Web 2.0 im Höhenflug

28. Februar 2011 16:27; Akt: 28.02.2011 17:17 Print

Droht jetzt eine zweite Dotcom-Blase?

von Oliver Wietlisbach - Facebook, Twitter und Co. werden mit Milliarden bewertet und streben an die Börse. Das erinnert an die Internet-Krise vor genau zehn Jahren.

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Web 2.0-Unternehmen sind bei Investoren heiss begehrt. Ohne Gewinne steht ihnen das Wasser aber bald bis zum Hals (Microsoft CEO Steve Ballmer).

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Nach der weltweiten Finanzkrise haben die Investoren ihre Kriegskassen wieder prall gefüllt. Im Fokus stehen, wie vor der ersten Dotcom-Blase vor genau einer Dekade, die Überflieger der Internet-Branche: Allen voran Facebook, Twitter, Groupon, Zynga und wie sie alle heissen. Die Jungstars der Web-2.0-Branche streben an die Börse, um sich frisches Kapital für weiteres Wachstum zu sichern.

Facebook ist derzeit im Mittelpunkt der Gewinnphantasien der Anleger. Sharepost, eine Online-Marktplattform für Privatanleger, bewertet Facebook mit 40,7 Milliarden Dollar. Und auch Online-Spiele-Entwickler Zynga mit 5,4 Milliarden Dollar und das Geschäftsnetzwerk LinkedIn mit zwei Milliarden Dollar werden von Sharepost hoch bewertet. Das erinnert frappant an die Anfänge der Dotcom-Krise um die Jahrtausendwende. Und wie damals veranstalten Grossinvestoren ein Wettrennen um Anteile an den heiss gehandelten Start-ups.

Jagd auf Web-2.0-Firmen

Heute wurde bekannt, dass die US-Bank JP Morgan Grossaktionär beim Kurznachrichtendienst Twitter wird. Anscheinend hat die Bank 450 Millionen Dollar gesammelt und sichert ihren Investoren damit zehn Prozent von Twitter. Damit wäre der Microblog mit vier Milliarden Dollar bewertet, wie das Handelsblatt schreibt. Laut Financial Times finanziert JP Morgan die Twitter-Beteiligung aus ihrer 1,22 Milliarden schweren Schatulle für Internet-Beteiligungen. Weitere rund 400 Millionen Dollar möchte JP Morgan in ein anderes Web-Unternehmen stecken – die Financial Times spekuliert, dass es sich um den Online-Spiele-Entwickler Zynga oder den Internet-Telefonie-Anbieter Skype handeln könnte.

Viel Risiko

Investitionen dieser Grössenordnung in gerade Mal vier Jahre alten Start-ups wie Zynga oder Twitter zeigen, dass Anleger wieder an riskanten Geschäften interessiert sind. Mit solchen Milliarden-Deals werden indes auch Sorgen um eine zweite Dotcom-Krise genährt, zumal Twitter bis vor Kurzem keinen Franken Gewinn erzielt hat. Bis heute hat Twitter in mehreren Tranchen insgesamt 360 Millionen Dollar von Risikokapitalgebern erhalten. Umgerechnet auf seine vier Lebensjahre verbraucht das amerikanische Startup-Unternehmen damit täglich stolze 333 000 Dollar. Trotz steigender Nutzerzahlen und des enormen Hypes tat sich Twitter lange schwer, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu finden. Eine Überladung mit Werbung lehnte Twitter von Anfang an ab, aus Angst, die Nutzer zu vergraulen.

Hohe Kosten und bis dato teils bescheidene Gewinne mögen die Investoren nicht zu erschüttern. In der Branche wird wild über baldige Börsengänge der Web-2.0-Stars spekuliert. Bei Twitters grossem Bruder, Facebook, gilt ein Börsengang bereits als sicher, und Schnäppchen-Anbieter Groupon denkt nach eigenen Angaben ebenfalls darüber nach.

Einen Schritt weiter sind die rasant wachsenden sozialen Netzwerke Xing und LinkedIn. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres verdoppelte LinkedIn seinen Umsatz auf 161 Millionen Dollar und verdiente zehn Millionen Dollar. Der Börsengang steht kurz bevor und soll bis zu 175 Millionen in die Kassen spülen. Konkurrent Xing ist schon seit Dezember 2006 an der Börse. Nach einer Berg- und Talfahrt hat sich die Aktie von 30 auf aktuell 40 Euro verteuert.


Noch keine Blase

Für Alarmstimmung ist es gemäss Finanzanalysten noch zu früh. Zwar sind Firmen wie Facebook, Twitter und Groupon ausserordentlich hoch bewertet, da sie aber (noch) nicht an der Börse gehandelt werden, können ihre Kurse bei Problemen nicht ins Bodenlose stürzen und andere Firmen mitreissen.

Im Unterschied zur ersten Dotcom-Blase ist das Interesse an der Internet-Branche diesmal auch weit weniger breit gestreut. Momentan beschränkt sich der Hype auf wenige Marktleader, die tatsächlich Gewinne erzielen. Facebook und Zynga dürften letztes Jahr rund 400 Millionen Dollar Gewinn erzielt haben, schreibt das Wall Street Journal. Es bleibt allerdings die Frage im Raum, wie nachhaltig das rasche Wachstum der Web-2.0-Firmen ist. Können die Stars der Branche ihre Finanzspritzen nicht rechtfertigen, ist zumindest eine Dotcom-Blase-Light nicht auszuschliessen.

Wettrennen der Investoren

Mit dem Twitter-Deal wandelt JP Morgan auf den Spuren einer anderen US-Grossbank. Im Januar 2011 wurde bekannt, dass Goldman Sachs 450 Millionen Dollar in Facebook investiert hat. Da Facebook noch nicht an der Börse ist, investieren vor allem Grossunternehmen in das grösste Soziale Netzwerk. Nebst Mark Zuckerberg, der rund einen Viertel von Facebook besitzt, zählen Microsoft und vor allem die russische Investmentfirma Digital Sky Technologies (DST) mit knapp sieben Prozent zu den grössten Inhabern.

DST gehört drei russischen Milliardären und nahm im November 2010 beim Börsengang fast eine Milliarde Dollar ein. Neben ihrer Beteiligung von etwa zehn Prozent an Zuckerbergs Facebook sowie am «russischen Facebook» vkontakte.ru, gehören DST rund 1,5 Prozent an Zynga und fünf Prozent am rasant wachsenden Schnäppchen-Portal Groupon.

An Zynga ist mit Google ein weiteres prominentes Internet-Unternehmen beteiligt. Im Juni 2010 investierte der Suchmaschinen-Titan zwischen 100 und 200 Millionen US-Dollar in den Online-Spiele-Entwickler. Weitere 147 Millionen Dollar erhielt Zynga von der japanischen Softbank Corp. Vor zwei Wochen wurde zudem bekannt, dass Zynga eine weitere Kapitalerhöhung von 250 Millionen Dollar plant. Der Wert des erst vier Jahre alten Unternehmens läge dann bei sieben bis neun Milliarden Dollar.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mike am 28.02.2011 17:49 Report Diesen Beitrag melden

    Hochmut kommt vor dem Fall

    Die Talfahrt kommt meist viel schneller als erwartet. Ein gutes Beispiel dafür ist myspace. Noch vor einigen Monaten ein Flaggschiff bei den sogenannten Communities im Web, steht myspace heute sogut wie vor dem aus (1/2 der Mitarbeiter wurden bereits entlassen). Wer ein Start-Up-Unternehmen wie Facebook mit über 40 Mia. bewertet, gehört eingesperrt! Das hat rein gar nichts mit der Realität zu tun!

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  • sebastian am 28.02.2011 17:25 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur Facebook, auch die kleinen

    Da hat man wirklich nichts gelernt. Bei Facebook kenne ich die genauen Zahlen nicht, schätzt man den Gewinn aber konservativ ab, kommt man auf ein KGV von ungefähr 30 (vielleicht ist es auch noch mehr, ich lasse mich gerne korrigieren), also 2-3 fach zu hoch bewertet. Noch schlimmer sieht es meiner Meinung nach bei Asos aus, da ist das p/e-ration ungefähr bei 70-80, also 7 bis 5 Mal über dem Branchendurchschnitt. Ich freu mich schon aufs shorten...

  • Sven am 28.02.2011 17:59 Report Diesen Beitrag melden

    Blase nur Vorwort der Realität

    Wenn Twitter und Facebook fast je USD 50 Milliarden wert sein sollen, dann bitte um Erklärung !!! Ich kenne viele Firmen, welche unter USD 1 Milliarde sind, aber Wertschöpfung betreiben. Goldman Sachs bzw. JP Morgan haben nur die Absicht, die Medienkontrolle zu bewirken. Wahnsinn !!!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ichmuss es ja wissen am 02.03.2011 14:55 Report Diesen Beitrag melden

    Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei!

    Es ist ja wohl Klar. Nachdem die Revolution stattgefunden hat kann und wird facebook zur Randnotiz denn schlussendlich zählen die eigenen Bloggs und Internetseiten. Ich meine, fast jeder Zweite wird im facebook für sein eigenes Ding. Also logisch oder?

  • Dude am 28.02.2011 22:13 Report Diesen Beitrag melden

    Hoffnungslos

    Solange es Herdentiere mit Gruppenneurose gibt, welche sich am besten noch auf Facebook gegen Kapitalismus vereinen und nebenbei Farmville spielen, ist ohnehin Hopfen und Malz verloren. Aber ist natürlich praktisch mit ein paar Klicks, kann man sein schlechtes Gewissen beruhigen und das Gefühl haben etwas verändert zu haben, weil man jetzt Gruppe xy beigetreten ist. :-D FB ist die ideale Plattform um gegen staatl. Überwachung/Kontrolle zu wettern, oder ein Geschrei wegen ein paar Fichen zu veranstalten. ;-)

    • MK am 01.03.2011 17:55 Report Diesen Beitrag melden

      Zusammenhang wie Vorhang

      Hier mag wohl jemand Facebook nicht aber was hat das genau mit dem Börsengang zu tun?

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  • Christian am 28.02.2011 20:36 Report Diesen Beitrag melden

    Milliarden-Abzockerei darf die Schweiz

    nicht mehr unterstützen. Die Finanzkrise lässt grüssen.

  • Sven am 28.02.2011 17:59 Report Diesen Beitrag melden

    Blase nur Vorwort der Realität

    Wenn Twitter und Facebook fast je USD 50 Milliarden wert sein sollen, dann bitte um Erklärung !!! Ich kenne viele Firmen, welche unter USD 1 Milliarde sind, aber Wertschöpfung betreiben. Goldman Sachs bzw. JP Morgan haben nur die Absicht, die Medienkontrolle zu bewirken. Wahnsinn !!!!

  • DaBi am 28.02.2011 17:49 Report Diesen Beitrag melden

    Ben Bernanke sei Dank...

    Sein haufenweise frisch gedruckten Dollars müssen ja irgendwo investiert werden. Wir werden in den nächsten Jahren nicht nur eine Blase erleben. Da könnt ihr sicher sein.....