Chatdienst Messenger

14. August 2019 02:55; Akt: 14.08.2019 03:31 Print

Facebook liess Nutzer-Aufnahmen abtippen

Nach Amazon, Apple und Google gerät nun auch Facebook in die Kritik, weil Mitarbeiter Messenger-Unterhaltungen mitgehört haben.

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Mitarbeiter sollten prüfen, ob die Software die gesprochenen Sätze korrekt verstanden hat: Facebook-Chatdienst Messenger. (Archivbild) Von Microsoft beauftragte Mitarbeiter hören mit, wenn Nutzer über Skype kommunizieren oder mit der digitalen Assistentin Cortana sprechen. Dies zeigt ein Bericht von Vice.com. «Einige Dinge, die ich hörte, können nur als Telefonsex bezeichnet werden», sagt der Insider, der die Daten herausgegeben hat zu Vice.com. Microsoft bestätigt die Praxis. Dies diene der Verbesserung von auf Spracherkennung basierenden Angeboten. Die Daten seien anonymisiert und Nutzer hätten ihre Zustimmung dafür gegeben. Auch andere IT-Giganten waren jüngst mit ähnlichen Enthüllungen konfrontiert. Wie «The Guardian» bekanntmachte, hörten von Apple beauftragte Mitarbeiter einen Teil der Siri-Anfragen ab. Dabei bekamen die Analysten auch aus Versehen aufgenommene Gespräche zu Gesundheitsproblemen und medizinischen Behandlungen von Nutzern zu hören und solche über Drogendeals. Sie hörten sogar Paare beim Sex, so der Insider. Obwohl alle iOS-Geräte Siri unterstützen, wurden solche Vorfälle am ehesten von der Apple Watch oder vom Homepod, dem intelligenten Lautsprecher von Apple, aufgenommen. Apple hat nach der Bekanntmachung die Praxis vorübergehend gestoppt. Mitte Juli 2019 wurde bekannt, dass von Google beauftragte Mitarbeiter Aufnahmen des Assistants, des Sprachassistenten von Google, mithören können. Das Unternehmen bestätigte das Vorgehen, nachdem Aufzeichnungen veröffentlicht worden waren. Google hat die Praxis in Europa ebenfalls ausgesetzt. Im April 2019 wurde bekannt, dass Mitarbeiter einen Teil der Mitschnitte der Sprachassistentin Amazon Alexa mithören. Im Bild ein Amazon Echo von 2017. Das Ziel sei, dass die künstliche Assistentin mittels der Transkripte künftig noch besser menschliche Sprachbefehle verstehen könne. (Im Bild: Amazon-Gründer und CEO Jeff Bezos) Aber die Zuhörer, die teils bei Amazon selbst und teils bei Drittfirmen angestellt sind, bekommen nicht nur die eigentlichen Sprachbefehle mit. Mitarbeiter erzählten, sie hätten schon schiefen Gesang aus dem Badezimmer, ... ... schreiende Kinder und sogar schon sexuelle Gewalt zu hören bekommen.

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Fehler gesehen?

Tech-Konzerne demonstrierten gern, wie gut ihre Software menschliche Sprache verstehen kann. Dabei blieb jedoch im Dunklen, wie sehr die Technik darauf angewiesen ist, dass Menschen sich die Aufnahmen anhören. Jetzt kommt heraus, dass auch Facebook keine Ausnahme war.

Facebook hat Mitarbeiter einige Aufnahmen von Nutzern aus seinem Chatdienst Messenger anhören und abtippen lassen. Betroffen gewesen seien Nutzer, die die Transkriptions-Funktion für Sprachunterhaltungen eingeschaltet hätten, erklärte das Online-Netzwerk am Dienstag dem Finanzdienst Bloomberg. Aufgabe der Mitarbeiter sei gewesen, zu prüfen, ob die Software die gesprochenen Sätze korrekt verstanden habe. Die Nachrichten seien anonymisiert worden. Die Praxis sei vor mehr als einer Woche gestoppt worden.

In den vergangenen Wochen waren auch Amazon, Apple und Google in die Kritik geraten, weil sie Mitschnitte von Sprachassistenz-Software von Mitarbeitern auswerten liessen, ohne dass es den Nutzern bewusst war.

Für Facebook ist die Situation noch etwas heikler: Seit Jahren geht das Gerücht um, Apps des Online-Netzwerks hörten den Nutzern zu, um die Werbung zu personalisieren. Als angeblicher Beleg werden Fälle genannt, in denen Anzeigen zu einer vorherigen Unterhaltung passen. Facebook wies den Vorwurf stets zurück, auch Gründer und Chef Mark Zuckerberg verneinte dies im Frühjahr ausdrücklich bei einer Anhörung im US-Kongress und sprach von einer «Verschwörungstheorie».

Facebook: Aufnahmen nur bei Einwilligung

Facebook hatte damals auch erklärt, das Online-Netzwerk verarbeite Audio-Daten nur wenn ein Nutzer die Erlaubnis dazu erteilt habe. Während klar ist, dass für eine Transkriptions-Funktion Aufnahmen verarbeitet werden müssen, dürfte den Nutzern – ähnlich wie bei den anderen Tech-Konzernen – nicht bewusst sein, dass in einigen Fällen auch Menschen sie zu hören bekamen.

Die Unternehmen holten sich bei den Nutzern pauschal die Erlaubnis, Daten zur Verbesserung des Dienstes zu nutzen. Dass dafür möglicherweise auch Sprachaufnahmen nicht nur von Software analysiert, sondern auch von Menschen gehört werden könnten, wurde dabei nicht ausdrücklich erwähnt. Bei Apple gab es zumindest einen Hinweis auf die Möglichkeit solcher Transkriptionen bei seiner Sprachassistentin Siri in einem Sicherheitsdokument für Entwickler. Der Text war für gewöhnliche Nutzer jedoch schwer zu finden.

Teils vulgäre Inhalte

Apple setzte die Auswertung der Mitschnitte aus und versprach, sich künftig die ausdrückliche Erlaubnis dafür zu holen. Auch Google stoppte die Praxis Anfang Juli. Amazon bietet Nutzern seit kurzem die Möglichkeit, der Auswertung von Mitschnitten durch Menschen zu verhindern.

Bei Facebook hätten «hunderte» Beschäftigte bei externen Dienstleistern sich die Audioclips angehört, schrieb Bloomberg unter Berufung auf informierte Personen. Sie seien im Unklaren darüber gelassen worden, unter welchen Umständen die Aufnahmen gemacht wurden und für welchen Zweck sie sie abtippen, hiess es. Die Unterhaltungen hätten zum Teil «vulgäre» Inhalte enthalten.

(chk/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pulpo XII am 14.08.2019 04:30 Report Diesen Beitrag melden

    Wichtige Informationen

    Aha interessant. Würde mich im Moment über gut recherchierte Beiträge zum j. Epstein Fall eher freuen.

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  • Die Anderen sind Schuld am 14.08.2019 07:08 Report Diesen Beitrag melden

    Wer im Glashaus sitzt...

    Die Stalker von der Systempresse tracken euch, um an eure Daten zu kommen, also keinen Deut besser als Facebook.

  • BZ am 14.08.2019 11:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    raffgier

    ".... und versprach, sich künftig die ausdrückliche Erlaubnis dafür zu holen" ja klaar, warum nicht gleich so? weil sich Zuckerberg und seinesgleichen einen shcsies um Gesetze schären, alles was zählt ist die klingelnde Kasse.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ernst Kappeler am 15.08.2019 13:01 Report Diesen Beitrag melden

    Na und?

    Wer sich eine Wanze in die eigene Wohnung holt, hat wirklich nichts anderes verdient resp. wünscht dies ja offensichtlich! Da drehen sich wohl viele frühere Agenten in ihren Gräbern um. Diese schlugen sich bei Observationen u. kalte Nächte um die Ohren um zu erfahren, was ein Verdächtiger so treibt. Heutzutage gibt es eine Liveschaltung zu jedem Technikaffinen. Tolle neue Welt!

  • Tom - Bern am 14.08.2019 20:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    verstehe das Problem nicht

    So wie ich den Artikel lese, haben die Firmen die Einverständniserklärung der Anwender geholt, dass z.B. die Spracheingabe untersucht und verbessert werden kann. Da es noch nicht so ausgeklügelt ist, dass die eine Software kontrolliert was die andere macht ist es doch klar, dass zwischendurch ein Mensch mit hört.

    • fred die flunder am 15.08.2019 09:00 Report Diesen Beitrag melden

      Eigenverantwortung zu viel verlangt?

      Sehe ich ähnlich. Wahrscheinlich steht das sogar in den AGBs oder sonst wo. Wenn man diese halt nicht liest, ist schnell klar, weshalb der Benutzer "nichts davon wusste".

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  • BZ am 14.08.2019 11:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    raffgier

    ".... und versprach, sich künftig die ausdrückliche Erlaubnis dafür zu holen" ja klaar, warum nicht gleich so? weil sich Zuckerberg und seinesgleichen einen shcsies um Gesetze schären, alles was zählt ist die klingelnde Kasse.

  • Die Anderen sind Schuld am 14.08.2019 07:08 Report Diesen Beitrag melden

    Wer im Glashaus sitzt...

    Die Stalker von der Systempresse tracken euch, um an eure Daten zu kommen, also keinen Deut besser als Facebook.

  • Pulpo XII am 14.08.2019 04:30 Report Diesen Beitrag melden

    Wichtige Informationen

    Aha interessant. Würde mich im Moment über gut recherchierte Beiträge zum j. Epstein Fall eher freuen.

    • Fiction V am 14.08.2019 14:37 Report Diesen Beitrag melden

      @Pulpo XII

      da wirst du von der ganzen Relotius-Presse sicher nichts mehr hören. Die decken alle den Clinton Clan!

    • peter am 15.08.2019 22:08 Report Diesen Beitrag melden

      und so weiter

      und die waren sicher auf auf den epsteinischen parties und haben kleine maedchen belaestigt.

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