OutBay.ch

16. März 2011 17:19; Akt: 17.03.2011 09:52 Print

Private jagen Gauner

von Daniel Schurter - Auf einer Schweizer Website werden Internet-Betrüger an den Pranger gestellt. Das zeigt Erfolg - birgt aber auch Gefahren für den privaten Betreiber.

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Lars S. nach seiner Verhaftung in Thailand. (Screenshot: Sendung «Kassensturz», Schweizer Fernsehen)

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OutBay.ch ist ein rotes Tuch für Internet-Betrüger. Denn die Website verdirbt ihnen das lukrative Geschäft mit den leichtgläubigen Käufern. Die «freie Diskussions-Plattform» weist auf die vielfältigen Tricks der Gauner hin – und stellt sie wenn nötig an den Internet-Pranger. Dies zeigt das Beispiel von Lars S. Der 38-jährige Deutsche ist letzte Woche in Thailand verhaftet und inzwischen nach Deutschland ausgeliefert worden. Die Konsumentensendung «Kassensturz» des Schweizer Fernsehens hat am Dienstag ausführlich über den Kriminalfall berichtet, der auch unzählige Geschädigte in der Schweiz betrifft.

Dass dem notorischen Kriminellen überhaupt das Handwerk gelegt wurde, ist einem Schweizer zu verdanken. Manfred Murer ist der Betreiber von OutBay.ch. Er führt einen eigentlichen Feldzug gegen Betrüger und andere Abzocker im Internet. Seit Jahren hat er auch das Treiben von Lars S. verfolgt. 2006 hat er ihn das erste Mal kontaktiert, indem er sich auf eine dubiose Stellenanzeige meldete. Es ging um den Verkauf neuer Nokia-Handys zum Schleuderpreis. Lars S. suchte Leute, die er auf Auktions-Plattformen wie eBay als «Verkaufsagenten» missbrauchen konnte. Über diese ahnungslosen Mittelsmänner sollten die Kunden im Voraus bezahlen – der Täter kassierte das Geld und verschwand. Um dem Betrüger auf die Schliche zu kommen, gab sich Murer zunächst als Interessent aus. So gelang es ihm – so unglaublich das klingt -, auch an eine Pass-Kopie des Mannes zu gelangen.

Die Identität ist später auf OutBay.ch publiziert worden, wie auch Bilder von Lars S. und weitere Daten. Damit konnten potenzielle Opfer gewarnt werden – denn immer wieder hat der Betrüger seither das Vertrauen fremder Leute erschlichen und sie schamlos ausgenutzt. Murer hat die gewonnenen Erkenntnisse aber auch der Polizei zur Verfügung gestellt. Gut möglich, dass er im Prozess gegen den Internet-Betrüger aussagen wird. Dem Mann drohen in Deutschland bis zu zehn Jahre Gefängnis wegen gewerbsmässigem Betrug. Weil er alles abstreitet, muss jede einzelne Tat vor Gericht nachgewiesen werden können.

Herr Murer, sind eBay und Ricardo.ch ein Eldorado für Internet-Betrüger?
Manfred Murer: Ich tue mich schwer mit Verallgemeinerungen. Aber für jene Personen, die wissen, wie man betrügt, trifft es zu. Die Betreiber unterlassen viele leicht zu realisierende Sicherheitsmassnahmen zugunsten des Profits; das erleichtert Betrügern die Arbeit auf jeden Fall.

Wie kann sich der einzelne User gegen solche Betrüger schützen?
Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Oft herrscht eine bedenkliche Naivität vor. Die User tappen immer wieder in die gleichen Fallen. Auf OutBay.ch zeigen wir Vorgehensweisen auf, wie man sich wenigstens grundsätzlich schützen kann. Ausserdem kann man sich im Forum anmelden und Fragen stellen. Zwei Administratoren und Dutzende, in Sachen Online-Betrug erfahrene User geben schnell und kompetent Antwort.

Sie werden in verschiedenen Internet-Foren persönlich angegriffen und aufs Übelste verleumdet. Ist das Alltag für Sie?
Natürlich haben die Kriminellen keine Freude, wenn ihnen das Geschäft versaut wird. Und da sie keine legalen Mittel gegen die Veröffentlichungen finden, greifen sie gelegentlich zu solchen Mitteln. Verunglimpfungen sind vergleichsweise harmlos. Alle paar Wochen flattern auch anwaltliche Schreiben in den Briefkasten. Vor allem aus Deutschland. Für rechtliche Schritte gegen Outbay.ch haben die Vorwürfe noch nie ausgereicht.

Wurden Sie auch schon persönlich bedroht?
Eines Tages standen vier Unbekannte vor meiner Haustür in Lugano. Ich habe nicht aufgemacht, sondern die Polizei alarmiert. Damals hatten wir auf OutBay.ch vor einer Türkenbande gewarnt, die mit Jeans in lausiger Qualität handelten.

Sie sind kein Jurist, engagieren sich ehrenamtlich. Wie finanzieren Sie den Kampf gegen die Internet-Betrüger?
Wir sind auf Spenden angewiesen, um die Betriebskosten für den Internet-Auftritt zu decken. Da es sich um sensible Daten handelt, betreibe ich einen eigenen Server in geschützten Räumlichkeiten.

OutBay.ch fungiert als Warndienst. Veröffentlichen Sie alles?
Wir stützen uns auf die Bundesverfassung und halten uns an die geltenden Gesetze. Es müssen öffentlich zugängliche Daten sein. Manchmal gilt es auch Informationen zurückzuhalten, um die polizeilichen Ermittlungen nicht zu gefährden oder die Persönlichkeitsrechte von Unbeteiligten zu schützen.

Wie eng arbeiten Sie mit den Strafbehörden zusammen?
Das ist sehr unterschiedlich. Die einen begrüssen es sehr, andere reagieren ablehnend. Gerade im Fall von Lars S. gab es eine gute Zusammenarbeit mit Polizei und Staatsanwaltschaft in Deutschland. Auch in der Schweiz hat sich beispielsweise die Justiz in St. Gallen als sehr aufgeschlossen gezeigt.

Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern?
Internet-Betrüger sind meistens Feiglinge, das zeigt sich an ihrem perfiden Vorgehen. 80 Prozent sind Wiederholungstäter, die es immer wieder mit neuen Tricks versuchen. Die Auktionsplattform-Betreiber tun aus meiner Sicht zuwenig für den Schutz der Kunden. Hier müsste der Gesetzgeber reagieren. Den Betreibern solcher Plattformen muss eine Verantwortung bei Schadensfällen auferlegt werden, damit diese ein Interesse haben, Betrügereien auf dem eigenen Marktplatz zügig einzudämmen.

eBay Deutschland und Ricardo.ch nehmen Stellung

«Wir freuen uns, dass Lars S. festgenommen werden konnte und hoffen, dass er eine angemessen harte Strafe für seine Taten erhalten wird», heisst es bei eBay Deutschland auf Anfrage von 20 Minuten Online. Viele Käufer seien vor einem finanziellen Schaden bewahrt werden, weil sie durch ihre Zahlung über PayPal den eBay-Käuferschutz in Anspruch nehmen konnten.

Und weiter: «Für seine betrügerischen Aktivitäten warb Lars S. Verkaufsagenten an, die für ihn Waren, die er offensichtlich nicht besass, bei eBay in eigenem Namen verkaufen sollten.» Ebenso habe der Betrüger über «gephishte» Mitgliedskonten verfügt, also solche, zu denen unbefugte Dritte durch Phishing-Aktivitäten Zugriff erhalten haben. Dadurch sei es für das eBay-Sicherheitsteam nicht immer möglich gewesen, die betrügerischen Aktivitäten zu erkennen und Gegenmassnahmen einzuleiten, bevor ein Schaden entstehen konnte. «Auch heute kann bei einzelnen Konten von uns nur vermutet werden, ob tatsächlich Lars S. hinter den jeweiligen Aktivitäten stand», sagt die Mediensprecherin. «Hier kann wohl nur die polizeiliche Ermittlung weitere Klarheit bringen.»

Ricardo.ch erklärt auf Anfrage von 20 Minuten Online, dass die Sicherheit höchste Priorität habe. «Wir überprüfen jede Neuanmeldung postalisch um sicher zu stellen, dass die Adresse auch existiert und stellen ein Bewertungssystem zu Verfügung, wo sich Käufer und Verkäufer gegenseitig beurteilen können, was Transparenz und Vertrauen schafft. Zudem prüfen wir täglich die Verkäufer und ihre laufenden Angebote – hierfür betreiben wir ein spezialisiertes Sicherheits-Team und investieren in ausgeklügelte technische Ressourcen.»

Sollten einmal doch alle Stricke reissen und ein Käufer erhalte trotz erfolgter Vorauszahlung keine Ware, könne er das Käuferschutz-Programm in Anspruch nehmen. Damit würden Beträge bis 250 Franken komplett abgedeckt. «Es liegt in unserem ureigenen Interesse, ricardo.ch so sicher vor Betrug zu machen wie möglich, und dies ist uns in den über zehn Jahren, die wir erfolgreich auf dem Markt sind, auch nachhaltig gelungen.»

Da sich zwischen 2005 und Anfang 2009 die Zahl ausländischer Betrugsversuche stetig erhöhte (wie im Kassensturz-Bericht erwähnt) würden seit Mitte 2009 ausländische Mitglieder grundsätzlich nur noch als Käufer auf der Plattform zugelassen. Ausländische Firmen mit nachweislich positiver Historie könnten sich weiterhin als Verkäufer «bewerben» und würden gründlich geprüft.

Update 16. März, 20 Uhr:
Die Website Outbay.ch ist zurzeit nicht erreichbar. Am frühen Abend sei der Server von Unbekannten angegriffen und vorübergehend lahmgelegt worden, sagte der Betreiber gegenüber 20 Minuten Online. Es handle sich um eine «Distributed Denial of Service»-Attacke. Dies passiere nicht zum ersten Mal.

Update 17. März, 9.30 Uhr:
Laut Auskunft des Betreibers ist OutBay.ch wieder normal erreichbar. «Die DDoS-Attacke scheint vorüber zu sein», teilt Manfred Murer mit. Wegen Gegenmassnahmen sei die Website letzte Nacht für rund die Hälfte der Besucher nicht erreichbar gewesen.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • philsich am 18.03.2011 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Abzockerei

    Mein Vorschlag an solche TauschPortale : eine klarere Unterscheidung in gewerbliche und private Verkäufer. Die gewerblichen Verk. müssten stärker gebunden werden und restriktivere Sicherheitsaspekte erfüllen. Mir ein Dorn im Auge sind die als viel zu wertvoll deklarierten Artikel. Vor Allem im Bereich Foto werden masslose Preise verlangt, gleichzeitig keine Zusicherungen und dafür falsche Artikel-Angaben gemacht. Abzockerei mit Laien die kaum Ahnung von gegenwärtigen Preisen haben.

  • moee am 17.03.2011 09:42 Report Diesen Beitrag melden

    Teure Sachen würde ich nicht über...

    ...ricardo & co. kaufen! Wer sich ein Auto oder ein Moped kaufen will, soll das bitte über autoscout24 & co. machen. Wenn man schon bei ric. & co einkauft, dann nur kleinere Ware wie z.B. Konsolengames. Bsp. Warum soll ich denn für NFS HP CHF 99.- hinblättern, wenn ich es bei ricardo für die hälfte kriege?

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  • Anna-Katharina am 16.03.2011 19:19 Report Diesen Beitrag melden

    Hauptsache die Kasse stimmt!

    ricardo.ch ist eine Firma, welche sich hinter den Bewertungen von Mitglieder versteckt. Alleine diesem Bewertungssystem hat sie ihren Erfolg zu verdanken. Gibt es Probleme zwischen Käufer und Verkäufer bekommen die Mitglieder immer wieder das gleiche Standardmail. Auch hier geht es nur ums schnelle Geld. Bei kriminellen Handlungen verweisen sie auf die Polizei und sagen man soll eine negative Bewertung abgeben. Das war's dann auch.

Die neusten Leser-Kommentare

  • philsich am 18.03.2011 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Abzockerei

    Mein Vorschlag an solche TauschPortale : eine klarere Unterscheidung in gewerbliche und private Verkäufer. Die gewerblichen Verk. müssten stärker gebunden werden und restriktivere Sicherheitsaspekte erfüllen. Mir ein Dorn im Auge sind die als viel zu wertvoll deklarierten Artikel. Vor Allem im Bereich Foto werden masslose Preise verlangt, gleichzeitig keine Zusicherungen und dafür falsche Artikel-Angaben gemacht. Abzockerei mit Laien die kaum Ahnung von gegenwärtigen Preisen haben.

  • Theodor Von Wyl am 17.03.2011 12:21 Report Diesen Beitrag melden

    Tricks

    Ich kaufe seit Jahren über ebay ein und hatte nie Probleme. Man muss halt vernünftig sein und ich empfehle gerade bei Auslandzahlungen paypal zu benützen. Ich kenne aber auch die Tricks von Betrügern, vorallem mit gefälschten Waren, dort sollte halt der gesunde Menschenverstand helfen und den haben nicht alle Leute.

  • moee am 17.03.2011 09:42 Report Diesen Beitrag melden

    Teure Sachen würde ich nicht über...

    ...ricardo & co. kaufen! Wer sich ein Auto oder ein Moped kaufen will, soll das bitte über autoscout24 & co. machen. Wenn man schon bei ric. & co einkauft, dann nur kleinere Ware wie z.B. Konsolengames. Bsp. Warum soll ich denn für NFS HP CHF 99.- hinblättern, wenn ich es bei ricardo für die hälfte kriege?

    • Iron Man am 18.03.2011 16:17 Report Diesen Beitrag melden

      RE: Teure Sachen würde ich nicht über...

      Weil du es für die CHF 99,- auch wirklich im Laden bekommst. Wenn du das 1. Mal bei einer der Auktionen rein fällst kommst du danach auf den selben Preis wie im Laden und hast es dann evtl. immer noch nicht bekommen und deine Nerven sind auch ruiniert.

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  • wubu am 17.03.2011 08:56 Report Diesen Beitrag melden

    Sicherheit bei Ricardo

    haha, dass ich nicht lache, was prüft denn Ricardo? Ich kenne Leute, die haben 5 verschiedene Namen mit verschiedenen Adressen. Die Adressen gibt es zwar, aber der Typ wohnt 100 km weit weg. Da ja nichts per Post erfolgt sondern nur über email (war früher anders) merkt gar niemand etwas und intressiert auch niemanden von Ricardo

  • Frank Späther am 17.03.2011 08:06 Report Diesen Beitrag melden

    Ricardo und Sicherheit? Guter Witz!

    Das was ricardo macht, macht Ebay i. d. R. auch. Ein Bewertungssystem nützt doch nichts, wenn jemand erstmal tiefpreisige Ware verkauft um gute Bewertungen zu bekommen. Irgendwann schlägt er dann richtig zu. Das Ricardo täglich Verkäufer und Angebote prüft halte ich für eine mehr als dreiste Lügen. Ich habe vor langer Zeit ricardo auf betrügerische Angebote aufmerksam gemacht. Passiert ist seitens ricardo gar nichts. Wenns um Profit geht, sind die Betrogenen doch sowieso nicht existent. Fazit: Wer dort kauft und beschissen wird, ist selber schuld.