MyFarm

06. Mai 2011 22:22; Akt: 06.05.2011 23:20 Print

Farmville gibts auch in echt

Ein Bauernhof wird von Internet-Nutzern übernommen. In demokratischen E-Votings bestimmt die Community über das Schicksal von Kühen, Schweinen und Hühnern.

MyFarm-Nutzer können dem Bauern sagen, was er sähen oder welchen Bullen er sich zulegen soll. (Quelle: my-farm.org.uk)
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Die Zukunft eines Bauernhofs in England liegt in den Händen von Internet-Nutzern aus aller Herren Länder. Die Netz-Gemeinschaft bestimmt in demokratischen Abstimmungen über das Schicksal von Vieh, Schweinen und Hühnern oder was angepflanzt werden soll. Bis zu zehntausend Bauern-Novizen werden entscheiden, welches Getreide gesät wird, welcher Bulle gekauft wird oder ob Felder aufgeteilt werden sollen, um verloren gegangene Hecken wieder zu beleben.

«Ich werde hier pflanzen, was immer die Online-Bauern entscheiden», sagte Bauer Richard Morris am Mittwoch gegenüber der englischen Zeitung «The Guardian». Beim Bauern müsse man immer Kompromisse eingehen können – es gebe kein Richtig oder Falsch. Wenn er sich für etwas entscheide, werde immer ein Nachbar über den Zaun lehnen und den Kopf schütteln. Morris sagt, er werde die Möglichkeiten vorgeben, für die sich die Online-Bauern entscheiden können. «Die Internet-Nutzer werden zum Beispiel weder Cannabis noch Bananen anpflanzen können, aber zweifellos wird es ein paar merkwürdige Entscheidungen geben, die ich nicht so treffen würde.»

Der Bauernhof ist im Besitz des National Trust, einer gemeinnützigen Organisation, die Objekte aus dem Bereich der Denkmalpflege und des Naturschutzes in England, Wales und Nordirland betreut. «Mit dem Projekt MyFarm wollen wir den Leuten wieder vor Augen führen, woher ihre Nahrung eigentlich kommt», sagte Fiona Reynolds, Direktorin des National Trust gegenüber dem «Guardian». Farmville, das mit 47 Millionen Nutzern äusserst beliebte Bauernhof-Spiel auf Facebook, sei eine Inspiration gewesen, sagt John Alexander, der die Idee für den Online-Bauernhof hatte. «Aber hier geht es um einen echten Bauernhof», ergänzt er.

Erste Abstimmung: Was wird gesät?

Die erste Abstimmung ist auf den 26. Mai terminiert. Im Forum auf my-farm.org.uk diskutieren die angehenden Farmer bereits, wie sie die 21 Hektaren bestellen sollen. Informationen und Vorschläge liefert der Bauer über den Blog sowie Videos auf my-farm.org.uk von der Farm, den Feldern und den Tieren. Vorerst sollen die Abstimmungen monatlich stattfinden, aber wenn sich das Farm-Experiment gut entwickelt, könnten häufigere Abstimmungen möglich werden. In der Zukunft könnte es gar eine App für des Bauern Smartphone geben, die ihn über kurzfristige Entscheidungen seiner zehntausend Chefs informiert. Morris gibt ein Beispiel: «Habe ich das Heu zum Trocken auf dem Feld, könnten die Leute bestimmen, ob ich es sofort reinbringen soll, was teures Nachtrocknen bedingt oder wir lassen es draussen und riskieren, dass es verregnet wird.» Die Internet-Bauern werden lernen müssen, mit finanziellen, ethischen und ökologischen Problemen zu jonglieren, wie das echte Bauern täglich müssen.

Mit 40 Franken zum Online-Bauer

Die Online-Farmer werden gut 40 Franken zahlen müssen, um sich an MyFarm beteiligen zu können. Darüber hinaus dürfen sie den Bauernbetrieb auch besuchen. National Trust begründet die Mitmach-Gebühr mit den hohen Initial-Kosten. «Sollten wir künftig über zehntausend Online-Farmer haben, können wir die Gebühr aber deutlich reduzieren», heisst es.

In der Schweiz scheint es ähnliche, aber noch kein direkt vergleichbares Projekt zu geben. Bei einem gut durchdachten Konzept wäre ein Versuch analog zu my-farm.org.uk auch bei uns denkbar, glaubt Sabine Lubow, Leiterin Öffentlichkeitsarbeit beim Dachverband der Schweizer Bioproduzenten. «Es braucht den Dialog zwischen Bauern und Konsumenten.» Bio Suisse begrüsse den verstärkten Einbezug der Konsumenten grundsätzlich. «Im Rahmen von klar definierten Vorgaben durch den Bauern, der stets auch seiner Organisation verpflichtet ist, wäre ein Mitspracherecht zu begrüssen.» Ein Biobauer könne aber nicht auf alle Wünsche der Konsumenten eingehen, da strenge Vorschriften zu beachten seien.

Idee ist nicht ganz neu

Bereits vor vier Jahren hat die Web-Community den englischen Fussball-Club Ebbsfleet United übernommen. Die Online-Fans wurden für rund 50 Franken Aktionäre und konnten in E-Votings von den Eintrittspreisen, über angehende Transfers bis zu den Trikot-Farben die Vereinsgeschicke mitbestimmen. Der Hacken an der Sache: Da Tausende Fans auf der Webseite mitdiskutierten, mussten Interessierte täglich rund zwei Stunden mitlesen, um stets auf dem neusten Stand zu bleiben.

(owi)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Regula am 07.05.2011 00:59 Report Diesen Beitrag melden

    Brauchen wir nicht

    In der Schweiz wäre das vollkommen sinnlos! Das liegt daran, dass die Schweiz so klein ist und so viel Landwirtschaft hat, dass noch jedes Kind weiss woher die Milch kommt. Und jeder kann sich aufs Fahrrad schwingen und sieht in wenigen Minuten einen Bauernhof, fast egal wo er sich in der Schweiz aufhält. Unser Verhältnis zur Nahrungsmittelproduktion ist also ein ganz anderes als in England wo man das den Leuten näher bringen muss. Hier hätte es sicher nur einen kommerziellen Hintergrund, wie immer in der Schweiz...

    einklappen einklappen
  • Biofan am 07.05.2011 10:27 Report Diesen Beitrag melden

    Agro-Konzerne ausgeschlossen

    Hoffentlich macht da Monsanto nicht mit bei den Abstimmungen, .... leisten könnten sie sich diese Gebühren natürlich locker!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Biofan am 07.05.2011 10:27 Report Diesen Beitrag melden

    Agro-Konzerne ausgeschlossen

    Hoffentlich macht da Monsanto nicht mit bei den Abstimmungen, .... leisten könnten sie sich diese Gebühren natürlich locker!

  • Regula am 07.05.2011 00:59 Report Diesen Beitrag melden

    Brauchen wir nicht

    In der Schweiz wäre das vollkommen sinnlos! Das liegt daran, dass die Schweiz so klein ist und so viel Landwirtschaft hat, dass noch jedes Kind weiss woher die Milch kommt. Und jeder kann sich aufs Fahrrad schwingen und sieht in wenigen Minuten einen Bauernhof, fast egal wo er sich in der Schweiz aufhält. Unser Verhältnis zur Nahrungsmittelproduktion ist also ein ganz anderes als in England wo man das den Leuten näher bringen muss. Hier hätte es sicher nur einen kommerziellen Hintergrund, wie immer in der Schweiz...

    • Trix am 09.05.2011 03:31 Report Diesen Beitrag melden

      vergessen?

      Milch kommt aus dem Tetrapack... oder aus der Flasche... meist aus dem Kühlregal... ;) und der strom kommt aus der steckdose... nein - wir erhalten ein schönes endprodukt, welches uns oft vergessen lässt woher es kommt. möge der komfort uns den weg nicht vergessen lassen.

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