Informations-Sperre

25. Februar 2011 09:31; Akt: 25.02.2011 11:04 Print

Gaddafis Zensur wird unterlaufen

von Oliver Wietlisbach - Das Telefon ist tot, das Internet lahmt. Libyens Regime will mit aller Macht verhindern, dass Informationen nach aussen dringen. Doch die Zensur hat Lücken.

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So präsentiert sich Gaddafis Sohn Saif al-Islam auf Facebook.

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Muammar al-Gaddafi hat offenbar von den Fehlern des gestürzten ägyptischen Despoten Hosni Mubarak gelernt. Obwohl die Regierung das Internet hätte kappen können – Gaddafis ältester Sohn kontrolliert den halbstaatlichen Internetprovider Libya Telecom and Technology – hat der Gaddafi-Clan den Datenstrom nur selektiv gesperrt. Am 19. und 20. Februar war das Internet offenbar in den Nachtstunden vollständig blockiert. Bei Sonnenaufgang war das Land wieder online. Warum also stellte Gaddafi das Internet nur in der Nacht ab? Die Gaddafi-Treuen gingen in den ersten Tagen der Revolte vor allem im Schutz der Dunkelheit gegen Demonstranten vor und es sollten keine Bilder davon kursieren, spekulieren Beobachter.

Mit dem Ausland ist der Wüstenstaat nur über einen einzigen Knotenpunkt verbunden und der halbstaatliche Internetanbieter stellt fast alle Internet-Verbindungen her. Eine umfassende Sperre wäre deshalb einiges einfacher gewesen als in Ägypten, wo sich mehrere Internet-Provider im Markt tummeln. Die Erfahrung aus Ägypten lehrt indes, dass die Abschaltung des Internets dem Mubarak-Regime wenig dienlich war. Die mehrheitlich jungen Demonstranten fühlten sich durch die Blockade erst recht provoziert.

Internet gedrosselt

Wie ein Blick auf die Google-Statistik zeigt, wurde in Libyen die Geschwindigkeit des Internets anscheinend gedrosselt. Damit wollte Gaddafi wohl verhindern, dass grosse Bilddateien und Videos ins Netz gestellt werden. Zwar tauchten inzwischen auch Videos von den Unruhen in Libyen auf YouTube auf, allerdings mit weit grösserer Zeitverzögerung als bei den Protesten in Ägypten. Erklärbar ist der Unterschied durch die viel geringere Verbreitung des Internets in Libyen. Laut dem Statistikdienst Internet World Stats verfügten im Juni 2010 nur 350 000 Libyer über einen Internetanschluss; die Mehrheit davon hatte keinen Breitbandanschluss. Die Einwahl erfolgt per Telefon-Modem über das Festnetz. Andere Schätzungen, die Zugriffe von Internetcafés hochrechnen, sprechen von bis zu 800 000 Menschen, die regelmässig online sind. Das wären nicht einmal 15 Prozent der Bevölkerung, wie die Süddeutsche Zeitung vorrechnet.

Plausibel scheinen diese Zahlen vor dem Hintergrund, dass nur vier Prozent der Libyer ein Facebook-Profil haben, wie CNN auf einer interaktiven Karte zeigt. In Libyen ist es somit auch viel schwieriger für die Demonstranten, sich über Soziale Netzwerke zu organisieren. Weit mehr ins Gewicht fällt daher, wenn das Handy-Netz ausfällt oder gar Satellitensender gestört werden. Während die Lahmlegung der Mobilfunk-Infrastruktur technisch kein Problem darstellt, bleibt unklar, wie der Satellitenverkehr gestört werden kann.

Netz-Sperre umgehen

Für die Kommunikation wichtige Seiten wie aljazeera.net, Facebook, Twitter oder YouTube wurden mehr oder weniger dauerhaft gesperrt. Werden dabei lediglich die DNS-Server blockiert, also die Verknüpfung mit den Namen der einzelnen Websites, kann die Blockade durch die simple Eingabe der IP-Adressen ins Adressfeld des Browsers umgangen werden. Twitter ist etwa über die IP-Adresse 128.242.240.212 erreichbar, Facebook über 69.63.189.34. Es scheint zudem, dass das Social Network die Proteste in der arabischen Welt zumindest indirekt unterstützte. Gemäss einem Bericht des US-Magazins Atlantic Monthly verhinderte ein Team von Facebook-Sicherheitsexperten, dass der tunesische Geheimdienst die Passwörter der 300 000 Nutzer im Land auslesen konnte, um die Konten auszuspionieren, zu manipulieren oder zu löschen.

Ähnlich wie zuvor in Ägypten gibt es auch in Libyen internationale Versuche, den Zugang zum Internet aufrechtzuerhalten. Über das Telefon-Festnetz und Einwahl-Nummern im Ausland lassen sich Internetverbindungen herstellen. Der niederländische Hacker Rop Gonggrijp ist Mitgründer des Zugangsanbieters XS4ALL (Zugang für alle). Er hat laut zeit.de eine internationale Telefonnummer geschaltet, mit der Libyer via Modem ins Internet gelangen. Der Niederländer ist längst nicht der Einzige. Im Internet kursieren ganze Listen solcher Nummern und Aktivistengruppen wie Telecomix setzen die Dienste auf. Die Gruppe versucht zudem Informationen per Fax zu verbreiten.

Exil-Libyer als Informations-Zentrale

Da das Festnetz zwar immer wieder gestört, aber nie komplett abgeschaltet war, werden derzeit viele Nachrichten über Sprachdienste wie audioboo.fm verbreitet. Der Dienst ermöglicht es, eine Sprachnachricht aufzuzeichnen und anderen im Internet zugänglich zu machen. Zu finden sind etwa Audio-Berichte von Schüssen in der libyschen Hauptstadt Tripolis.

Ausserdem versuchen viele Exil-Libyer, auch in der Schweiz, den Nachrichtenstrom aufrechtzuerhalten. Eine Organisation namens Libyan Youth Movement zeigt auf ihrer Seite aktuelle Bilder aus Tripolis und verbreitet Augenzeugenberichte über Twitter. Ironisch erscheint in diesem Kontext, dass Gaddafis Sohn Saif al-Islam al Gaddafi ebenfalls auf Twitter und Facebook vertreten ist und laut tagesschau.sf.tv noch im Dezember über Twitter verlauten liess: «Ich werde mich für Demokratie und Transparenz in Libyen einsetzen.»