Digitale Demenz

25. Februar 2015 11:31; Akt: 25.02.2015 16:11 Print

Smartphones machen uns unfähig

von Ph. Stirnemann - Zukunftsforscher Gerd Leonhard warnt vor dem Verlust grundlegender Fähigkeiten. Schuld sei der tägliche Umgang mit dem Handy.

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Der Basler Medienfuturist Gerd Leonhard geht davon aus, dass wir durch die zunehmende Abhängigkeit von unseren Smartphones verschiedene Fähigkeiten verlernen könnten. In einer aktuellen Mitteilung nennt er fünf mögliche Fälle von digitaler Demenz. Künftig haben wir es nicht mehr nötig, Fremdsprachen zu lernen: «Mit der Software Skype Translate oder mit der App Say Hi können wir jetzt schon mit fremdsprachigen Menschen in unserer Muttersprache reden.» «Was wir sagen, wird in Echtzeit übersetzt und kommt beim Empfänger in dessen Sprache an. Künftig können wir beispielsweise beim Daten oder im Restaurant das Handy reden lassen.» «Früher musste man sich auf einer gedruckten Karte orientieren. Hilfreich waren dazu Gebäude oder Punkte am Horizont. So kriegten wir ein Gefühl für den Ort, an dem wir uns befinden.» «Vielen Menschen fällt es inzwischen schwer, sich räumlich, zum Beispiel in einer Stadt, zurechtzufinden oder eine nicht digitale Strassenkarte zu verstehen. Der Grund: Sie haben sich an GPS und an interaktive Internet-Maps auf ihrem Handy gewöhnt.» «Früher fuhr man einfach los und schaute dann, wohin es einen auf der Reise verschlug. Der moderne Mensch überlässt fast nichts mehr dem Zufall und orientiert sich an Youtube, Tripadvisor, Google Maps, Waze und Facebook.» «Apps und Maps liefern uns Vorschläge für Sehenswürdigkeiten, Hotels und Restaurants und deren Bewertung durch andere Reisende.» «Früher blätterten wir eine Zeitung oder ein Magazin durch - heute ist für Menschen unter 30 (die «digital natives») ihr Facebook-Newsfeed wichtiger als jedes andere Medium, und dort tauchen nur die News ihrer Freunde und ihrer Likes - und deren Sponsoren - auf.» «Einen handgeschriebenen Brief zu erhalten, galt früher als normal. Wir müssen wohl jetzt bald davon Abschied nehmen, denn wir steuern in Richtung der visuellen und oralen Gesellschaft.» «Von Hand brauchen wir nichts mehr zu schreiben; der Computer hört uns zu und folgt unseren verbalen Anweisungen. Dazu kommen noch Gesten, mit denen wir unsere Geräte steuern. Wozu Schreiben lernen, wenn man es eh nicht braucht?»

Zum Thema
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Schöne neue Welt? Viele Entscheidungen, die wir noch vor ein paar Jahren selber treffen mussten, lagern wir heute aufs Smartphone aus. So suchen wir in einer fremden Stadt nicht mehr selbst nach einer Sehenswürdigkeit oder einem passenden Restaurant. Diese Aufgabe übernimmt das smarte Gerät in Hand- oder Hosentasche.

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So praktisch das sein mag, der Baselbieter Futurist und Strategieberater Gerd Leonhard sieht im immer exzessiveren Gebrauch von mobilen Geräten und damit von Technologien nicht nur Positives. Er ist der Ansicht, dass uns Handy und Co. nicht nur entmündigen, sondern auch abhängig und digital dement machen. Das kann für Leonhard sogar im Verlust wichtiger Fähigkeiten enden (siehe Bildstrecke).

Fünf Fähigkeiten weniger

Gemäss Leonhard werden wir durch die Nutzung von Smartphones ganz verschiedene Fähigkeiten verlieren. So werden wir künftig auch mit fremdsprachigen Menschen nur noch in unserer Muttersprache kommunizieren.

Neben Einsprachigkeit droht uns auch Orientierungslosigkeit, da wir uns zunehmend auf interaktive Maps und Navis verlassen. Auf Reisen werden wir unsere Entdecker-Fähigkeit verlieren, und auch bei der Zeitungslektüre werden wir nicht mehr durch den Zufall geleitet, was die Auswahl der Artikel betrifft. Schliesslich befürchtet Leonhard sogar, dass wir wegen sprachgesteuerten Geräten die Fähigkeit zu schreiben verlieren werden.

Hoffnung auf mehr Menschlichkeit

Der Zukunftsexperte ist überzeugt, dass sich viele seiner Voraussagen bewahrheiten werden. «Die meisten dieser Entwicklungen haben bereits eingesetzt», meint der Medienfuturist. Sie seien zum Grossteil auch unvermeidbar, «da Technologie vieles so einfach, billig und auch gut macht, dass sie sich rasant verbreitet».

Verteufeln will Leonhard die Digitalisierung der Welt indes nicht. Vielmehr geht es ihm darum, dass sich der heutige Mensch Gedanken über die unbedachten Konsequenzen, etwa beim Thema Internet und Privatsphäre, macht.

Die zunehmende Technologisierung sei eine Art «Himmelhölle», also genauso positiv wie auch negativ. Wichtig sei, dass «wir das Gleichgewicht behalten oder die schlechten Seiten allenfalls noch minimieren». Leonhards Hoffnung: «Dass wir die Freiräume, die uns durch die Digitalisierung entstehen, für wirklich menschliche Dinge nutzen werden.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lars am 25.02.2015 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Stimmt.

    Letzten Sonntag habe ich den Weg aus dem Bett nicht mehr gefunden. Da bin ich halt liegen geblieben und habe mit dem Phone gespielt..

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  • Jammer am 25.02.2015 11:37 Report Diesen Beitrag melden

    Experten sind gefragt

    stimmt. habe bereits vergessen wie man in der Nase bohrt. gibts dafür eine APP oder soll ich mir doch besser einen Experten holen ?

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  • federico emanuel pfaffen am 25.02.2015 12:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Entmündigung

    Das Handy und diese ganze Technologie mit allen zukünftigen Möglichkeiten wird den Menschen zum Knecht übergeordneter Interessen machen und ihn entmündigen als selbstständiges Wesen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Philippe am 25.02.2015 19:57 Report Diesen Beitrag melden

    Smartphones sind kein Teufelszeug

    Es ist wie bei allem: Zu viel ist ungesund. Smartphones zu verteufeln wäre das Falscheste. Es geht um den vernünftigen Umgang mit den Dingern.

    • Zapp am 26.02.2015 20:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Leider sehr schwer

      Leider sehr schwer dies Menschen beizubringen die mit dem ganzen Zeugs aufgewachsen sind und noch nie einen Brief in Schriftdeutsch formuliert haben. Ich bin 18 und benutze mein Handy aussschliesslich nur zum Telefonieren und um ab und zu eine SMS zu schicken.

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  • Ei Foon am 25.02.2015 18:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich frage mich...

    ...führt exzessiver Social-Media-Aufenthalt (bzw was für die meisten Jugendlichen heute, wie ich es beobachte, Alltag ist) zum Identitätsverlust? Das Herumbasteln an der eigenen Fassade, die Selektion von Informationen, die man nach außen trägt... Wenn ich auf FB rumklicke kriege ich fast Komplexe weil mir vermittelt wird ich sei die einzige die grad nicht auf Weltreise ist, grad teuer beschenkt wurde oder auf der besten Party des Wochenendes unterwegs war... Smartphones machen nicht primär unfähig, sondern unzufrieden oder gar depressiv... Überspitzt formuliert natürlich :-)

    • Luzifer am 26.02.2015 12:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Facebook

      gab's schon vor den Smartphone. Ich habe ein Smartphone aber kein Facebook. Die beiden Dinger sind nicht abhängig von einander. Hier müsste die Aussage mehr sein soziale Netzwerke machen unglücklich.

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  • H. P. am 25.02.2015 17:30 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht unfähig, aber mehr fremdbestimmt

    Die digitale Entwicklung mit und rund ums Smartphone macht uns Konsumenten abhängiger und wir sind mehr und mehr fremdbestimmt. Wie weit das gehen soll, hängt von unserem Verhalten und nicht zuletzt vom gesunden Menschenverstand jedes Einzelnen ab.

    • Luzifer am 26.02.2015 12:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Wie meinst du das?

      Inwiefern werde ich von meinem iPhone bestimmt?

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  • Smart-dumm am 25.02.2015 17:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlimm

    Wir haben alle zusammen nicht den blassesten Schimmer wie sehr uns das schadet...

    • Luziferf am 26.02.2015 13:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Oder auch nicht

      Wir haben alle nicht den blassesten Schimmer ob uns das schadet.

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  • iPhone-Junkie am 25.02.2015 16:48 Report Diesen Beitrag melden

    Keineswegs!

    Smartphone's machen uns keineswegs unfähig. Diese entwickeln in uns ganz neue Fähigkeiten, solche welche heute mehr gefragt sind als die "alten". Trotzdem müssen wir uns Aus-Zeiten gönnen, dies ist wohl die grössere Herausforderung :-)

    • Gerd Leonhard am 25.02.2015 17:33 Report Diesen Beitrag melden

      Das denke ich auch

      Danke!

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