Vermisstensuche

10. Februar 2011 12:08; Akt: 26.03.2013 15:44 Print

Facebook hilft – oder eben nicht

von Daniel Schurter - Bei der Suche nach verschwundenen Personen kann Facebook nicht nur Segen, sondern vor allem Fluch sein. Trotzdem soll das Schweizer Alarmsystem erweitert werden.

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Die entführten Zwillingsmädchen Alessia und Livia sind auf zahlreichen Facebook-Seiten abgebildet. Auch nach einer Teenagerin aus Deutschland wurde online gesucht - die väterliche Suchmeldung endete im Fiasko.

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Tagelang ertrank die deutsche Polizei in einer Flut von Nachfragen und Hinweisen. Ein besorgter Vater hatte auf seiner Facebook-Seite eine Vermisstenmeldung für seine verschwundene Tochter aufgeschaltet. Inzwischen ist das 15-jährige Mädchen wohlbehalten wieder aufgetaucht, wie der Westdeutsche Rundfunk berichtete – doch noch immer kursiert der väterliche Aufruf auf Facebook. Anscheinend hat sich die frohe Botschaft, dass die junge Ausreisserin zusammen mit einer Freundin aufgegriffen worden ist, noch nicht herumgesprochen. Im Gegenteil: Stündlich schalten Facebook-User neue Statusmeldungen auf, weil sie bei der Suche nach dem – längst gefundenen – Teenager mithelfen wollen.

Das Ganze habe sich zu einem «Orkan aus ungerichtetem Aktionismus, falscher Betroffenheit und ganz viel bodenloser Dummheit hochgeschaukelt», kommentiert ein erzürnter Kritiker die väterliche Suchaktion. Die Polizei war laut Medienberichten von Anfang an nicht von einem Verbrechen ausgegangen. Trotzdem hatte sich der Mann an die virtuelle Öffentlichkeit gewandt und seine Facebook-«Freunde» gebeten, die Suchmeldung zu verbreiten.

6000 Kommentare

Inzwischen hat er seine Facebook-Seite gelöscht, denn der kleine Eintrag hatte grosse Folgen. Innerhalb weniger Stunden leiteten Zehntausende das Foto mit der Vermisstenanzeige weiter. An die 6000 Nutzer hinterliessen Kommentare.

Der Mann sei sich nicht bewusst gewesen, dass er mit der Suchmeldung eine Lawine lostrete, sagt ein Polizeisprecher. Die zuständige Polizeistelle sei von einer Welle von Telefonanrufen überrollt worden – viele Anrufer wollten einfach nur ihr Mitgefühl ausdrücken. Schliesslich musste die Polizei in einer eigenen Medienmitteilung die Notbremse ziehen: «Nicht mehr anrufen!», schrieben die Beamten. Tatsächlich habe die Facebook-Aktion keine verwertbaren Hinweise gebracht. Die deutsche Polizei rät denn auch von Suchanzeigen per Facebook ab.

Schweiz erweitert Alarmsystem

Wenn ein Kind verschwindet, ist das besonders aufwühlend. Das zeigt sich an den Reaktionen auf die aktuellen Geschehnisse in der Schweiz. Noch immer gelten die Zwillingsmädchen Alessia und Livia als vermisst, der Vater hat sich in Italien vor einen Zug geworfen. Auf Facebook kursieren unzählige Aufrufe, nach den verschwundenen Kindern zu suchen.

Seit dem 1. Januar 2010 ist ein schweizweites Entführungs-Alarmsystem in Kraft. Vermisste Minderjährige können via Radio und Fernsehen, Autobahn-Anzeigetafeln sowie mit Durchsagen an Bahnhöfen und Flughäfen gesucht werden. Seit einer Woche können die Alarmmeldungen zusätzlich über die Mobilfunkanbieter Swisscom, Sunrise und Orange verbreitet werden. Es haben sich bereits über 32 000 Menschen für den SMS-Alarm angemeldet. Dank der schnellen Verbreitung der Informationen können Leben gerettet werden, sind Fachleute überzeugt. Bei einer Entführung können die ersten Stunden nach der Tat entscheidend sein für die Rettung des Opfers.

Würde es da nicht sinnvoll sein, auch die sozialen Netzwerke ins nationale Alarmsystem einzubeziehen? «Auf jeden Fall», heisst es bei der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD). «Facebook ist definitiv ein Thema bei uns», erklärt der Generalsekretär, Roger Schneeberger, gegenüber 20 Minuten Online. Die Projektgruppe prüfe zurzeit, wie das soziale Netzwerk integriert werden könne. Denkbar sei etwa ein Link auf der offiziellen Website, www.entfuehrungsalarm.ch. Auch wenn die mobile Facebook-App bereits auf einigen Smartphones installiert sein dürfte, erachtet Schneeberger den SMS-Alarm zurzeit noch als wirksamer. «Das garantiert uns die ständige Erreichbarkeit der registrierten Handybesitzer.»

«Keine Überlastung»

Dass es nach dem Auslösen eines nationalen Entführungsalarms zu einer Überlastung der zentralen Meldestelle kommen könnte, erachtet Schneeberger als unmöglich. Das von der Bundespolizei betriebene Call-Center sei entsprechend ausgerüstet und in der Lage, auch einen grossen Ansturm von Meldungen per Telefon und Mail zu bewältigen.

Allerdings muss an dieser Stelle einschränkend erwähnt werden, dass der nationale Entführungsalarm vermutlich nur in einigen wenigen Fällen pro Jahr ausgelöst wird, nämlich dann, wenn Minderjährige entführt werden und an Leib und Leben bedroht sind. Bei den allermeisten Vermissten sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, weil sie freiwillig weglaufen oder ein Elternteil ein Kind im Streit um das Sorgerecht in seine Obhut bringen will, ohne es zu gefährden. Hier werden weiterhin wenn nötig die üblichen Vermisstenanzeigen über Fernsehen, Radio und Zeitungsberichte eingesetzt.

Sollten besorgte Angehörige auf eigene Initiative eine Suchmeldung auf Facebook initiieren, wäre dies der Kontrolle der ermittelnden Behörden entzogen, sagt Schneeberger. «Ohne Kenntnisse des Einzelfalls können Kinder dadurch gefährdet werden, statt dass ihnen geholfen wird.»