Operation Westboro

21. Februar 2011 14:30; Akt: 21.02.2011 14:30 Print

Zerreissprobe für Anonymous

Religiöse Hassprediger in den USA zogen angeblich den Zorn von Anonymous auf sich. Doch inzwischen hat sich das Hacker-Kollektiv distanziert. Es herrscht Verwirrung über die Ziele.

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Mitglieder der Westboro Baptist Church machen immer wieder durch umstrittene Protestaktionen auf sich aufmerksam. (Bild: Keystone)

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Die Westboro Baptist Church, eine religiös-fanatische Gruppierung aus Kansas, hat in der Vergangenheit immer wieder für beunruhigende Schlagzeilen gesorgt. Zuletzt haben die Hassprediger den Amoklauf in Tucson mit sechs Toten als Gottes Wille begrüsst und sind bei Begräbnissen von gefallenen US-Soldaten negativ in Erscheinung getreten. Tote Soldaten, Erdbeben, Wirbelstürme und die Terroranschläge vom 11. September 2001 seien die Strafe Gottes für die Duldung von Homosexualität, heisst es auf der Website der Gruppe, die am Montagmorgen vorübergehend nicht zu erreichen war.

Wegen ihrer Hasstiraden ist die Gruppe angeblich ins Visier von Anonymous geraten. Zumindest will das ein Offener Brief weismachen, der auf AnonNews.com veröffentlicht wurde. AnonNews.com gilt als unzensierte Kommunikationsplattform für die weltweiten Anonymous-Sympathisanten.

Im besagten Brief wird die Westboro Baptist Church als «Ansammlung von schamlosen Soziopathen, wahnsinnigen Chauvinisten und religiösen Eiferern» bezeichnet. Es wird gefordert, die Gruppe solle alle Protest-Aktionen einstellen, in ihre Häuser in Kansas zurückkehren und ihre eigene Website umgehend schliessen. Falls sie dieser Aufforderung nicht nachkomme, werde ihr mit der Operation Westboro «irreparabler Schaden» zugefügt.

Anonymous distanziert sich

Tatsächlich könnte es sich beim Offenen Brief aber um eine Fälschung handeln. In einer vom 20. Februar datierten «Pressemitteilung» distanziert sich Anonymous von der Operation Westboro. Anonymous setze sich seit jeher für das Recht auf freie Meinungsäusserung ein - dies beinhalte auch umstrittene Meinungen. Der Aufruf, die Website der Hassprediger zu attackieren, sei eine Falle, die von den Hasspredigern selbst gestellt wurde. Dadurch erhoffe sich die Gruppe – neben medialem Aufsehen – vor allem Geld. Ziel sei es, Angreifer auf frischer Tat zu ertappen und sie auf Schadenersatz zu verklagen.

In einer weiteren «Pressemitteilung» zeigt sich Anonymous enttäuscht vom bisher Erreichten. Man habe das Beste versucht, um den Menschen in Ägypten, Tunesien, Bahrain und anderen arabischen Ländern zu helfen. Doch man sei nicht mit ihnen auf den Strassen gewesen und wolle sich dafür entschuldigen. Gleichzeitig distanziert sich die Gruppe von den Hackerangriffen auf die US-Sicherheitsberatungsfirma HBGary. Die Mehrheit der Anonymous-Mitglieder sei nicht damit einverstanden gewesen.

«Zu weit gegangen»?

Die Mitteilung beinhaltet ein ernüchterndes Fazit: «Das Chaos ist zu weit gegangen und muss gestoppt werden.» Anonymous schicke darum einen Killswitch – also sozusagen einen Ausschaltknopf - an alle Personen, die sich als Mitglieder von Anoymous verstehen. Alle Operationen seien gescheitert und sollten eingestellt werden. «We apologize to the entire world for raping you with our lulz. It was a mistake on our parts and the moralfag has taken over. We’re sorry.» Kurz gesagt: Man wollte eigentlich nur Spass und entschuldige sich dafür.

Über die Aussagekraft und Authentizität solcher Anonymous-«Pressemitteilungen» kann nur spekuliert werden. Bei Anonymous handelt es sich bekanntlich nicht um eine Gruppe mit festen Organisationsstrukturen, sondern um einen losen, weltweiten Zusammenschluss von Internetnutzern. Innerhalb der Gruppierung gibt es die verschiedensten Strömungen, von anarchistischen Computer-Spezialisten über Menschenrechtsaktivisten bis hin zu pubertierenden Teenagern, die nur ihren Spass suchen im Netz. Ausserdem kann nicht ausgeschlossen werden, dass Dritte dem Ansehen der Hacker-Gruppe bewusst schaden wollen, indem sie falsche Stellungnahmen veröffentlichen.

Auf AnonNews.org werden inzwischen vermehrt auch kritische Stimmen laut, die fordern, dass sich Anonymous wieder auf das revolutionäre Geschehen in Libyien und anderen Staaten konzentrieren solle.

(dsc)