Von Google geschluckt

07. August 2012 07:24; Akt: 07.08.2012 13:29 Print

Ein Schweizer erobert das Silicon Valley

von Manuel Bühlmann - Der ehemalige Schweizer Snowboard-Profi Alain Chuard hat vor vier Jahren ein Start-up gegründet und es vergangene Woche an Google verkauft. Geschätzter Preis: 250 Millionen US-Dollar.

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Der Schweizer Alain Chuard gemeinsam mit seiner Lebens- und Geschäftspartnerin Victoria Ransom. (Bild: zvg)

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Alain Chuard (38) aus Bolligen bei Bern hat geschafft, was man gemeinhin unter dem amerikanischen Traum versteht. Vor vier Jahren gründete er im Silicon Valley gemeinsam mit seiner neuseeländischen Lebenspartnerin Victoria Ransom (35) das Marketing-Start-up Wildfire Interactive. Wildfire bietet eine Software an, die Unternehmen dabei hilft, ihre Social-Marketing-Aktivitäten auf Netzwerken wie Facebook, LinkedIn, Twitter, YouTube, Google+ und Pinterest zu verwalten. Vergangene Woche wurde bekannt, dass der Internetriese Google das Start-up für geschätzte 250 Millionen US-Dollar übernommen hat.

Sie haben Ihr Baby an Google verkauft. Wie fühlen Sie sich?
Alain Chuard: Es fühlt sich grossartig an. Google ist ein tolles Unternehmen und das perfekte neue Zuhause für Wildfire. Die zwei Unternehmenskulturen passen sehr gut zusammen und Google bietet die richtige Umgebung, um Wildfire auf den nächsten Level zu heben. Auch die Reaktionen meiner Mitarbeiter haben bestätigt, dass wir mit dem Verkauf den richtigen Entscheid gefällt haben.

Wildfire beschäftigt fast 400 Mitarbeiter. Werden sie alle weiterhin für Google arbeiten?
Fragen zu Anstellungsverhältnissen können wir nicht beantworten.

Was ist im Silicon Valley anders als in der Schweiz?
Die Bereitschaft, ein Unternehmen zu gründen ist im Silicon Valley viel grösser. Auch wenn es in der Schweiz viele sehr intelligente und gut ausgebildete Leute hat, kenne ich nur wenige, die ihre eigene Firma gründen. Im Silicon Valley ist das anders. Hier hat man schnell Zugang zu sehr talentierten Leuten, sowie zu finanzstarken Investoren. Dieses einzigartige Ökosystem beschleunigt einfach alles. Es ist sehr schwer, dies woanders zu reproduzieren. Es gibt mit Swissnex eine sehr gute Organisation, die Schweizer Start-ups dabei hilft, im Ausland Fuss zu fassen. Sie haben Niederlassungen in San Francisco, Boston und Asien und bringen mit Hilfe ihres Netzwerkes rund um den Globus die richtigen Leute zusammen. Ich hatte mehrmals mit ihnen Kontakt und bin der Meinung, dass ihre Hilfe sehr wertvoll ist.

Haben Sie das Unternehmertum im Blut?
Ich wollte immer Unternehmer werden. Mein Vater und mein Onkel waren erfolgreiche Unternehmer in der Schweiz. Ich wuchs also in einem familiären Umfeld auf, in dem ich das Führen von Unternehmen durch Höhen und Tiefen hautnah miterleben konnte. Das hat mich immer fasziniert und auch inspiriert.

Wo haben Sie sich die Sporen abverdient?
Einer meiner Uni-Professoren hatte mir geraten, einige Jahre an der Wall Street zu arbeiten. Diesen Ratschlag habe ich befolgt und dabei miterlebt, wie die Dotcom-Blase anfangs boomte und schlussendlich platzte. Das war eine spannende und lehrreiche Zeit. Nach zwei Jahren an der Wall Street machte sich aber sowohl bei mir als auch bei Victoria eine gewisse Frustration bemerkbar und wir suchten nach einer neuen Herausforderung.

Was haben Sie gemacht?
Wir fragten uns, was wir am liebsten machen. Die Antwort war schnell gefunden: Reisen und Sport. Also sind wir in Victorias Heimat nach Neuseeland ausgewandert und haben mit Access Trips ein Reisebüro gegründet, das sich auf Abenteuer-Trips rund um den Globus spezialisiert hat. Wir gingen die Sache ziemlich naiv an, haben es aber trotzdem geschafft, rund 35 Adventure-Trips anbieten zu können. Es war eine grossartige und lehrreiche Erfahrung.

Wie kam die Idee zu Wildfire?
Ohne Access Trips hätten wir Wildfire nicht gegründet. Wir suchten nach einem brauchbaren Reservierungstool für unser Reisebüro und haben nichts Passendes gefunden. Also haben wir entschieden, selber eine geeignete Software zu lancieren. Wir stellten einen Entwickler an und schilderten ihm unsere Ideen. Drei Monate später kam er zurück und präsentierte uns ein Tool, das so gar nicht unseren Vorstellungen entsprach. Wir lernten auf die harte Tour, wie Software-Entwicklung nicht gemacht werden sollte – und waren um eine wichtige Erfahrung reicher. Ein paar Jahre später reisten Victoria und ich zurück in die USA. Wir wollten unsere Ausbildung vertiefen, um mehr über die erfolgreiche Unternehmensführung zu lernen. Wir schrieben uns beide für ein MBA ein, Victoria in Harvard und ich in Stanford.

Was sind Ihre Pläne? Werden Sie nun die Füsse hochlegen und nach Hawaii surfen gehen?
Wir haben nicht vor, unser privates oder berufliches Leben gross zu verändern. Wildfire wollen wir gemeinsam mit Google weiter vorantreiben. Ich wohne immer noch gemeinsam mit Victoria in einem Mietshaus. Ich glaube, dass sie weiterhin ihren Honda Civic fahren wird. Ich leiste mir eventuell ein neues Snowboard. Wir beide lieben es zu reisen und werden vielleicht im Herbst in die Ferien fahren, ohne E-Mail und Handy. Im Winter geht es dann ab auf die Piste. Sehr gerne würden wir in Zukunft etwas Gemeinnütziges auf die Beine stellen. Konkrete Pläne gibt es allerdings noch nicht, zuerst konzentrieren wir uns weiterhin auf das Geschäft.

Wie haben Sie Ihre Lebens- und Geschäftspartnerin kennengelernt?
Das war im Dezember 1999. Wir haben uns am Macalester College in Minnesota beim Lernen in der Bibliothek kennengelernt. Ich hab sie angesprochen und gefragt, ob sie mit mir Snowboarden kommen wolle, ich war früher ein Profi-Snowboarder. Victoria studierte Psychologie und mir fiel sofort ihre faszinierende Ausstrahlung auf.

Wann haben Sie die Schweiz verlassen?
Ich verliess die Schweiz im Alter von 20 Jahren, nachdem ich die Matur abgeschlossen hatte. Zwei Jahre lang war ich auf der ganzen Welt als Profisnowboarder unterwegs. Dabei realisierte ich, dass es viel mehr auf der Welt gibt als nur die Schweiz.

Planen Sie eines Tages wieder in der Schweiz zu leben?
Ich liebe die Schweiz und werde immer wieder zurückkehren, um meine Familie und meine Freunde zu besuchen. Meine Eltern würden es wohl auch begrüssen, wenn ich wieder in der Schweiz leben würde. Aber bis auf Weiteres bleibe ich im Silicon Valley. Vor 10 bis 15 Jahren hätte ich aber nie gedacht, dass ich hier eines Tages ein Start-up gründen würde. Sag also niemals nie.

Reaktion der Mitarbeiter auf die Übernahme:

Inside Wildfire Interactive:

Das Interview mit Alain Chuard wurde schriftlich geführt.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Das Silicon Valley darf nicht als Referenz für ein Stimulierendes Unternehmensumfeld herangezogen werden! Es geht nämlich nur nebensächlich um Technolgie, der Haupttreiber ist das Kapitalgeschäft mit einer immer grösser werdenden Audienz, welche die Aktien am Ende einkauft. Diese Audienz wird gepusht mit Twitter, Erfolgsnachrichten wie die von Alain, die ziehen Heerscharen von jungen Leuten ins Valley, welche zu miserablen Bedingungen arbeiten. Das Ökosystem funktioniert in sich. Gewinner sind VC-Gesellschaften. Verlierer sind die, welche die Aktien am Ende kaufen. – Chrigel

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • hupii am 07.08.2012 16:20 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Der hats geschafft.

  • Hannes der kann es... am 07.08.2012 08:40 Report Diesen Beitrag melden

    cool!

    Congratulation!!

  • Steve Meyer am 07.08.2012 09:04 Report Diesen Beitrag melden

    Amerikanische Reaktion?

    Ich sehe im Film nur ein paar Bilder wechseln und Amerikaner die klatschen wie blöd. Und dieses Interview wurde schriftlich geführt? Schrftliches applaudieren? Falscher Film?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • B. K. am 08.08.2012 19:52 Report Diesen Beitrag melden

    Das "gelobte" Land !?

    Erfolgsmodell USA? Auf jeden Erfolgreichen kommen 1000 gescheiterete, und 10000, die gerade noch so davonkommen ohne im Elend zu landen. Und wer dort Geld braucht, um seine Idee zu vermarkten, gerät fast unweigerlich an Hyänen und Raubfische, die ihnen nur wenig vom Erfolg übriglassen. Gerade im SV geht es diesbezüglich hahnebüchern zu. Die meisten arbeiten dann zu sehr bescheidenen Löhnen unter sklaverei ähnlichen Bedignungen. Im "gelobten" Land gibt es Millionen von Arbeits- und Obdachlosen, von denen die Hälfte mal kurz davor standen, Millionär zu werden.

  • Antonio Meier am 08.08.2012 08:46 Report Diesen Beitrag melden

    250 Millionen?

    Ich denke nicht, dass man von erobern reden kann. Was sind schon 250 Millionen? Einfach nur schnell ausgegeben.

  • Chrigel am 08.08.2012 08:33 Report Diesen Beitrag melden

    Silicon Valley Modell

    Das Silicon Valley darf nicht als Referenz für ein Stimulierendes Unternehmensumfeld herangezogen werden! Es geht nämlich nur nebensächlich um Technolgie, der Haupttreiber ist das Kapitalgeschäft mit einer immer grösser werdenden Audienz, welche die Aktien am Ende einkauft. Diese Audienz wird gepusht mit Twitter, Erfolgsnachrichten wie die von Alain, die ziehen Heerscharen von jungen Leuten ins Valley, welche zu miserablen Bedingungen arbeiten. Das Ökosystem funktioniert in sich. Gewinner sind VC-Gesellschaften. Verlierer sind die, welche die Aktien am Ende kaufen.

    • Pilz am 08.08.2012 09:04 Report Diesen Beitrag melden

      Re: Silicon Valley Modell

      Ich kann Chrigel nur beipflichten und es wird viel zu wenig gesagt: im Silicon Valley geht es nur um das schnelle Geld. Die Venture-Kapitalisten haben ein sehr effizientes System aufgebaut, bei dem die langfristigen Investoren und die jungen Angestellten über den Tisch gezogen werden. Ich kann jedem fähigen Kopf, der selber etwas nachhaltiges aufbauen will nur raten, dass er es ohne VC versucht. Und für nachhaltige Firmen gibt es auch bessere Orte als das Vallay. Trotzdem Gratulation an Wildfire: sie haben es in der Schlangengrube Silicon Valley geschafft. Das ist eine satte Leistung!

    • IT Man am 08.08.2012 11:21 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht zu negativ

      Dass es im Silicon Valley, wie in allen boomenden Industriegebieten um das schnelle Geld geht, ist ja an sich nichts Negatives. Ich sehe die Arbeitsmöglichkeiten da als Chance für jeden talentierten Informatiker / Betriebswirtschatler / Denker. Es ist eine gute Einstiegschance und wer sich für wertvoller hält, der muss halt entsprechende Qualifikationen vorweisen oder eben selbst etwas aufbauen. Ganz so einfach ist es nicht, sich da einen Namen zu machen und der Andrang ist riesig - also auch von mir grossen Respekt.

    • Zorro vo Zürri am 08.08.2012 19:56 Report Diesen Beitrag melden

      Vorsicht: Nepp des VC

      Es würde mich dann doch noch interessieren, wieviel sie nach dem "Abdrücken" an die Geldgeber und den Staat noch für sich behalten werden.

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  • Hr. Wehrlen am 07.08.2012 17:26 Report Diesen Beitrag melden

    Profi?

    Es sollte erwaehnt werden, dass ein Profisportler seinen Lebensunterhalt mit seinem Sport verdient. Bei Herrn Chuard war dies nicht der Fall! Tatsachen sollten richtig Dargestellt werden. Grossen Respekt vor der Leistun mit Wildfire.

  • hupii am 07.08.2012 16:20 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Der hats geschafft.