Cloud Girlfriend

28. März 2011 15:07; Akt: 28.03.2011 18:16 Print

Die perfekte Freundin - oder nur ein Fake?

von Daniel Schurter - Ein US-Start-up verspricht, einsamen Usern eine virtuelle Partnerin zu erschaffen. Mit der Freundin nach Mass liesse sich in sozialen Netzwerken wie Facebook punkten. Der Mitbegründer nimmt Stellung.

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Cloud Girlfriend will die sozialen Netzwerke mit virtuellen Traumfrauen bevölkern. Ist das ein valables Geschäftsmodell, oder nur ein böser Scherz?

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In sozialen Netzwerken tummeln sich nicht nur Verliebte, sondern auch viele einsame Herzen. Allerdings ist das Anbandeln auf Plattformen wie Facebook nicht immer einfach. Und hier kommt ein neues Angebot aus den USA ins Spiel. Die Start-up-Firma Cloud Girlfriend verspricht den Usern, eine virtuelle Freundin zu erschaffen. Und was soll das bringen? Es sei einfacher, eine richtige Freundin zu finden, wenn man bereits eine habe - oder sie zumindest auf Facebook vortäusche und damit die eigene Online-Attraktivität steigere.

Den Weg bis zu einer solchen virtuellen Freundin beschreiben die Betreiber von cloudgirlfriend.com wie folgt:

1. «Bestimmen Sie selbst, wie Ihre perfekte Freundin sein soll.»
2. «Wir erwecken Sie zum Leben.»
3. «Treten Sie mit ihr in Kontakt und interagieren Sie öffentlich mit ihr in den von Ihnen bevorzugten sozialen Netzwerken.»
4. «Geniessen Sie eine öffentliche Fernbeziehung mit Ihrer perfekten Freundin.»

Bislang erfährt man(n) auf der Website allerdings nicht viel mehr als die oben erwähnten Schritte. Das neue Angebot sei weder ein Sex-Chat noch eine pornografische Dienstleitung, schreibt David Fuhriman, einer der Gründer von Cloud Girlfriend, auf der Frage-und-Antwort-Seite quora.com.

Dort wurde die Frage gestellt, ob es sich bei Cloud Girlfriend um einen automatischen Service handle, der (vor allem romantische) Nachrichten auf der Facebook-Seite des Users hinterlasse? Laut Quora-Antwort erlaubt die Website dem User, eine aus seiner Sicht perfekte Freundin zu definieren. Diese virtuelle Freundin werde durch eine richtige Frau - eine Operateurin im Hintergrund - zum Leben erweckt.

Die ungewöhnliche Geschäftsidee scheint auf ein gewaltiges (männliches) Interesse zu stossen. Die Website ist zeitweise nur schwer zu erreichen, die Server sind häufiger überlastet. Wegen der grossen Nachfrage könne nur eine begrenzte Zahl von Usern zugelassen werden, informieren die Betreiber in einem kurzen Statement. Wer sich registrieren will, muss seine E-Mail-Adresse angeben und sich in die virtuelle Warteschlange stellen.

Neue Interessenten anwerben

«Launching soon», heisst es auf der Cloud-Girlfriend-Website. Es soll also in Kürze losgehen. Die Betreiber bieten eiligen Usern aber auch noch eine Möglichkeit, um die Sache zu beschleunigen. So soll man mindestens sieben Freunde einladen und ihnen einen entsprechenden Link schicken über Facebook, Twitter oder per E-Mail. Je mehr Freunde man einlade, umso früher erhalte man Zugang, versprechen die Betreiber. Das tönt verdächtig nach einem unseriösen Angebot. Handelt es sich um einen üblen Scherz? Oder ist es ein geschickter Versuch, an die E-Mail-Adressen von vielen einsamen Männern und potenziellen Kunden zu gelangen, um sie später für andere «Dienstleistungen» zu begeistern?

Tatsache ist: Die Domain cloudgirlfriend.com ist auf eine Adresse in Toronto registriert. Der Name des Besitzers wird geheim gehalten. Der Kontakt zu den Domain-Besitzern ist nur über ein anonymes Formular möglich. 20 Minuten Online hat angefragt und wartet auf Antwort. Unter anderem interessiert die Frage, wie viel der Service kosten soll. Über einen Twitter-Account gibt es dafür einen regen Austauschen mit den Betreibern.

Verstoss gegen Bestimmungen

Sollte es sich bei Cloud Girlfriend um ein ernstgemeintes Start-up handeln, ist ebenfalls Skepsis angebracht. Bekanntlich verlangt Facebook in seinen Nutzungsbedingungen, dass hinter jedem Konto eine reale Person steht. Ob das Social-Media-Unternehmen die Geschäfte eines Drittanbieters mit virtuellen Identitäten akzeptieren würde, muss bezweifelt werden. Allerdings stellt sich auch die Frage, ob Facebook überhaupt in der Lage ist, solche «gefälschten» Profile zu erkennen.

Schliesslich könnten die virtuellen Freundinnen ja nicht nur über Facebook, sondern auch über andere soziale Netzwerke in Erscheinung treten. Vielleicht würde auch eine via Twitter verbreitete Liebeserklärung so manchem einsamen User fürs Erste genügen.

Update 15.35 Uhr: Mitbegründer nimmt Stellung

Mitbegründer David Fuhriman hat 20 Minuten Online eine schriftliche Stellungnahme zukommen lassen. Er hält fest, dass es sich um ein seriöses Projekt handle, das demnächst gestartet werde.

Cloudgirlfriend.com greife auf ein Netzwerk von realen Personen zu, um die virtuellen zwischenmenschlichen Handlungen zu generieren. Es würden dazu keine Bots (automatische Programme) eingesetzt. «Cloud Girlfriend wird die Erfahrungen der Nutzer von sozialen Netzwerken nicht abschwächen, sondern erweitern.» Facebook und Co. würden von den Cloud Girlfriends profitieren, ist Fuhrman überzeugt. Die User würden dadurch noch mehr Zeit in den sozialen Netzwerken verbringen. «Ausserdem wird es auch in Zukunft mehr (Facebook-)Profile von Hunden und Katzen geben als von Cloud Girlfriends.»

Das Social-Proof-Prinzip

Laut David Fuhriman geht es bei Cloud Girlfriend darum, «soziale Bewährheit» (Social Proof) zu vermitteln. Das Social-Proof-Prinzip besagt, dass die Menschen in Situationen, in denen sie entscheiden müssen, was zu tun oder zu glauben ist, sich anschauen, wie sich andere Menschen in dieser Situation verhalten und sich dem anpassen. Wenn also ein Mann auf Facebook Kontakt zu anderen weiblichen Nutzerinnen hat, wirkt sich das positiv aus auf den Eindruck, den er nach aussen - gegenüber anderen Nutzerinnen - vermittelt. Es gehe darum, den Prozess der sozialen Wahrnehmung zu ändern. Sprich: Dank Cloud Girlfriend sollen sich die User attraktiver präsentieren.

Fuhrimann gibt sich überzeugt, dass die Nutzung von Cloud Girlfriend einen therapeutischen Effekt habe. Die Site könne menschliche Bedürfnisse wie Freundschaft und Intimität erfüllen - dies wiederum stärke das Selbstvertrauen der User. Cloud Girlfriend sei durchaus in der Lage, solche höheren menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Selbst dann, wenn sich der User vollkommen bewusst sei, dass es sich um künstliche Interaktionen handle. In der Tat stehe der User ja in Kontakt mit einer richtigen Person und tausche sich mit ihr übers Internet aus. Dies sei auch ein gutes Training für zukünftige Beziehungen.

Zu konkreten Fragen von 20 Minuten Online blieb Fuhrimann eine Antwort schuldig. So ist weiterhin nicht bekannt, wie der Dienst finanziert wird beziehungsweise was eine virtuelle Freundin kosten soll.