Rekordbild

19. April 2019 21:25; Akt: 19.04.2019 21:25 Print

Mit diesem Ungetüm hat man 1900 fotografiert

Eine aussergewöhnliche Geschichte: wie der Fotograf George R. Lawrence mit seiner 600 Kilogramm schweren Kamera den «schönsten Zug der Welt» abgelichtet hat.

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George Raymond Lawrence war seiner Zeit voraus. Der amerikanische Fotograf gilt als Wegbereiter, mit seinen Bildern hat er Geschichte geschrieben. Aber von vorn: Um das Jahr 1900 liess er die grösste Kamera der Welt bauen, um das grösste Foto der Welt zu schiessen. Den Auftrag dazu hatte er von einer Bahngesellschaft aus Chicago erhalten. Sie wollte, dass er den neusten Zug der Flotte in seiner vollen Pracht fotografierte. Der sogenannte Alton Limited war der ganze Stolz der Firma. Daher erhielt Lawrence die Weisung, keine Kosten zu scheuen. Lawrence erster Vorschlag war, den rund 160 Meter langen Zug in einzelnen Segmenten zu fotografieren und die Bilder dann zu einem grossen Ganzen zusammenzufügen. Die Idee kam nicht gut an, wie später «The Brookly Daily Eagle» berichtete. Die Bähnler verlangten ein einziges Bild, das über zwei Meter lang sein sollte. Also entwarf Lawrence eine Kamera aus Kirschholz, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte. 5000 Dollar soll der Bau gekostet haben. Für die damalige Zeit war das viel Geld. Um 1900 betrug der Jahreslohn eines Arbeiters in den USA im Schnitt lediglich 450 Dollar. Die rückseitige Glasplatte – quasi der Film – mass sagenhafte 2,4 auf 1,3 Meter. Zweieinhalb Monate dauerte die Konstruktion. An einem Frühlingsmorgen im Jahr 1900 war es dann so weit. Eine Kutsche holte die 600 Kilogramm schwere Kamera ab. Wegen des hohen Gewichts trug die Kamera auch den Spitznamen Mammut. Mehr als ein Dutzend Helfer waren nötig, um die Kamera zu transportieren. Sie wurde auf einen Waggon geladen und nach Brighton Park gefahren. Zehn Kilometer ausserhalb von Chicago ... ... hievte man das Ungetüm vom Waggon ... ... und brachte es in Position. Die letzten 400 Meter musste die Kamera mit blosser Muskelkraft getragen werden. Die Rückplatte mit der Halterung allein wog mehr als 200 Kilogramm. Voll ausgefahren war die Kamera über sechs Meter lang. Die Linsen waren Spezialanfertigungen der Firma Zeiss. Bevor das Foto ausgelöst wurde, kroch ein Arbeiter ins Innere und staubte die Glasplatte mit einem Wedel aus Kamelhaar ab. Und dieses Bild entstand mit der Monsterkamera. Nur dank monatelanger Planung und viel, viel Geld war dieses Projekt möglich. Die Belichtungszeit betrug übrigens zweieinhalb Minuten. Das nächste Mal, wenn du mit deinem Handy ein Bild im Panoramamodus machst, darfst du gern an George Raymond Lawrence denken. Die Bahngesellschaft nutzt sein Bild später in einer Werbung für den «schönsten Zug der Welt». Der Fotograf reichte das Bild auch bei der Weltausstellung in Paris ein, wo er den Grand Prize of the World for Excellence in Photography gewann. Weil in Paris erst niemand glauben wollte, dass er die Kamera gebaut hatte, wurde der französische Konsul von New York nach Chicago beordert, um die Echtheit zu bestätigen. Ein paar Jahre später machte diese Aufnahme Lawrence weltberühmt. Mit einer Spezialkonstruktion hatte er das von einem Erdbeben zerstörte San Francisco von oben fotografiert. Er verkaufte jedes Bild für 125 Dollar pro Stück und nahm damit rund 15'000 Dollar ein. Lawrence starb 1938.

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(tob)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • noname am 20.04.2019 01:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehr Interessant

    Sehr Spannend! Bitte mehr solche Berichte!

  • Realist am 20.04.2019 00:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Beispiel

    Wenn ich mir das Innere dieses Zuges ansehe, sollten sich Bombardier und Stadler ein Beispiel daran nehmen. Das war noch Komfort!

    einklappen einklappen
  • Marco am 20.04.2019 08:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zeitrad

    genial dieser Beitrag, dass waren noch Zeiten! Bringt doch mehr solche Beiträge, dass ist etwas zum lesen und nicht zum durchklicken! Ich würde mir gerne mehr solcher Beiträge wünschen, Rückblicke in die Uhrzeiten der Technik und der Elektronik!

Die neusten Leser-Kommentare

  • dubidab am 23.04.2019 22:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    lustig

    Ich frage mich da immer, wer oder mit was wurde das foto gemacht?

    • Herr Max Bünzli am 24.04.2019 06:06 Report Diesen Beitrag melden

      genau

      das Bild wurde doch gemalt mit Farbe, eine Lithographie

    einklappen einklappen
  • Herr Max Bünzli am 23.04.2019 15:52 Report Diesen Beitrag melden

    genau

    Als Begründer der Produktion von Fotoapparaten in Deutschland gilt Herr Friedrich Wilhelm Enzmann, der schon 1839 im Dresdner Anzeiger für seine Produkte warb

  • Herr Max Bünzli am 23.04.2019 15:50 Report Diesen Beitrag melden

    genau

    Die erste Ganzmetall-Kamera stellte Voigtländer 1841 vor, nach 1839 konstruierte Herr Carl August von Stein das erste nach physikalischen Prinzipien berechnete Objektiv.

  • Roli1966 am 22.04.2019 21:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wahnsinn

    wie sich die Technik entwickelt

  • ein schelm am 22.04.2019 10:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wololo

    Apropos Belichtungszeit. Der Grund warum viele Personen auf Fotos der ersten Kameras schauen als wären sie Grimm persönlich oder da stehen wie langweilige Statuen war die Belichtungszeit von 25+ Sekunden. Man sagte damals auch dass jemand der auf dem Bild scharf ist und lacht verrückt sein muss, natürlich mehr im Scherz als purer Ernst.