Social-Media-Währung

09. Mai 2012 23:39; Akt: 09.05.2012 23:40 Print

Netzwerk-Junkies sind die neuen VIPs

Der Analysedienst Klout misst den Einfluss, den Internet-User auf andere haben. Je mehr Klout – so heisst die Währung – einer hat, desto grösser ist die Chance, dass ihm Firmen mit Rabatten hofieren.

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Haben Sie genug Klout, um sich auf den roten Teppich zu klicken? (Bild: Colourbox.com)

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«Leben wie ein Rockstar, von allen geliebt und alles geschenkt», heisst es im «BBC»-Video über den Analysedienst Klout. So könnte es sein, wenn man vom Internet-Tool eine hohe Punktzahl bekommt. Und das kriegt man, wenn man online ein hohes Tier ist.

Wer seine Sozialen Netzwerke mit Klout verlinkt, wird eingestuft. In einflussreich bis einflusslos. Oder, in den Worten des «Klout-Style»-Koordinatensystems: Vom «Observer» bis zum «Taste-Maker», dem «Thought-Leader» oder dem höchsten aller Klouter: der «Celebrity». Diese Auszeichnung bedeutet: einflussreicher geht nicht mehr. Die Leute warten gespannt auf jedes Wort. Kaum gelesen, wird die Aussage geliked, geshared, retweeted, verbreitet. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit so viel Klout auch im wahren Leben als Celebrity umherläuft, ist hoch.

Jedes Business stuft die Kunden ein

Die Klassifizierung von Menschen ist nichts Neues. Wie Klout-Chef Joe Fernandez sagt, werden wir von allen Firmen ständig segmentiert. Normalerweise passiere das auf Grund dessen, wie viel Geld wir ausgeben. Bei Klout zahlt eine andere Währung: der Online-Einfluss. Dieser wird an der Aktivität in verschiedenen Sozialen Netzwerken gemessen. Nach dem gleichen Muster arbeiten auch die Dienste Peerindex oder Kred. Wie oft wird man retweeted oder erwähnt? Wie viele Kommentare erntet man auf Facebook? Liken die User etwas, nachdem man es selbst geliked hat? Google+, Instagram, LinkedIn, Flickr, Tumblr, YouTube, WordPress - je mehr virtuelle Identitäten einfliessen, je grösser die virtuelle Macht.

Wer öfter mit seinen Friends und Followers kommuniziert als mit seinen Freunden, kann einmal nachsehen, wohin das führt. Der Durchschnitt liegt bei 20 Klout, als inaktiver Beobachter mit ein paar Hundert Kontakten gibts 10, aktive Socializer mit einem grossen Netzwerk schaffen es durchaus über 50. Doch Klout geht es weniger darum, das Ego der Network-Süchtigen zu boosten als darum, Firmen zu zeigen, bei welchen Kunden sich besondere Mühen auszahlen dürften.

Hotels könnten Leuten mit viel Klout-Punkten zum Beispiel in ein besseres Zimmer upgraden. Airlines könnten Gratis-Tickets vergeben, Sportmarken Kleider verschenken. Die Vergünstigungen, Spezialbehandlungen oder Gratis-Produkte werden via Klout präsentiert, die User mit genügend Punkten können ihre Verdienste einlösen. Die Firmen erhoffen sich dadurch natürlich einen Bericht von den einflussreichen Bloggern, Twitterer und Facebookler - die beste Werbung überhaupt.

Justin von Obama

Doch wie nahe an der Realität ist diese Macht-Zahl? Gemäss Klout liegt Justin Bieber (100) vor dem Dalai Lama (82) oder Barack Obama (86), was von vielen Seiten bemängelt wird. Anscheinend unterscheidet der Einflussbarometer nicht zwischen Ohrwürmern und Buchwürmern. Bei dem Dienst geht es ausschliesslich um den Online-Einfluss. Da macht «Baby, baby, baby, ooooh» dann wohl die grösserer Runde als Entscheidungen zum Bildungssystem. In der Rubrik Politik glänzt dann aber doch das Weisse Haus ganz oben auf der Liste der Top Influencers. Mit 80 Klout.

Übrigens: Der Einfluss des neu gewählte französische Präsidenten François Hollande liegt bei 86 Klout. 503 000 Leute aus dem Netzwerk bezeichneten ihn als direkten Einfluss. Er wurde in den letzten 90 Tagen 150 000 Mal retweeted, 310 000 mal erwähnt und hat 320 000 Followers. Bei Klout ist er noch nicht.

Als einflussreichste Musikerin in den letzten 90 Tagen wird Lady Gaga (90 Punkte) angezeigt. Kein Wunder, die Twitter-Königin hat bereits über 20 Millionen Follower. Auch sie ist noch keine Klout-Memberin. Da aber durch das Leben in sozialen Netzwerken viele Daten öffentlich vorhanden sind, hindert das den Analysedienst nicht daran, diese abzugrasen und auch die Nicht-Member unaufgefordert zu segmentieren.

(fvo)