Wikileaks

08. April 2010 07:24; Akt: 29.11.2010 11:15 Print

Das lästige Online-Leck

von Peter Blunschi - Mit dem Bagdad-Video hat die Website Wikileaks ihren grössten Coup gelandet. Vor kurzem stand sie vor dem Bankrott, jetzt kündigt sie bereits den nächsten Knüller an.

Das Bagdad-Video in voller Länge. (Quelle: YouTube/Wikileaks)
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Berühmt wurde Wikileaks dank einer Schweizer Bank. Vor zwei Jahren erwirkte die Zürcher Privatbank Julius Bär vor Gericht die Schliessung der Website. Sie hatte Dokumente veröffentlicht, die von einem ehemaligen Angestellten entwendet worden waren und belegen sollten, dass Julius Bär Beihilfe zu Steuerhinterziehung und Geldwäscherei leistet. Zwei Wochen später widerrief der zuständige Richter die Sperre. Er kapitulierte vor der Macht des Faktischen, denn längst hatten sich die Dokumente im Internet weiter verbreitet.

Die Episode verdeutlicht, wie schlecht sich Informationen im Internet kontrollieren lassen. Darauf baut die Website Wikileaks, die vor drei Jahren vom australischen Journalisten und Aktivisten Julian Assange mit Gleichgesinnten und Computerexperten gegründet wurde. Sie hat sich zur wichtigen Anlaufstelle für Whistleblower entwickelt – Informanten, die Missstände über ein Online-«Leck» an die Öffentlichkeit bringen wollen. Sie können Dokumente über einen verschlüsselten Bereich selber hochladen.

Grosse Zahl von Dokumenten

Wikileaks besteht aus einer Kerngruppe von fünf Mitarbeitern, die Vollzeit und ehrenamtlich tätig sind, sowie bis zu 1000 Personen, die als Experten beigezogen werden können. Dank diesen gelang es, das verschlüsselte Video des US-Helikopterangriffs in Bagdad am 12. Juli 2007 zu decodieren. Die Website unterhält einige Dutzend Server in Ländern wie Schweden, Belgien und den USA, die als medienfreundlich gelten. Seit der Gründung hat Wikileaks zahlreiche Dokumente veröffentlicht: Belege für Giftmülldeponien in Afrika, Handbücher für Wachsoldaten in Guantánamo oder auch private E-Mails von Sarah Palin.

Am meisten Beachtung fand bislang die Publikation von einer halben Million Textnachrichten, die am 11. September 2001 verschickt wurden. Das Bagdad-Video aber ist der grösste Coup. «Es ist aussergewöhnlich, dass so etwas ausserhalb der üblichen Informationskanäle geschehen kann», kommentierte Lisa Lynch, Journalismus-Professorin in Montreal, gegenüber der «New York Times». Zuvor hatte die Nachrichtenagentur Reuters zweieinhalb Jahre lang vergeblich versucht, das Video auf legalem Weg zu erhalten.

US-Behörden wollen Wikileaks stoppen

Allerdings ist die Veröffentlichung auch auf Kritik gestossen: Das Video wurde unter dem wertenden Titel «Kollateralmord» aufgeschaltet. Wikileaks hat zudem eine gekürzte, 17-minütige Version publiziert, die nach Ansicht der Kritiker wichtige Elemente verschweigt: Dass an jenem Tag in Bagdad schwere Kämpfe stattfanden, dass einer der getöteten Männer mit einer Granate bewaffnet war. Doch Julian Assange kümmert dies nicht, wie er gegenüber der «New York Times» erklärte: «Wenn ich zwischen den Bezeichnungen Journalist oder Anwalt wählen müssten, dann würde ich mich für den Anwalt entscheiden.»

Die US-Behörden jedenfalls nehmen die Plattform sehr ernst. Im März meldeten Mitglieder auf dem Twitter-Kanal von Wikileaks, dass der Geheimdienst CIA die Veröffentlichung des Bagdad-Videos verhindern wolle. Sie seien beschattet, behindert und gefilmt worden, ein Mitglied wurde angeblich für 22 Stunden festgehalten und sein Computer beschlagnahmt. Mitte März veröffentlichte Wikileaks gleich selbst einen Bericht der US-Spionageabwehr, der die Website als Bedrohung für das US-Militär bezeichnete und die Enttarnung von Informanten zum Ziel erklärte, um andere abzuschrecken.

Chronische Finanznöte

Dies dürfte vorerst gründlich misslungen sein. Den PR-Coup will Wikileaks ausnutzen, um seine chronischen Finanznöte zu beheben. Im Januar musste die Website wegen Geldmangels für kurze Zeit den Betrieb einstellen. Laut eigenen Angaben beträgt das jährliche Budget 600 000 Dollar, wovon in diesem Jahr erst 370 000 Dollar gedeckt seien. Von den traditionellen Medien erhält die Plattform zwar viel Wohlwollen, aber kaum Geld. Immerhin hat ein isländischer TV-Sender vor der Veröffentlichung des Videos zwei Leute nach Bagdad geschickt, um die Hintergründe des tödlichen Luftangriffs zu recherchieren.

Getreu dem Motto «Man soll das Eisen schmieden, so lange es heiss ist» kündigte Wikileaks am Dienstag an, man besitze ein weiteres codiertes Video. Dieses soll einen US-Luftangriff am 7. Mai 2009 in Afghanistan zeigen, bei dem 97 Zivilisten ums Leben kamen. Das Pentagon wollte das Video ursprünglich veröffentlichen, rückte dann aber davon ab. Die Ankündigung verband die Whistleblower-Plattform mit einem Spendenaufruf.

Wikileaks-Gründer Julian Assange nimmt auf Al Dschasira Stellung zum Video: