Netflix kommt

22. Mai 2014 18:17; Akt: 23.05.2014 08:39 Print

Droht der Schweiz das Zwei-Klassen-Internet?

von Philipp Stirnemann - Der Verein Digitale Allmend befürchtet, dass die Zugangsprovider Swisscom und UPC Cablecom wegen Netflix die Netzneutralität aufgeben werden.

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Der Verein Digitale Allmend sieht durch den Start von Netflix in der Schweiz die Netzneutralität in Gefahr. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

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Die Schweiz freut sich auf den Start des Video-on-Demand-Portals Netflix. Doch bereits melden sich erste kritische Stimmen hinsichtlich der Lancierung des neuen Dienstes. Für Andreas Von Gunten, Präsident des Vereins Digitale Allmend (siehe Info-Box), ist die Ankündigung zwar «eine gute Nachricht», wie er in einem Blog-Post schreibt. Allerdings befürchtet er, dass die beiden grossen Zugangsprovider Swisscom und UPC Cablecom, die über ihre Digital-TV-Boxen ebenfalls Video-on-Demand-Dienste (VoD) anbieten, den Netflix-Daten weniger Bandbreite zur Verfügung stellen könnten. Damit würden sie für ihre eigenen Produkte eine bessere Service-Qualität als für Netflix «organisieren», somit den Wettbewerb verzerren und die Netzneutralität in der Schweiz aufgeben.

Happige Vorwürfe von Seiten des Piraten-Parteimitglieds Von Gunten. Zwar liegen ihm keine konkreten Beweise zur Erhärtung seiner These vor, doch fordert er, «dass die Zugangsprovider für Transparenz sorgen». Swisscom und UPC Cablecom sollten öffentlich und verbindlich deklarieren, ob und welche Dienste im Netz bevorzugt beziehungsweise diskriminiert würden.

Ökonomische Diskriminierung

Bereits heute verstosse beispielsweise die Swisscom gegen die Netzneutralität, so Von Gunten. Die Daten, die ein Swisscom-Internet-Mobile-Kunde bei der Nutzung von Zattoo, Wilmaa oder Teleboy beziehe, würden seinem Datenvolumen abgezogen, «während dies beim hauseigenen Swisscom-TV-Air nicht der Fall ist». Dieses Vorgehen komme einer ökonomischen Diskriminierung gleich. Für Von Gunten ist klar: «Die grossen Provider wollen ein System aufbauen, in dem sie nicht nur den Zugang anbieten, sondern entscheiden, welche Inhalte wir nutzen können.»

Diesen Vorwürfen begegnet Sepp Huber von Swisscom relativ gelassen. Es sei «unbestritten, dass in der Schweiz aktuell keine Internetdienste blockiert oder verlangsamt werden». Sollte es doch einmal zu Missbräuchen kommen, «könnte bereits heute die Wettbewerbskommission intervenieren und ein missbräuchliches Verhalten untersagen», sagt der Leiter des Swisscom-Mediendienstes.

«Netzneutralität ist in der Schweiz nicht geschützt»

Für Andreas Von Gunten stehen Bundesrat und Parlament dennoch in der Pflicht. Sie müssten so schnell wie möglich sicherstellen, «dass wir in der Schweiz nicht klammheimlich ein Zwei-Klassen-Internet aufbauen». In der Tat ist die Netzneutralität in der Schweiz nicht geschützt. Dies bestätigt Jens Kaessner, beim Bundesamt für Kommunikation (Bakom) zuständig für Netzneutralität, auf Anfrage von 20 Minuten. Allerdings werde der Bundesrat das Thema bei der nächsten Revision des Fernmeldegesetzes prüfen, so der Rechtsanwalt.

Für Christian Wasserfallen, FDP-Nationalrat und Co-Präsident der Parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit, (Parldigi) «wird die Schweiz in Zukunft nur erfolgreich sein, wenn ‹unser› Netz möglichst frei ist und es dort möglichst viele Angebote gibt». Für ihn bedarf es zur Wahrung der Netzneutralität keines neuen Gesetzes, doch «müsste man im Fernmeldegesetz eine leichte Anpassung machen». Wann diese Anpassung allerdings, trotz Prüfung bei der nächsten Revision, in die Tat umgesetzt wird, ist unklar. «Einen Fahrplan dafür gibt es zurzeit nicht», erklärt Jens Kaessner vom Bakom. Eine Motion von Nationalrat Balthasar Glättli (GPS) zur gesetzlichen Verankerung der Netzneutralität im Rahmen der Teilrevision des Fernmeldegesetzes (FMG) soll gemäss Andreas Von Gunten «voraussichtlich in der Sommersession dieses Jahres im Nationalrat zur Abstimmung kommen». Der Bundesrat selber will die FMG-Revision gemäss eigenen Angaben noch in dieser Legislaturperiode anpacken. Von Gunten erscheint es aber unwahrscheinlich, «dass diese noch vor Ende 2015 zum Abschluss kommt».

Cablecom als Netflix-Anbieter?

Für Cablecom-Mediensprecher Andreas Werz ist der Markteintritt von Netflix eher Chance denn Gefahr. Für UPC Cablecom «setzt Netflix und andere Unternehmen in diesem Bereich vor allem den traditionellen Bezahlfernseh-Anbietern wie Teleclub zu». Überdies würde sich UPC Cablecom «strikt an das Prinzip der Netzneutralität halten». Zudem unterscheide man sich klar gegenüber dem Angebot von Netflix. Während der neue Konkurrent «vor allem ältere Filme anbietet», zeige Cablecom vor allem aktuelle Blockbuster, «welche bis vor Kurzem im Kino liefen». Dementsprechend gibt sich das Unternehmen mit der Entwicklung der eigenen VoD-Plattform zufrieden.

Gegenwärtig sei man zwar mit dem eigenen Video-on-Demand-Geschäftsmodell zufrieden, beobachte aber die Entwicklungen in den Märkten und schätze die damit verbundenen Möglichkeiten laufend ab. So schliesst der UPC-Mediensprecher denn auch nicht aus, am Geschäftsmodell «in Zukunft Änderungen vorzunehmen».

So vielversprechend der Markteintritt von Netflix auch scheinen mag, die Filmindustrie dürfte gemäss Andreas Von Gunten auch dem amerikanischen Unternehmen keine Lizenzen geben, «die die Bedürfnisse der Schweizer Film- und Serienfans befriedigen». Dass Serien künftig gleichzeitig wie in den USA gelauncht würden, schliesst der Präsident des Vereins Digitale Allmend aus.

Damit wäre zumindest die unmittelbare Gefahr eines aufkommenden Zwei-Klassen-Internets wenn nicht gebannt, so aber immerhin weniger akut als zunächst befürchtet.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • A.H. am 22.05.2014 18:40 Report Diesen Beitrag melden

    Internet ist heilig!

    Das Internet muss geschützt werden! Es sollten schon lange Gesetze für Netzneutralität und Zensurverbot geben. Kein Konzern, keine Regierung und keine Institution darf das heutige Internet verändern!

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  • Daniel am 22.05.2014 19:02 Report Diesen Beitrag melden

    Internet in die Verfassung

    Die Netzneutralität gehört in die Verfassung, ebenso wie der garantierte anonyme Austausch von Informationen im Internet.

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  • John Doe am 23.05.2014 09:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hinterwäldler

    In der schönen und idyllischen Schweiz diskutiert man immernoch über Dinge die woanders schon seit Jahren standart sind! Von den Abzockerpreisen ganz zu schweigen! Monopolisten!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Markus Meier am 24.05.2014 16:04 Report Diesen Beitrag melden

    QOS ist der Name

    Netzneutralität? Die gab es nie! Wer bezahlt, der hat auch mehr Bandbreite, Verfügbarkeit und Übertragungssicherheit. Kurzum QOS (Quality Of Service) macht das möglich!

  • Tobi am 23.05.2014 19:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte nicht

    Wen die Netzneutralität stirbt dann stirbt auch die Welt mit ihr!

  • 1d1ot am 23.05.2014 11:11 Report Diesen Beitrag melden

    Hab den Artikel nicht fertig gelesen.

    Habe mich bereits daran gestossen: "Die Daten, die ein Swisscom-Internet-Mobile-Kunde bei der Nutzung von Zattoo, Wilmaa oder Teleboy beziehe, würden seinem Datenvolumen abgezogen" Wo ist das Problem? Wenn jemand nicht Flat hat, hat er halt Volumen, und wenn er andere dienste nutzt dann zulasten seines Volumens. Unfair wäre wenn SwisscomTV auch auf dem Volumen zubuche schlägt was es ja nicht macht!?

    • 1337 am 23.05.2014 13:35 Report Diesen Beitrag melden

      Naja

      Ob das wirklich unfair wäre... Die Vertragsbedingungen sind ja bekannt. Logischerweise wird das eigene System bevorzugt behandelt, da es eben das Eigene ist. Werbeeinnahmen usw. kommen u.a. für den "Gratistraffic" auf.

    • MrGold am 24.05.2014 17:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Zattoo

      Ich bin bei Orange und kann auf Zattoo TV zugreifen ohne einen Datenvolumenverlust.

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  • John Doe am 23.05.2014 09:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hinterwäldler

    In der schönen und idyllischen Schweiz diskutiert man immernoch über Dinge die woanders schon seit Jahren standart sind! Von den Abzockerpreisen ganz zu schweigen! Monopolisten!

    • vanille am 23.05.2014 18:46 Report Diesen Beitrag melden

      harter Filz

      hab ich Monopolisten gehört? "Chräärngsungs Ungernäme" sagen dem die Swisscom-Berner... Der Markt wurde vordergründig frei, aber der Monopolist hatte eine unvergleichliche Startposition (Netz, Adressen usw.) und nützt das wie ein Privater aus. Letzlich sind das ja verdeckte Steuern, Swisscom gehört grossteils dem Bund, das gibt schöne VR-Posten für Politiker, die schauen dann dass keine gefährliche Konkurrenz aufkommen kann.

    • Marc am 24.05.2014 08:38 Report Diesen Beitrag melden

      Möchtegern Vorderwäldler

      Hast du eine Ahnung. Das Zweiklasseninternet droht im Rest der Welt genauso wie in der Schweiz.

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  • kurt am 23.05.2014 08:39 Report Diesen Beitrag melden

    cablecom *lol*

    jaja, upc cablecom die es im jahr 2014 immer noch nicht schaffen teleclub in HD anzubieten. traurig aber wahr. und das es teleclub bei swisscom in HD gibt zeigt doch deutlich wie da mit geld dinge ermöglicht und anderen verunmöglicht werden. geld regiert - auch hier. und die netzneutralität wird fallen, ist nur eine frage der zeit. was die zwei grossen player in CH auch jetzt im stakatto raushauen - schon morgen kräht da kein hahn mehr nach. sobald die umsätze der mehrwertdienste schwinden wird der hahn zugedreht.

    • Hans Nötig am 23.05.2014 09:38 Report Diesen Beitrag melden

      Markt Beherschung

      Die Swisscom hat verträge mit Teleclub damit diese ihre HD-Sender nur bei Swisscom anbieten. Der rest der Anbieter wie Cablecom wird mit dem Standard angebot abgespiesen. Somit kann UPC nicht Teleclub HD anbieten.

    • Vendetta am 23.05.2014 09:39 Report Diesen Beitrag melden

      Monopol

      Dass Cablecom kein Teleclub in HD anbieten kann liegt nur an Cinetrade (Hauptaktionär von Teleclub), an der Swisscom beteiligt ist. Die Konditionen sind derart schlecht (teuer), dass es sich nicht rentieren kann. Diesbezüglich ist auch eine Klage von Cablecom gegen Cinetrade hängig.

    • tutnixzurdache am 23.05.2014 11:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      teleclub

      nur so nebenbei....teleclub gehört bereits swisscom...

    • Reto Krucker am 23.05.2014 11:17 Report Diesen Beitrag melden

      blame Swisscom

      Was wohl eher daran liegt, dass Teleclub der Swisscom gehört und die nicht wollen, dass Cablecom Teleclub in HD anbieten kann. Technisch wäre Cablecom dazu in der Lage.

    • Sam Sam am 23.05.2014 13:12 Report Diesen Beitrag melden

      Teleclub *lol*

      Wer braucht diesen Sender, wenn man 250Mbit/s hat. Da stream ich übers Internet alles in HD. Solange es noch in der Schweiz legal ist.

    • Andy am 24.05.2014 13:03 Report Diesen Beitrag melden

      Tja Sam Sam..

      Wie im Bericht zu lesen ist, ist die Frage nur wie lange Du das noch ungehindert machen kannst ;-)

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