Neues aus Finnland

02. September 2009 15:06; Akt: 19.09.2009 11:18 Print

Der Gigant erwacht

von Henning Steier, Stuttgart - Ein Netbook, das erste Smartphone mit Linux und neue Musik-Handys: 20 Minuten Online hat sich auf der diesjährigen Hausmesse des Marktführers, der «Nokia World», umgesehen.

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Nokia hat heute wie erwartet sein erstes Netbook namens «Booklet 3G» erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Damit steigen die Finnen allerdings nicht neu in den PC-Markt ein: Vize-Chef Anssi Vanjoki warf in seiner Präsentation einen Blick zurück und erwähnte, dass Nokia bereits in den 80er-Jahren unter dem Namen «MikroMikko» Desktop-Rechner verkauft hatte. «Dieser Bereich war mal viel grösser als unsere Handy-Sparte - das waren noch Zeiten», erinnerte sich Vanjoki, der sich abschliessend kämpferisch gab: Nokia sei wieder in der Offensive, sagte er. Seit längerem gibt es zahlreiche kritische Wirtschaftsmedienberichte , dass Nokia das gewinnträchtige Smartphone-Segment zunehmend Apple und Research in Motion (RIM) überlässt. So schreibt beispielsweise die Financial Times Deutschland: «Jahrelang hat Nokia den Handymarkt nach Belieben beherrscht - und dabei manchen Trend verschlafen.» In der aktuellen Wirtschaftswoche heisst es: «Den Kultgeräten des mobilen Internets hatte Nokia bisher wenig entgegenzusetzen.»

Dabei könnte Nokia wenigstens mit seinem Netbook einen Nerv treffen, denn wie eine aktuelle Studie des US-Marktforschungsunternehmens DisplaySearch ergab, waren im zweiten Quartal 2009 rund 22,2 Prozent aller verkauften Mobil-Computer Netbooks. Im ersten Quartal des Jahres waren es noch 17,8 Prozent gewesen. Im selben Zeitraum fiel naturgemäss der Anteil von Notebooks von 82,2 auf 77,8 Prozent. Ob Nokias Rechner, welcher unter anderem Windows 7, einen mit 1,6 Gigahertz getakteten Atom-Prozessor von Intel und zwölf Stunden Akkulaufzeit bieten soll, die Erwartungen erfüllt, wird demnächst ein Test von 20 Minuten Online zeigen. Zu haben sein wird das Nokia «Booklet 3G» ab dem vierten Quartal für voraussichtlich zwar unter 1000 Franken. Damit landet Nokia aber im oberen Preissegment dieser Rechnerkategorie.

Analysten von Credit Suisse prognostizierten Nokia unlängst für 2010 nur noch 35 Prozent Markanteil. In der zweiten Jahreshälfte 2009 soll er hingegen noch bei rund 40 Prozent liegen. Gegensteuern will Nokia unter anderem mit dem kleinen Bruder des Smartphones «N97», welcher dementsprechend «N97 mini» heisst. Der Abkömmling des «N97», welches von 20 Minuten Online anfangs Juli getestet wurde, hat mit acht Gigabyte deutlich weniger Speicher als sein Vorgänger mit 32 Gigabyte. Das Manko lässt sich aber mit 16 Gigabyte fassenden microSD-Karten einigermassen beheben. Das Smartphone mit aufschiebbarer QWERTZ-Tastatur verfügt über eine 5-Megapixel-Kamera mit Doppel-LED-Blitz. Ausserdem kommt es mit GPS, WLAN, UMTS, HSDPA und Bluetooth. Interessantestes Ausstattungsmerkmal ist aber ein Tool namens «Lifecasting with Ovi», dank dem Nutzer direkt über den Startbildschirm ihren momentanen Standort eingeben können. Er lässt sich überdies mit Fotos und Texten versehen sowie auf Facebook präsentieren. Wann das Ganze auch mit anderen Community-Seiten funktionieren wird, gab Nokia bislang nicht bekannt.

Musik-Handy mit Flatrate

Mit dem Modell «X6» kann sich der Käufer dank Nokias Angebot «Comes with Music» ein Jahr lang alle Songs ohne zusätzliche Kosten aus dem Internet herunterladen. Das Gerät verfügt über ein 3,2 Zoll grosses Touch-Display und 32 Gigabyte internen Speicher. Optisch erinnert es stark an das iPhone. Deutlich günstiger im Einkauf dürfte das «X3» sein, welches auch mit «Comes with Music» zum Kunden und ebenfalls im Laufe des vierten Quartals in den Handel kommen soll. Das Display lässt sich nach oben schieben und über eine herkömmliche Handytastatur bedienen. Dank Stereo-Bluetooth-Schnittstelle kann man den gepeicherten Liedern mit kabellosen Kopfhörern lauschen. Wichtigste Unterschiede sind also Touchscreen und Speichergrösse, denn das «X3» hat nur 64 Megabyte, die sich aber mittels microSD-Karte auf 16 Gigabyte ausbauen lassen.

Ausserdem zeigte Nokia mit dem «N900» sein erstes Smartphone auf Linux-Basis. Es nutzt das Betriebssystem «Maemo 5» und kommt sowohl mit Touchscreen als auch einer seitlich aufschiebbaren Volltastatur zum Kunden. Ausgestattet ist es unter anderem mit HSDPA, WLAN, 5-Megapixel-Kamera, A-GPS und einem 32 Gigabyte fassenden Speicher, den man auf maximal 48 Gigabyte erweitern kann. Sein Browser basiert grösstenteils auf Firefox und soll laut Anssi Vanjoki ein «revolutionäres Surfen» ermöglichen. Im Kurz-Test von 20 Minuten Online war davon nichts zu merken. Auch sonstige, wirklich interessante Funktionen liess das Smartphone vermissen. Ob der erste Eindruck getrogen hat, wird schon bald ein langer Test zeigen.

Enttäuschte Analystin

«Vom «N900» hätte ich ein bisschen mehr erwartet, was Funktionen und Design angeht», bilanzierte auch Carolina Milanesi, Leiterin des Mobilfunk-Analystenteams beim Marktforschungsunternehmen Gartner, im Gespräch mit 20 Minuten Online. Das «X3» fand sie hingegen wie das kleine «N97» deutlich interessanter, weil sie dank ihres niedrigen Preises neue Interessenten anlocken könnten. Nokia hat Musik, Games, Apps im Angebot und nun gehe es darum, sie zusammenzubringen - und das auf möglichst vielen Geräten. Gelingen soll das mit dem «Ovi Store», dem Pendant zum Apple Store. «Nokia-Boss Olli-Pekka Kallasvuo will bis Ende 2011 rund 300 Millionen aktive Nutzer des Angebots haben. Heute sind es knapp fünf Millionen», sagte Milanesi. Das Ziel sei ehrgeizig, aber machbar. Kritischer sah sie hingegen das von Nokia gezeigte Netbook, weil es ihrer Meinung nach zu teuer ist. «Wer so einen Preis bezahlt, den kann man nicht nur mit der Marke locken. Man muss auch exklusive Funktionen bieten wie die Integration von «Comes with Music». Und diese vermisse ich beim «Nokia Booklet 3G» leider», sagte Milanesi. Wie die Analysten von Credit Suisse prognostizierte Milanesi Nokia ab dem kommenden Jahr mit rund 35 etwa fünf Prozent weniger Marktanteil.

Mit dem «5800 Xpress Music» brachte Nokia sein erstes Touchscreen-Handy fast anderthalb Jahre nach Apples iPhone auf den Markt. Es konnte wie das N97 im Test durchaus überzeugen, löste aber keine Begeisterungsstürme aus. Neben der Bedienung gefiel vielen Apple-Kunden der App Store, welcher mit tausenden Gratis-Programmen zahlreiche Möglichkeiten bietet, iPhone und iPod touch zu individualisieren. Nokia hat zwar mit dem «Ovi Store» seit Mai 2009 etwas Vergleichbares, aber nur rund ein Drittel der Tools im Angebot. Jedenfalls nannte Nokia zum Start die Zahl 20 000. Eine exakte Zahl der aktuellen Apps wollte Ovi-Marketingchef Eric John im Gespräch mit 20 Minuten Online nicht nennen, erwähnte aber, dass man pro Woche etwa 500 neue Tools von Entwicklern aus 65 Ländern erhalte. Wie 20 Minuten Online berichtete, bekommt Apple nach eigenen Angaben rund 6500 neue Apps oder Updates pro Woche. Bislang ist das Nokia-Angebot in fünf Sprachen verfügbar. John kündigte drei weitere bis Jahresende an. In einer Disziplin liegt Nokia allerdings vorn. Laut Eric John werden Apps binnen fünf Tagen geprüft. Apple gab an, dass 95 Prozent der Tools binnen 14 Tagen kontrolliert würden.