aussen betitelt und kommentiert wird. Wie wenn wir Maschinen sind und nur an dem gemessen werden, wo wir der Gesellschaft auch etwas geben können.. od erst dann Beachtung bekommen, wenn wir auch eine 'gute' Arbeit verrichten können. Jeder Autist ist für sich wieder anders, und das zu fördern bedeutet viel mehr Arbeit als sich die Meisten vorstellen. Schön aber wenn es welche schaffen, und sich auch wirklich gut fühlen dabei. Allen viel Glück die das gleiche Los haben

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  • Peter Stampfli am 27.09.2011 12:36 Report Diesen Beitrag melden

    Echt Stark

    Hut ab kann ich da nur sagen solche Firmen sind echt stark. Ich kann mir aber vorstellen das das aber auch firmen auf den Plan ruft die dann ihre mittarbeiter ausbeuten respektive deren Defizit missbrauchen um z.B. den Lohn zu drücken. Ich meine Jemanden mit diesen Qualifikationen der nicht an Autismus leidet wäre sicher sehr sehr teuer.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Plopes am 27.09.2011 19:52 Report Diesen Beitrag melden

    Mensch als "Nutzonjekt"

    Ist das "einzige Interesse der Gesellschaft", ob man Jemand (behindert/geschädigt oder nicht) in der Wirtschaft produktiv einsetzen kann? Ich empfinde das einwenig so, dass ein Mensch soviel "wert, und recht auf leben" hat, wie er leisten kann. Wird jemand aus x-Gründen schwer krank, oder gar stark behindert, so grenzt man diesen aus - in Heime wo er/sie dann vor sich hin leben/leiden bis der tot eintrift. Mensch ist nicht menschlich, und die "Wirtschaft" trägt sehr viel zu dem bei. Ich bin seit 2 Jahren körperlich stark angeschlagen, ich lerne jetzt die IV kennen.. das soll keinem geschehen!

  • Jeremy prescott am 27.09.2011 16:32 Report Diesen Beitrag melden

    Menschen mit Behinderung..

    ..sollte man einen Job geben. Es gibt viele Benachteiligte Personen auf dieser Welt und alle haben ein Recht auf Arbeit (z.B im Hilfswerk). Und wenn solche Menschen zudem Stärken haben, sollten diese gefordert und eingesetzt werden. Bin selbst schwerster Legastheniker und wurde als Kind von Experten unter die Stufe von Forest Gump gesetzt und wenig chance für ein richtiges Leben mit richtigem Job gegeben. Heute habe ich meine Stärke zum Job gemacht; Mathematik&Logik. Ich Programmiere. Journalist zu werden, wäre sinnlos gewesen.

    • Aspergbetroffener am 27.09.2011 16:43 Report Diesen Beitrag melden

      Arbeit kann helfen, aber auch fertig mac

      Das ist schön Jeremy..wenn du dein Umfeld gefunden hast.. wo du auch deinen Job nach deinem Begabungsfeld machen kannst. 'Nur' bis die Menschen mit Behinderung an diesem Punkt angelangt sind, geht meist sehr viel kaputt. Bin überzeugt dass wenn man die richtige Förderung, Massnahmen und auch Verständnis bekommt, gute Chancen hat. Bei mir war es immer so, dass ich überschätzt wurde und permanent fertig gemacht wurde, wenn ich die Resultate nicht erreicht habe. Darum, Arbeit nach Möglichkeiten ist wünschenswert.. wenn das auch 'Menschengerecht' und aufbauend ist. Zweifelsohne grosse Herausforder

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  • Natali am 27.09.2011 16:05 Report Diesen Beitrag melden

    Toll!

    Schön, dass es auf für solche Menschen die Möglichkeit gibt, produktive Mitglieder dieser Gesellschaft zu sein :)

  • Filmfreak am 27.09.2011 15:26 Report Diesen Beitrag melden

    Rain Man

    Tom Cruise geht doch mit Dustin Hofman ins Casino und nutzt seine authistischen Fähigkeiten beim Black Jack zum Kartenzählen.

  • auchhier am 27.09.2011 14:35 Report Diesen Beitrag melden

    überall Potential und Leistung nötig?

    Ich bin selber auch von Asperger betroffen.. u finde es irgendwie schwer, wie das von Aussen betitelt und kommentiert wird. Wie wenn wir Maschinen sind und nur an dem gemessen werden, wo wir der Gesellschaft auch etwas geben können.. od erst dann Beachtung bekommen, wenn wir auch eine 'gute' Arbeit verrichten können. Jeder Autist ist für sich wieder anders, und das zu fördern bedeutet viel mehr Arbeit als sich die Meisten vorstellen. Schön aber wenn es welche schaffen, und sich auch wirklich gut fühlen dabei. Allen viel Glück die das gleiche Los haben

    • Döme am 27.09.2011 17:55 Report Diesen Beitrag melden

      Gute Idee

      Ich finde die Idee trozdem gut. Man soll Autisten nicht in eine Ecke stellen und sage "lebt jetzt da mal ein wenig vor euch hin". Bestimmt hat jeder irgendwo seine stärken und die soll man fördern.

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