Gegenkultur der Digitalisierung

23. April 2015 08:55; Akt: 23.04.2015 09:18 Print

In jedem von uns steckt auch ein Offliner

von Ph. Stirnemann - In seinem Buch «Offliner – Gegenkultur der Digitalisierung» beschreibt Joël Luc Cachelin die 16 Typen, die sich gegen die Digitalisierung wehren.

Bildstrecke im Grossformat »
Joël Luc Cachelin hat ein Buch über die Gegenkultur der gesellschaftlichen Digitalisierung geschrieben. Darin charakterisiert der Autor verschiedene Typen sogenannter Offliner. Sind auch Sie einer davon? - Die Bildstrecke gibt Aufschluss. «Jedes Mal, wenn eine neue Technologie die Wirtschaft tiefgreifend verändert, formiert sich Widerstand gegen den Strukturwandel. Man befürchtet, dass die Maschinen Arbeitsplätze vernichten und die Menschen überflüssig werden.» (Bild: Charlie Chaplin in «Modern Times», USA 1936) «Es gibt drei unterschiedliche Nonliner, die keinen Zugang zum Netz haben: Die Bildungsfernen, die Alten und die global Isolierten.» «Die Digitalisierung stärkt das kapitalistische System, weil das Internet Bedürfnisse, Mediengewohnheiten und Arbeitsleistungen transparent macht. (...) Um den Kapitalismus zu schwächen, setzen die Kritiker auf Aufklärung, Sabotage, vor allem aber auf ein neues Wirtschaftssystem.» «Die Globalisierungskritiker lehnen die sozialen und ökologischen Folgekosten der Digitalisierung ebenso ab wie den Machtmissbrauch der Digitalisierungstreiber.» «Das Internet gefährdet aus Sicht der Nationalisten die heimische Wirtschaft und den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft. In einer vernetzten Welt werden die Einflüsse unkontrollierbar, man ist der Macht grösserer Systeme ausgesetzt.» «Je mehr wir im Internet surfen, desto umfassender werden unsere digitalen Schatten. (...) Datenschützer wollen uns davor bewahren, zu gläsernen Kunden, Bürgern, Patienten und Schülern zu werden.» (Im Bild: ) «Sie stören sich an der Diktatur von Raum und Zeit genauso wie an der Normierung unseres Denkens. Für sie ist das Internet die perfekte Maschine, um die Meinungsvielfalt zu reduzieren und das kritische Denken zu unterbinden.» «Die Selbstverwalter nutzen das Internet für ein dezentrales und selbstbestimmtes Leben. Auch in der Energieversorgung wollen sie die Dezentralisierung vorantreiben.» «Für die Romantiker war früher alles besser. Digitale Musikstücke und Fotografien haben für sie weniger Wert als die analogen Vorgänger.» «Das Internet hat in der Vernetzung der Menschen versagt, finden die Einsamen. Zu viel Individualisierung und zu viel Präsenz im digitalen Raum können das Gefühl hervorrufen, alleine auf der Welt zu sein.» «Das Internet installiert eine neue Metaphysik mit Aussicht auf ein ewiges Leben im Netz. Die Menschen verlieren das Vertrauen in Gott und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. (...) Aus Sicht der Gottesfürchtigen rebellieren die Digitalen gegen die kosmische Ordnung. Diese muss wieder hergestellt werden.» «Für die Kulturpessimisten verhindert das Internet gehaltvolle Kultur und Bildung. (...) Es gibt nur noch Halbwissen, und alles ist eine Frage der Perspektive. Um dieser Entwicklung gegenzusteuern, setzen die Kulturkritiker auf nicht digitale Medien, einen fixen Wissenskanon, Disziplin und konservative Werte.» «Mit der Verlagerung des Lebens in den digitalen Raum entstehen für Kriminelle neue Aktivitätsfelder. Gefahren und Täter sind häufig unsichtbar. Die unklare Bedrohungslage mündet in eine diffuse Angst vor Überwachung, Manipulation, Diebstahl, aber auch vor einem Zusammenbruch des Systems.» «Die Anti-Transhumanisten bekämpfen die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Sie fürchten die Herrschaft der Maschinen und ein Ende der Menschheit.» «Für die Entschleuniger ist das Internet der wichtigste Treiber der Beschleunigung. (...) Das Multitasking führt zu Erschöpfung und innerer Unzufriedenheit. Durch den digitalen Entzug gewinnen wir die Herrschaft über die Zeit zurück und erhöhen unsere Lebensqualität.» «Die Nachhaltigen lehnen die Digitalisierung ab, weil sie die Lebensgrundlage künftiger Generationen gefährdet. Vor allem die produzierten Abfälle und der hohe Energiebedarf der digitalen Geräte sind störend.»

Zum Thema
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Joël Luc Cachelin hat 2009 die Wissensfabrik gegründet, ein Think-Tank, der sich mit den Herausforderungen der heutigen digitalisierten Welt auseinandersetzt. In seinem Buch «Offliner» beschreibt er die 16 verschiedenen Typen, die die Digitalisierung unserer Welt hinterfragen (siehe Bildstrecke).

Umfrage
Wie viele Stunden pro Tag sind Sie online?
10 %
48 %
33 %
9 %
Insgesamt 535 Teilnehmer

Herr Cachelin, was ist ein Offliner?
Ein Offliner beteiligt sich am Design der digitalen Zukunft. Er will zum Beispiel mitentscheiden, was mit seinen Daten passiert, und ob wir in Zukunft einen Chip tragen, der alles aufzeichnet.

Was ist an der Digitalisierung so schlecht?
Sie ist an sich nicht schlecht. Sie macht das Leben sowohl einfacher als auch intensiver. Zudem führt sie zur Entstehung von neuartiger kollektiver Intelligenz. Problematisch wird die Digitalisierung dann, wenn andere darüber bestimmen, wie mein digitales Leben auszusehen hat. Wenn also mächtige Unternehmen vorschreiben, welche Geräte, Profile und Chips man haben muss, um an der Gesellschaft teilhaben zu können.

Sie beschreiben in Ihrem Buch 16 Offliner-Typen. Warum gibt es so viele?
Mir ging es im Buch darum, aufzuzeigen, dass es ganz unterschiedliche Motive gibt, um sich gegen die Digitalisierungstreiber zu stellen und an der digitalen Zukunft mitzuarbeiten.
Offliner stellen sich gegen eine einseitige digitale Monokultur. Sie möchten nicht, dass einzelne Digitalisierungstreiber sehr viel Macht erhalten und bestimmen, wie wir zu leben haben. Unternehmen, die von uns Transparenz einfordern, sollen selbst auch transparent sein.

Was können Offliner gesellschaftspolitisch erreichen?
Die Wirtschaft sollte sich darauf einstellen, dass die Offliner ein verstärktes Mitspracherecht einfordern. Es könnte zu organisierten Boykotten kommen. Genauso stellen die Offliner aber auch neue Märkte dar, die für die Unternehmen riesige Chancen eröffnen. Aus dieser Perspektive sind Offliner keine mühsamen Verweigerer, sondern Innovationslieferanten. Dasselbe gilt für die Politik: Offliner helfen, eine digitale Gesellschaft zu designen, die unterschiedliche digitale Lebensstile ermöglicht.

Sind Ihnen viele Menschen bekannt, die komplett aufs Internet verzichten?
Ein Offliner verzichtet nicht auf das Smartphone oder das Internet. Aber er beobachtet, wohin sich die digitale Gesellschaft weiterentwickelt. Das Internet kann dann durchaus ein Mittel sein, um die Botschaften der Offliner zu verbreiten oder die digitale Zukunft mitzugestalten.

Wird sich die Bewegung halten können?
Je digitaler unser Leben wird, desto wirkungsvoller wird der Gegentrend der Offliner. Entscheidend ist aber die Frage, ob die unterschiedlichen Teilbewegungen zu einer wirkungsvollen Gegenkultur zusammenwachsen oder nicht. Je mehr die 16 Typen zusammenhalten, desto wirkungsvoller wird der Widerstand.

Wenn ich sonntags wandern gehe und mein Handy zu Hause lasse, bin ich dann auch schon ein Offliner?

Ich glaube nicht, dass man entweder ein Offliner ist oder nicht. Die meisten von uns stören sich an einem gewissen Aspekt der digitalen Gesellschaft. Genauso unterschiedlich sind die Wege, um sich aus den Zwängen der digitalen Gesellschaft zu lösen. Für einige Stunden wandern zu gehen ist durchaus ein sehr wirkungsvoller Aufstand gegen den digitalen Zwang. Insofern sind sie ein Offliner.

Sind sie auch einer?
Ich bin kein Hardcore-Offliner. Wichtig ist, dass Vor- und Nachteile der Digitalisierung gleichzeitig betrachtet werden. Ich sehe mich als einen Diplomaten, der versucht, zwischen On- und Offlinern zu vermitteln.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Der Gainer am 23.04.2015 09:20 Report Diesen Beitrag melden

    Die Massvollen oder die Vernünftigen

    Diese Gruppe fehlt. Es sind Leute, die das Internet gezielt nutzen und es als Werkzeug sehen. Keine, die Fotos Ihrer Babies oder ihres Essens veröffenlichen.

  • Piupiu am 23.04.2015 10:06 Report Diesen Beitrag melden

    Erreichbarkeit war wichtiger als ich

    Ich bin zu einem Einzelgänger geworden. Bei Ausflügen oder Spaziergängen war meinen Freunden das Smartphone wichtiger. Bei Restaurantbesuchen musste das Essen fotografiert und alle 10 Minuten in FB, etc. geschaut werden. Egal wohin ich ging, meine Begleiter waren stets für alle anderen auch erreichbar. Ich wurde zu einer Nebensache wie es einst das Handy auch war. Jetzt geniesse ich mein Leben ohne diese Pseudo-Freunde. Bin zwar öfters allein aber habe tolle neue Hobbys gefunden und keinen Stress mehr :) Mir läuft die Zeit nun nicht mehr davon.

    einklappen einklappen
  • sheesh am 23.04.2015 09:33 Report Diesen Beitrag melden

    entschleuniger

    solange die offliner nicht mit ihren Kindern fischen gehen ist alles i.o., oder?!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Skeptiker am 24.04.2015 09:22 Report Diesen Beitrag melden

    Auch unsere kognitiven Fähigkeiten

    verändern sich mit der Digitaliserung und der vorwiegend bildhaften Wahrnehmung. Wahrscheinlich auch über das Unbewusste mit eingestreuten Bildinhalten. Die Folgen für den Einzelnen und die Gesellschaft sind nicht absehbar. Wahrscheinlich verlieren wir zusehends den Bezug zur Realität und begeben uns in stets neue Abhängigkeiten von irgendwelchen Plattformen und Anbietern. Differenzierte Sprachfähigkeiten und kritische Selbstreflexion gehen allmählich verloren. Die digitale Abhängigkeit wird total mit der Gefahr von Machtmissbrauch.

  • T.B. am 23.04.2015 11:33 Report Diesen Beitrag melden

    Gesunder Mittelweg

    Gut, dass solche Sachen auch kritisch hinterfragt werden. Aber es bringt nichts jede neue Art der Technologie gleich zu verdammen und ganz ohne zu leben. Genau so schlecht ist der umgekehrte Weg, indem man jede Neuheit der Technologie in den Himmel preist und sich zu abhängig davon macht. Vielmehr sollte man immer überlegen, welche Vorteile etwas neues bringt und was für Nachteile folgen können. Ein gesunder Mittelweg muss es sein.

  • Nicole Hüsser am 23.04.2015 11:32 Report Diesen Beitrag melden

    SUPER GMACHT!

    Joël Luc Cachelin Sehr gute Arbeit . ich habe darauf gewartet bis man ein buch lanciert. Danke dir!

  • StefanMüller am 23.04.2015 10:46 Report Diesen Beitrag melden

    Tod den Relikten

    Endlich gibt es einen Überbegriff für all diejenigen Dinosaurier, die ständig gegen jeglichen digitalen Fortschritt sind. Das aber nicht weil sie fundamental dagegen wären, es handelt sich vielmehr um den verzweifelten Versuch, den Umstand zu verschleiern das sie in der heutigen, technischen Welt nicht mehr klar kommen! - Offliner

  • Radkappenfrieda am 23.04.2015 10:42 Report Diesen Beitrag melden

    Die Alten? Bloedsinn!

    Das mit den Alten, die keinen Internetzugang haetten ist inzwischen sowas von einem Ammenmaerchen und hat einen laengeren Bart als meine Grossmutter! Echt jetzt, wir haben das Jahr 2015 und Internetanschluesse werden von allen Altersstufen benutzt!