Massenüberwachung

04. Juli 2014 18:05; Akt: 04.07.2014 18:06 Print

NSA stuft Darknet-Nutzer als Extremisten ein

Der US-Geheimdienst traut den Nutzern des Darknets nicht. Auszüge eines Überwachungsprogrammes beweisen, dass Tor-Nutzer systematisch überwacht werden.

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Protestierer demonstrieren in Washington gegen die Massenüberwachung der NSA. (Bild: Keystone/Jose Luis Magana)

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Es ist eine dunkle Welt der Bytes und Bits: das Darknet. Dort können Nutzer in völliger Anonymität und gut versteckt vor Big Brothers neugierigen Augen surfen. Aktivisten, Diplomaten, Journalisten oder einfache Internet-Nutzer, die Wert auf Privatsphäre und Anonymität legen, surfen und kommunizieren im nicht überwachten Teil des Netzes. Weltweit greifen unzählige Nutzer über die Tor-Software auf das Darknet zu. Das Netzwerk zählt immer mehr User, über 2,5 Million Menschen sollen es täglich benutzen, davon rund 20'000 aus der Schweiz – besagt der Tor-interne Statistikdienst.

Dass sich diese Menschen anonym im Netz zu bewegen versuchen, sorgt bei dem US-Militärgeheimdienst National Security Agency (NSA) für Misstrauen. Wie der Norddeutsche Rundfunk NDR und Westdeutsche Rundfunk WDR berichten, werden Tor-Nutzer von der NSA systematisch markiert und überwacht. Die regionalen Sender schreiben, ihnen würden Auszüge aus einem Quellcode des NSA-Überwachungsprogramms XKeyscore vorliegen. Dem Bericht zufolge sei klar definiert, welche Objekte es zu überwachen gelte. Laut dem Quellcode nennt die NSA Tor-Nutzer «Extremisten».

Server aus Deutschland

Unter den überwachten Objekten finden sich auch IP-Adressen und Server aus Deutschland, berichten WDR und NDR. Eine der von der NSA überwachten Adressen führt zum Informatikstudenten Sebastian Hahn. Der Bayer engagiert sich in seiner Freizeit für das Tor-Netzwerk und stellt gar einen eigenen Server für das Anonymisierungs-Netzwerk zur Verfügung. «Das ist schockierend. Die Verbindungsdaten von Millionen Menschen werden jeden Tag verzeichnet.» Laut Hahn sind auch Server in den Niederlanden, den USA oder Schweden betroffen. Der Geheimdienst würde so die Nutzer des anonymisierten Netzwerkes herausfiltern. Hahn ist neben Angela Merkel das zweite namentlich bekannte NSA-Opfer Deutschlands.

Der Fall ruft auch den deutschen Datenschutzbeauftragten Johannes Caspar auf den Plan. Er will, dass sich die Bundesanwaltschaft mit dem Fall auseinandersetzt.

Gibt es neben Snowden weitere Whistleblower?

Der Quelltext des Überwachungsprogramms XKeyscore galt als gut gehütetes Geheimnis. Dennoch wurde dem NDR und WDR ein Teil davon zugespielt. Über die Quelle haben sich die Journalisten nicht geäussert, für Experten ist jedoch klar: Die Enthüllungen stammen nicht von Edward Snowden. Aus diesem Grund häufen sich Spekulationen, wonach Snowden nicht der einzige Whistleblower der NSA sein könnte.

(cho)