Gehirn in der Tasche

13. März 2015 06:53; Akt: 13.03.2015 06:53 Print

Wer oft am Smartphone hängt, wird denkfaul

Wer häufig googelt, statt selbst zu denken, riskiert seine Intelligenz. Dies haben kanadische Forscher in einer Studie herausgefunden.

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Der Basler Medienfuturist Gerd Leonhard geht davon aus, dass wir durch die zunehmende Abhängigkeit von unseren Smartphones verschiedene Fähigkeiten verlernen könnten. In einer aktuellen Mitteilung nennt er fünf mögliche Fälle von digitaler Demenz. Künftig haben wir es nicht mehr nötig, Fremdsprachen zu lernen: «Mit der Software Skype Translate oder mit der App Say Hi können wir jetzt schon mit fremdsprachigen Menschen in unserer Muttersprache reden.» «Was wir sagen, wird in Echtzeit übersetzt und kommt beim Empfänger in dessen Sprache an. Künftig können wir beispielsweise beim Daten oder im Restaurant das Handy reden lassen.» «Früher musste man sich auf einer gedruckten Karte orientieren. Hilfreich waren dazu Gebäude oder Punkte am Horizont. So kriegten wir ein Gefühl für den Ort, an dem wir uns befinden.» «Vielen Menschen fällt es inzwischen schwer, sich räumlich, zum Beispiel in einer Stadt, zurechtzufinden oder eine nicht digitale Strassenkarte zu verstehen. Der Grund: Sie haben sich an GPS und an interaktive Internet-Maps auf ihrem Handy gewöhnt.» «Früher fuhr man einfach los und schaute dann, wohin es einen auf der Reise verschlug. Der moderne Mensch überlässt fast nichts mehr dem Zufall und orientiert sich an Youtube, Tripadvisor, Google Maps, Waze und Facebook.» «Apps und Maps liefern uns Vorschläge für Sehenswürdigkeiten, Hotels und Restaurants und deren Bewertung durch andere Reisende.» «Früher blätterten wir eine Zeitung oder ein Magazin durch - heute ist für Menschen unter 30 (die «digital natives») ihr Facebook-Newsfeed wichtiger als jedes andere Medium, und dort tauchen nur die News ihrer Freunde und ihrer Likes - und deren Sponsoren - auf.» «Einen handgeschriebenen Brief zu erhalten, galt früher als normal. Wir müssen wohl jetzt bald davon Abschied nehmen, denn wir steuern in Richtung der visuellen und oralen Gesellschaft.» «Von Hand brauchen wir nichts mehr zu schreiben; der Computer hört uns zu und folgt unseren verbalen Anweisungen. Dazu kommen noch Gesten, mit denen wir unsere Geräte steuern. Wozu Schreiben lernen, wenn man es eh nicht braucht?»

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Telefonnummern, Wegbeschreibungen oder Bewertungen von Restaurants: Mit dem Smartphone und Suchmaschinen lassen sich diese Informationen innert Sekunden herausfinden. Nun zeigen kanadische Forscher auf, dass uns diese Bequemlichkeit denkfaul macht. Es besteht die Gefahr, dass das Denken auf «das Gehirn in der Hosentasche» ausgelagert wird, schreiben die Forscher im Fachmagazin «Computers in Human Behaviour».

Anfällig für die Denk-Auslagerung seien vor allem Nutzer, die eher nach dem Bauchgefühl, sprich intuitiv, handeln. Dies hat eine Studie mit 660 Probanden gezeigt. «Sie suchen nach Infos, die sie eigentlich wissen oder leicht lernen können, weil sie sich nicht die Mühe machen wollen, nachzudenken», schreibt Gordon Pennycook, Co-Autor der Studie, in einer Mitteilung der Universität Waterloo in Kanada. Analytische Denker und intelligentere Personen hingegen würden viel weniger Zeit mit der Suchfunktion ihres Smartphones verbringen, so Pennycook.

Vor einer digitalen Demenz warnte jüngst auch der Schweizer Futurist Gerd Leonhard. Er ist der Ansicht, dass uns das Handy entmündigt und abhängig macht. Dank Apps wie Skype oder digitalen Karten würden wir wichtige Fähigkeiten verlernen, etwa die Orientierung im Raum oder das Lernen von Fremdsprachen.

Social Media? Kein Problem

Laut den kanadischen Forschern besteht ein Zusammenhang zwischen intensiver Smartphone-Nutzung und geringer Intelligenz. Ob die häufige Nutzung dazu führe, dass die Intelligenz verringert wird, bleibe eine offene Frage. Hier seien weitere Studien notwendig, so die Wissenschaftler. Pennycook hält es indes für möglich, dass sich diese vom Smartphone ausgelöste Denkmüdigkeit negativ auf den Alterungsprozess auswirkt.

Die positive Seite: Während die häufige Smartphone-Suche etwas über die Intelligenz aussage, habe das Betrachten von Medien und die Nutzung von sozialen Netzwerken keinen Einfluss auf die Intelligenz. So hätten die Forscher bei ihrer Studie keine Verbindung zwischen der Nutzung solcher Dienste und kognitiven Fähigkeiten gefunden.

(tob)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Johnny Castaway am 13.03.2015 07:31 Report Diesen Beitrag melden

    Gerät ist smart, der User nicht

    Nun, es ist ziemlich offensichtlich, dass das stimmt, denn jegliche Denkleistungen, die ich delegiere, kann ich nach gewisser Zeit nicht mehr selber erbringen, weil unser Gehirn Training braucht. In einem Buch muss ich immer noch aktiv nach der gewünschten Information suchen, ein gewisses eigenes vernetztes Denken ist nötig, nicht wie bei einer Suchmaschine, wo ich nur ein Suchwort eingebe und schon etliche Treffer bekomme und die Informationen oft noch nicht einmal zuverlässig sind. Zudem hat man nicht jedes Buch griffbereit, was einen dazu zwingt, sich gewisse Sachen eher zu merken.

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  • Rolf H. Padlina am 13.03.2015 07:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und wer in Büchern nachschlägt/liest also auch?

    Das ist Blödsinn so hätte man vor Google sagen können, wer viel in Büchern nachschlägt/liest, riskiert seine Intelligenz

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  • blondi am 13.03.2015 07:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schlauer

    Finde ich gar nicht... Seit es internet gibt hat sich mein Allgemeinwissen total verbessert... Ich vernetze diese Dinge immer die ich lese, und bin total schlau geworden...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • R.E. am 14.03.2015 22:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    weniger oder mehr?

    Mag sein, dass sehr vieles heute im Internet nachgeschlagen wird, aber man muss in jedem Job auch immer mehr wissen und das innert möglichst kurzer Zeit. Überall wird immer mehr verlangt, was unmöglich alles immer im Kopf behalten werden kann.

  • Forscherli am 14.03.2015 08:53 Report Diesen Beitrag melden

    Ich hab auch eine Studie.

    Es einfach gibt zu viele Studien, das habe ich heraus gefunden. Frage mich überhaupt wie viel Geld in diese zum Teil unnötigen Studien fliessen...

  • Ling John am 13.03.2015 17:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    das Buch

    Als das Buch kam war die Ängste ähnlich. Menschen würden alles vergessen und sich auf Bücher verlassen. Größtenteils ist das wahr, Nebeneffekt war aber das wird unsere Gehirne für aber Aufgaben einsetzen konnten. Ich denke ähnlich gilt hier auch.

  • Peter am 13.03.2015 17:39 Report Diesen Beitrag melden

    Kommt drauf an...

    Gewisse Dinge mögen stimmen. Nicht alles. Es geht darum, die modernen Dinge wie Suchmaschinen, Handy etc. sinnvoll einzusetzen. Bis nämlich etwa Skype Translate etc. wirklich so brauchbar sind, dass man damit auch ein Date bestreiten kann, dauert es mit Sicherheit noch einige Jahre. Und selbst dann ist es immer noch besser, wenn man sich direkt mit dem Gegenüber unterhalten kann. Zudem ist Sprachen lernen trotzdem etwas interessantes und kann Spass machen.

  • Stefan Eich am 13.03.2015 16:05 Report Diesen Beitrag melden

    Wozu Studie?

    Dazu braucht es keine Studie. Das reicht schon wenn man unsere heutige Jugend anschaut. Die wissen ohne Handy wirklich rein gar nichts. Ein wunder dass sie überhaupt atmen können!